Penny Dreadful 3x09

Plötzlich ging alles ganz schnell. So folgerichtig die Entwicklungen am Ende der Episode The Blessed Dark, dem Finale der dritten Staffel, auch sind, so überraschend ist es, sofort danach die Worte „The End“ zu lesen. Zur Zukunft von Penny Dreadful gibt es noch keine offizielle Verlautbarung seitens Showtime, viel eindeutiger könnte eine solche aber innerhalb der eigenen Serienwelt nicht platziert werden. Ohne Vanessa Ives (Eva Green) kann und sollte das Format nicht zurückkehren.
At peace
Die Finalepisode ist kein Meisterwerk ausgefeilter Dramaturgie, sondern eine Sammlung großer, bewegender Momente, was den Verlauf der gesamten Serie widerspiegelt. „Penny“ wusste oftmals nicht, wie es die Zeit zwischen seinen vielen Charakteren sinnvoll aufteilen sollte, schaffte es aber immer wieder, mit großzügig eingesetztem Pathos erinnerungswürdige Augenblicke zu kreieren. Für jede Szene, in der sich Victor Frankenstein (Harry Treadaway) oder John Clare (Rory Kinnear) selbst bemitleideten, gab es eine, in der die begnadete Eva Green ihr gesamtes Talent ausspielen durfte.
Bereits zum Ende der ersten Staffel hatte Serienschöpfer John Logan erkannt, wer der wahre Star seines Ensembles ist, weshalb Vanessa Ives fortan zum Mittelpunkt der Serie avancierte. Angesichts dieser Entwicklung verwundert es umso mehr, dass sie im vermuteten Serienfinale kaum auftaucht. Ihr gehört zwar die emotional aufwühlendste Szene darin, jedoch hätte ich mir gewünscht, dass die letzten beiden Episoden - oder zumindest die letzte - zur Eva-Green-Show werden. Stattdessen bekommt eine Figur wie Renfield (Samuel Barnett) mehr Screentime als sie.
Das Problem dabei ist die schnelle Überführung von Vanessa auf die dunkle Seite. Die wurde am Ende der Episode Ebb Tide abgefrühstückt, als sei sie keine monumentale Veränderung gewesen. Dadurch erhalten sämtliche Entwicklungen zum Ende dieser Serie den fahlen Beigeschmack, dass Vanessa eben doch nicht ihr schlagendes Herz war, sondern die Männer in ihrem Leben, die durch ihren Tod eine wichtige Lektion gelernt haben - und das ist nun wirklich eine vergessenswerte TV- und Filmtrope.

Andererseits erscheint es nun unausweichbar, dass sich Vanessa opfern musste, um der ewigen Dunkelheit ein Ende zu machen. Logan und Konsorten hätten sich dafür aber gut und gerne eine weitere Staffel Zeit nehmen können. Das Ende der dritten hätte als Hinwendung Vanessas zum Bösen genutzt werden können, um dann eine abschließende vierte als Rettungsaktion ihrer einzigen verbliebenen Freunde zu konzipieren. So jedoch kommt beinahe jeder Handlungsbogen übereilt abgeschlossen daher - mit Ausnahme derer, die nie wirklich interessant waren.
Beautiful and dead
Ein gutes Beispiel dafür erhalten wir mit dem Abschluss des Erzählstrangs um Dorian Gray, dessen Schauspieler Reeve Carney mir angesichts der omnipräsenten Kritik beinahe ein bisschen leid tut. Es ist aber auch zu ärgerlich, dass einer der vielversprechendsten Handlungsbögen dieser Staffel so wirkungslos verpufft. Als Lily (Billie Piper) zu ihm zurückkehrt, kann sie das Scheitern ihres feministischen Aufstands nur noch zähneknirschend zusammenfassen: „So my great enterprise comes to no more than this, one more dead child.“
Dorian hat darauf nicht mehr zu antworten als sein dünnes Lebensmotto: „Better not to care at all.“ Zugegebenermaßen ist seine Figur angesichts ihrer Unsterblichkeit von einer großen Tragik beseelt, wie er nachfolgend ausführt. Leider konnte daraus aber nie ausreichend interessanter Stoff für drei Staffeln gewonnen werden - und als das endlich der Fall war, wurde der Erzählbogen aus Zeitmangel im Keim erstickt. Dabei hätte man an so vielen Stellen streichen können, was vor allem für die Reisen gilt, zu denen verschiedene Charaktere am Ende der zweiten Staffel aufgebrochen waren.
So visuell beeindruckend der Ausflug nach New Mexico auch war, so wenig Bedeutung hatte er für das Serienfinale. Ähnliches gilt für die Abenteuer von John Clare im Packeis des Nordpols. Er bekommt allerdings den zweiten und dritten großen Moment des Finales zuerkannt. Im cold open stellt er fest, dass sein Sohn Jack (Casper Allpress) den Kampf gegen die Pest endgültig verloren hat. Hernach wird er von seiner Ehefrau Marjorie (Pandora Colin) vor eine schwierige Entscheidung gestellt - entweder lässt er Jack wiederbeleben oder kehrt nie wieder nach Hause zurück.

Der alte John - dessen richtigen Namen wir nie erfahren - hätte sich vielleicht für die künstliche Wiederauferstehung entschieden, der weiterentwickelte weiß aber, dass es nur einen Pfad für ihn geben kann. Um seinem Sohn weiteres Leid, sein Leid, zu ersparen, bestattet er dessen Leiche in der Themse. Er ist jetzt wieder alleine, aber er hat das Richtige getan. Er hat sein Glück für das seines toten Sohnes geopfert. Jetzt muss er sich nur noch von Vanessa verabschieden - der einzigen Person in seinem Leben, die ihn als Menschen und nicht als Monster wahrnahm.
A dark road
Was die Todesszene von Vanessa bei mir nicht bewirken konnte, schaffte schließlich ihr Begräbnis, das von den Worten des englischen Dichters William Wordsworth begleitet wird. Vorgetragen wird das Gedicht Ode: Intimations of Immortality from Recollections of Early Childhood von John aus dem Off, was seinem persönlichen Abschied zusätzliches Gewicht verleiht. Für solche Momente ist Penny Dreadful bekannt. Solche Momente schafft kaum eine andere Serie besser.
Die über der gesamten Staffel schwebende Frage, ob und wann Dr. Jekyll (Shazad Latif) zu Mister Hyde werden würde, beantwortet die Serie auf ganz eigene Weise. Henry probiert sein Gebräu nie an sich selbst aus, erbt dafür aber das Vermögen und den Titel seines Vaters, weshalb er fortan als Lord Hyde durchs Leben schreitet. Sein Kollege Frankenstein, mit dem ihn eine ausgeprägte Hassliebe verbindet, eröffnet ihm jedoch, dass ihm auch diese ohne Eigenleistung erworbenen Auszeichnungen nicht die Anerkennung einbringen würden, nach der er sich so sehr sehnt.
Auch für diesen Handlungsbogen gilt, dass sein Ende effektiver hätte landen können, hätten wir mehr Zeit mit diesen Figuren verbracht. Die andere Option wäre gewesen, ganz darauf zu verzichten, um mehr Platz für Vanessa Ives zu schaffen. Aber so tickt „Penny“ nicht. Das Format zeigte sich stets loyal zu seinen großen Vorlagen aus der Horrorliteratur, weshalb es auch nicht überrascht, dass Vanessa für das persönliche Wachstum dreier Männer geopfert wurde. Darauf war die Serie angelegt, dort ist sie angekommen. Dramaturgische Inkohärenz ist also das letzte, was man John Logan vorwerfen kann.
Neben der traurigen Tatsache, dass sich die Serie ganz offensichtlich verabschiedet hat, ist der Makel dieser dritten Staffel, dass am Ende alles zu schnell gehen musste. Andererseits wurden wir mit einem Episodenmeisterwerk wie A Blade of Grass beschenkt, was den gehetzen Abschluss beinahe alleine wettmacht. Große Momente konnte Penny Dreadful am besten, und große Momente hat uns die Serie bis zum Schluss geschenkt. Es waren drei schöne Jahre.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 20. Juni 2016(Penny Dreadful 3x09)
Schauspieler in der Episode Penny Dreadful 3x09
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