Penny Dreadful 3x04

Hat man als Serienmacher das Glück, ein schauspielerisches Naturereignis wie Eva Green in seinem Ensemble zu wissen, sollte man davon regen Gebrauch machen. Dass John Logan und seine Penny Dreadful-Kollegen diesen Rat bisher befolgt haben, steht außer Frage. Mit der fantastischen Episode A Blade of Grass bieten sie ihrer unglamourösen, völlig angstbefreiten Darstellerin nun die Bühne, die sie sich längst verdient hat. Diese Schauspielerin fasziniert selbst dann noch, wenn sie alleine vor einer weißen Wand sitzt.
God has forgotten me
Ausgelöst wird die für Vanessa Ives sehr greifbare Rückschau durch eine Hypnosesitzung bei Dr. Seward (Patti LuPone). Außer diesen beiden wird in der Episode nur noch Rory Kinnear auftreten - und das in gleich drei verschiedenen Rollen, von denen keine seine übliche ist. Auch ihm gehört für seine schauspielerische Leistung uneingeschränkte Hochachtung ausgesprochen. Die Episode liefert die Hintergrundgeschichte von Vanessas Aufenthalt in der Irrenanstalt, in der - sehr wahrscheinlich - eine Lobotomie an ihr vorgenommen wurde.
Bei der gedanklichen Zeitreise gerät sie in Gefangenschaft ihres eigenen Verstandes: „Your mind is in between both worlds now.“ Sie erinnert sich daran, dass der Teufel bei ihr war, nicht aber daran, wer der andere Dämon war. Darüber erhalten wir im Laufe der Episode auf höchst mitreißende Art Aufklärung. Zunächst braucht es aber gar keine übernatürliche Kreaturen, um echten Horror zu verbreiten. Es reicht die stille, aber brutale Pflichterledigung ihres Wächters und Betreuers (Kinnear). Als sie das Essen verweigert, wird sie von ihm zwangsernährt.
Mit ruhiger Hand, aber gequälter Mine geht er seinem verabscheuungswürdigen Handwerk nach, ein tatsächlich absolut unmenschlicher Vorgang, wie dieses Video beweist. Danach entwickelt sich ein Machtspiel zwischen den beiden, als Vanessa sich weiterhin weigert, zu essen und er den Teller nicht mehr auf dem Stuhl abstellt, sondern auf dem Boden, wie einen Napf. Er bleibt jetzt im Zimmer und spricht mit ihr, gibt ihr aber auf die Frage, welche Tageszeit es sei, nur eine äußerst vage und unendlich enervierende Antwort: „Which would you prefer it to be?“

Wer bis dahin geglaubt hat, dass es für Vanessa nicht schlimmer kommen könnte, der wird nun eines Besseren belehrt. Nach einer sogenannten Hydrotherapie sitzt sie nass und frierend auf dem nackten Fliesenboden. Später erhält sie von John - oder wie auch immer sein Name damals war - eine Decke, die ihr aber wieder abgenommen wird. Sie greift ihn daraufhin an und verletzt ihn leicht. Das Resultat ist eine Zwangsjacke - und der Glaube, von Gott verlassen worden zu sein: „I am no one. I have no name, no purpose.“ Was für Arya Stark erstrebenswert ist, ist für Vanessa die reinse Horrorvorstellung.
None of us are heroes
Die dauerhafte Auseinandersetzung mit Vanessas Leidensgeschichte wird einen bleibenden Eindruck bei John hinterlassen. Vorher dient er jedoch als Körper, damit sich ihr der Höllenfürst persönlich zeigen kann. Dr. Seward diagnostiziert die Erscheinung als eine Art Komazustand („fugue state“), den Vanessa nur alleine durchbrechen kann. Die Behandlungen „eskalieren“ - wie sie es nennt - nun weiter, wobei sie zusätzlich zur Zwangsjacke einen Knebel verpasst bekommt, der eine Kieferstarre hinterlässt, die John manuell schließen muss.
Da erreicht die Perversion seiner Pflichterfüllung ihren Höhepunkt. Nachdem er Vanessa den Knebel abgenommen hat, schminkt er sie mit den Utensilien seiner Ehefrau Margary und liest ihr ein Gedicht vor (,My Shadow' von Robert Louis Stevenson). Er versucht, ihr neue Hoffnung einzuflößen, entschuldigt sich zum wiederholten Male, macht Versprechungen und beteuert, für sie beten zu wollen. Schließlich gibt er ihr endlich die Möglichkeit, ihr Zeitgefühl wiederzufinden. Es ist Weihnachten. All das hilft jedoch nichts. Als wir Vanessa das nächste Mal sehen, ist sie hoffnungsloser denn je.
Abermals wird sie von John gewarnt, dieses Mal noch eindringlicher. Sollte sie es nicht schaffen, Folterarzt Banning von ihrer geistigen Gesundheit zu überzeugen, stünde ihr ein grausamer Eingriff - besagte Lobotomie - bevor. Vanessa will da aber noch als Märtyrerin sterben - wie Johanna von Orleans: „I should've died a virgin. Be true, be strong. Sing on the funeral pyre.“ Spätestens da sieht es Luzifer geboten, noch einmal selbst einzugreifen: „I don't want you to fear me. I want you to embrace me.“ Jedoch taucht nicht nur er auf, sondern auch sein Bruder, der Herr der Finsternis, Dracula.

In Penny Dreadful ist er offensichtlich der mächtigere im sinistren Geschwistergespann. Jedenfalls kauert sich der Teufel schüchtern ins Eck, nachdem sein Bruder aufgetaucht ist. Dracula macht Vanessa ein unverhohlenes Angebot: „Be my bride and then all light will end and the world will live in darkness.“ Er hat sie beinahe so weit, sich seiner fleischlichen und ihrer Gelüste hinzugeben, als er seinen Namen ausspricht und Vanessa damit augenblicklich aus ihrer Trance reißt. Sie erkennt jetzt, was die Absicht ihrer unheimlichen Besucher ist: „Two brothers fallen from grace: the spirit and the animal. You seek my soul, you my body.“
The age of science and faithlessness
Diese Einsicht erneuert ihren Gottesglauben, ja, macht ihn sogar stärker als zuvor: „I am nothing. I am no more than a blade of grass. But I am. You think you know evil. Here it stands.“ Sie verwandelt sich nun selbst in das in Zungen sprechende Wesen, das sich aus eigenem Willen über den Boden erheben kann. Sie wacht in der Position wieder auf, in der sie zuletzt mit John gesprochen hatte, jedoch nur in ihrer gedanklichen Zwischenwelt, nicht in der wirklichen. Die für das Verständnis darüber nötigen Hirnverrenkungen rangieren beinahe schon auf „Inception“-Niveau.
Bevor sie in die Realität zurückkehren darf, muss sie weitere Qualen über sich ergehen lassen. Nach dem erfolglosen Versuch von Dr. Seward, sie zurückzuholen, sehen wir sie mit abrasierten Haaren wieder. Ihr Kommentar dazu ist zum Heulen süffisant: „I didn't counterfeit normality well enough.“ Zum vorerst letzten Mal - bis zur Handlung der zweiten Staffel, in der sie ihn aber nicht wiederkennt - trifft sie auf John, der seinen von ihrem Schicksal inspirierten Abschied verkündet: „One person does live there, where it's cold and lonely all the time.“
Die Szene endet mit einem Kuss und ist ebenso zärtlich wie unendlich traurig. Hernach wacht Vanessa im Büro von Dr. Seward auf, es scheint viel Zeit vergangen zu sein. Die Psychologin ist sichtlich erschöpft, vor ihr liegt ein ganzer Berg handgeschriebener Notizen. Sie will nun wissen, an was sich Vanessa erinnert. Die kurze Antwort: an alles - auch an den Namen „Dracula“. Obwohl dies bereits die dritte Episode ist, die auf der Nennung dieses Namens endet, verliert die Schlussszene nichts von ihrem emotionalen Eindruck. Die Serie hat eine gewaltige Tour de Force abgeliefert und dabei ihre vielleicht beste Episode.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 23. Mai 2016Penny Dreadful 3x04 Trailer
(Penny Dreadful 3x04)
Schauspieler in der Episode Penny Dreadful 3x04
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