Penny Dreadful 3x06

Das Ende der Episode No Beast So Fierce ist ebenso überraschend wie folgerichtig. Der Ausflug nach New Mexico von Werwolf Ethan (Josh Hartnett) und all denjenigen, die hinter ihm hergejagt sind, findet darin zu seinem Abschluss. Das überrascht einerseits, weil sich der gerade erst eingeführte und von Brian Cox glänzend verkörperte Charakter von Ethans Vater schon wieder verabschiedet hat. Andererseits stehen nur noch drei Episoden aus, weshalb es an der Zeit war, das amerikanische Abenteuer zu beenden und die Rückreise nach London anzutreten.
Wet with blood
Bevor das geschehen kann, ist einiges an dramaturgischer Aufräumarbeit zu leisten. Die Episode beginnt mit genau jener Szene, mit der This World Is Our Hell geendet hatte. Mit gezückter Pistole will Jared Talbot seinen Sohn dazu zwingen, für seine Sünden zu büßen. Andernfalls werde er von ihm an Ort und Stelle in die Hölle geschickt. Ethan kann darüber nur müde lächeln und entgegnet mit unverrückter Miene, dass die Hölle genau der Ort sei, wo er hingehöre. Gerettet wird der erst kürzlich zur dunklen Seite Konvertierte ausgerechnet von seinem Häscher Rusk (Douglas Hodge), der mit strahlendem Lächeln verkündet, dass er hier sei, um die ganze Bande zu verhaften.
Die vor Süffisanz triefende Aussage legt nahe, dass er genau weiß, wie unwahrscheinlich es ist, dieses Ansinnen in die Tat umzusetzen. Also nehmen er und US-Kollege Ostow (Sean Gilder) die merkwürdigste Dinnereinladung der Welt an. Am Esstisch versucht Talbot abermals, auch nur ein Jota Reue aus seinem letzten verbliebenen Kind für dessen abscheuliche Taten zu kitzeln - ohne Erfolg. Stattdessen nimmt Ethan das Angebot seiner Begleiterin Hecate (Sarah Greene) zum Abschlachten der übrigen Dinnergäste an. Ganz so, wie sie sich das vorgestellt haben mag, kommt es dann aber nicht.
Ein großes Blutvergießen resultiert trotzdem. Es sterben nicht nur Rusk und Ostow, sondern bedauerlicherweise auch Hecate, die einem einzigen Schuss aus dem Revolver des Scotland-Yard-Inspektors weder ausweichen noch standhalten kann. Die Figur diente zwar eher als Plotelement denn als echter Charakter, leistete aber ganze Arbeit darin, Ethan zur Umarmung seines wahren Ich zu verleiten, und wurde von Sarah Greene mit großer Freude am abgründigen Pulp gespielt. Während wir also noch um Hecate trauern, wird Sir Malcolm (Timothy Dalton) vom plötzlich wiederauferstandenen Kaetenay (Wes Studi) gerettet.

Unweigerlich kommt es nun zum Showdown just an dem Ort, an dem wenige Stunden zuvor schon einmal ein solcher stattgefunden hatte. Dieses Mal bietet sich Ethan die Gelegenheit, seinem Vaterkomplex ein für alle Mal den Garaus zu machen (oder, je nach Lesart, ihm ordentlich Futter zu geben). Was er nicht über sich bringt, erledigt Malcolm auf überraschend kaltblütige Art. Er, der sich vielleicht sogar als Ersatzvater für Ethan sieht, wird dafür in der nächsten Episode sicherlich eine vernünftige Erklärung parat haben. Vielleicht lautet die ja so: Wir mussten schnellstmöglich zurück nach London.
We are not women who kneel
Dort bekommen wir Updates zu sämtlichen übrigen Figuren dieses ausnehmenden Ensembles. Ebenso fulminant wie witzig geht der Handlungsbogen um Victor Frankenstein (Harry Treadaway) und seine vermeintliche Braut Lily (Billie Piper) weiter. Mit den von ihm und Dr. Jekyll (Shazad Latif) zusammengebrauten Super-Roofies ausgestattet, macht er den stümperhaftesten Entführungsversuch der Kriminalgeschichte, was von Lily hernach köstlich kommentiert wird. Hätte er gewusst, dass sie gerade damit beschäftigt ist, eine proto-feministische Brigade ehemaliger Prostituierter auszubilden, hätte er sich vielleicht einen elaborierteren Plan ausgedacht.
So jedoch läuft er geradewegs in die Arme dieser rachsüchtigen Kampftruppe, die von der besonders eifrigen und außerordentlich mordlustigen Justine (Jessica Barden) angeführt wird. Die hat schon zuvor bewiesen, dass sie am liebsten jedem einzelnen Mann die Behandlung zukommen lassen würde, die sie später für Victor vorsehen wird - sogar ihrem Retter Dorian Gray (Reeve Carney), zu dem sie im Laufe der Episode in offene Opposition tritt. Während einer Lehrstunde zur richtigen Verwendung eines Dolches kann sie nur von Lily abgehalten werden, Dorian an Ort und Stelle abzustechen. Barden spielt ihre Rolle mit ebenso sehenswertem Pomp wie Greene.
Gerettet wird Frankenstein nur dank Dorians Intervention und Lilys Großzügigkeit. Sie lässt ihn leben, spricht aber auch eine eindeutige Warnung aus. Als Victor das Haus zum ersten Mal betrat, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass er oder Dorian - oder am besten beide, was natürlich utopisch ist - die nächste Episode nicht mehr erleben würden. Seit sich Lily auf ihren feministischen Kreuzzug begeben hat, sind die beiden die uninteressantesten Figuren in der Serie. Am Ende der Staffel sollte sich wenigstens einer von beiden verabschiedet haben.

Dann könnten wir auch wieder mehr Zeit mit der famosen Vanessa Ives (Eva Green) verbringen, die in No Beast So Fierce eine aussichtsreiche und eine verhängnisvolle Begegnung macht. Auf den Rat ihres letzten verbliebenen Freundes Ferdinand Lyle (Simon Russell Beale), der sich Richtung Kairo verabschiedet, um dort Mumienforschung zu betreiben, macht sie die Bekanntschaft einer vielversprechenden neuen Figur. Catriona Hartdegen (Perdita Weeks) ist nicht nur Fechtkünstlerin, sondern auch äußerst belesene Thanatologin.
What are you?
Sie klärt Vanessa - und wahrscheinlich auch viele Zuschauer - über den Dracula-Mythos auf und gibt ihr einen wichtigen Tipp mit auf den Weg: „There is only one defense against isolation. Be with those you love.“ Weil Vanessa aber kaum noch jemand geblieben ist, wendet sie sich an Dr. Seward (Patti LuPone), die eine fatale Empfehlung abgibt, was den amerikanische Kollegen Scott Von Doviak vom AV Club zu folgender amüsanter Einschätzung inspiriert hat: „(...) the worst psychiatric advice since Dr. Melfi suggested Tony Soprano pick up a copy of The Art Of War (…)“
So kommt es also, dass sich Vanessa in die Höhle der Fledermaus (Christian Camargo) begibt, wo sie ihrem Jäger das erzählt, was der schon längst weiß, und nur einmal kurz zögert, nachdem sie sich zum ersten Mal geküsst haben: „Every time I've given my heart it has led to catastrophe.“ Ja, liebe Vanessa, das wird auch dieses Mal wieder der Fall sein. Da macht es eigentlich auch keinen Unterschied mehr, dass es Du und der vollkommen unsüße Dr. Sweet nicht mal mehr aus seinem Taxidermielabor schafft, bevor Ihr übereinander herfallt.
Die Ernüchterung, die Vanessa bald erneut bevorsteht, holt sich John Clare (Rory Kinnear) schon in dieser Episode ab. Er stattet seinem todkranken Sohn einen Besuch ab, wobei der erst glaubt, einem Fiebertraum beizuwohnen, als er die Stimme seines totgeglaubten Vaters vernimmt: „Are you an angel?“ Ein kurzer Moment der Luzidität bringt dann aber die unansehnliche Wahrheit - mein Vater ist ein Monster. Dem vom Schreckensgeschrei vertriebenen John bleibt nichts anderes übrig, als auf der Straße vor Gram zusammenzubrechen. Dieser Handlungsbogen bekommt nicht allzu viel Raum, was angesichts des dünnen Materials auch nicht bedauerlich ist.
Zum Ende der dritten Staffel läuft Penny Dreadful beinahe wieder zu Höchstform auf.
Trailer zu Episode 3x07: 'Ebb Tide'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 6. Juni 2016Penny Dreadful 3x06 Trailer
(Penny Dreadful 3x06)
Schauspieler in der Episode Penny Dreadful 3x06
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