Penny Dreadful 2x02

Penny Dreadful 2x02

Wenn Penny Dreadful eines kann, dann das: echten Horror in uns wecken. Das schafft die Serie auch wieder in Verbis Diablo - eine Episode, die gemächlich voranschreitet, um am Ende ein Tableau der Widerwärtigkeit zu präsentieren, auf dem der zentrale Konflikt weiter eskaliert.

Sir Malcolm (Timothy Dalton) wird von Evelyn Poole (Helen McCrory) mit allen Mitteln der Hexenkunst verführt. / (c) Showtime
Sir Malcolm (Timothy Dalton) wird von Evelyn Poole (Helen McCrory) mit allen Mitteln der Hexenkunst verführt. / (c) Showtime
© (c) Showtime

Die neue Episode der Showtime-Horrorserie Penny Dreadful ist ein Paradebeispiel dafür, was Showrunner John Logan besonders gut kann. Wirklich viel passiert in Verbis Diablo nicht, die Szenen sind aber von solch einer hohen atmosphärischen Dichte, dass meine Aufmerksamkeit trotz geringen Plotfortschritts permanent hoch war. Wie bei kaum einer anderen Serie kann man sich hier in einen Sog ziehen lassen, der einen für eine knappe Stunde ins viktorianische London des späten 19. Jahrhunderts versetzt.

Is this what it is to go mad?

Untrennbar mit dem omnipräsenten weltlichen und übernatürlichen Leiden verbunden ist das sexuelle Element, das hier in jedem Handlungsstrang eine gewichtige Rolle spielt. Der zentrale Konflikt spielt sich weiterhin zwischen Vanessa Ives (Eva Green) und ihrer neuen Gegenspielerin Evelyn Poole ab (Helen McCrory - bei IMDb ist sie noch als „Madame Kali“ gelistet, weswegen ich sie in der letzten Review fälschlicherweise so bezeichnet hatte, Verzeihung dafür).

Zunächst bekommt Vanessa von ihrem Mentor und Beschützer Sir Malcolm (Timothy Dalton) eine Lektion in Sachen Ehrfürchtigkeit und Bescheidenheit erteilt. Er nimmt sie mit in eine unterirdische Suppenküche für Cholerakranke, wo er regelmäßig als Freiwilliger aushilft, denn: „It makes me feel like I'm a better man.“ („Ich fühle mich danach wie ein besserer Mann.“) Ganz uneigennützig ist es also nicht, was er da tut. Vanessa aber versteht und zeigt sogleich großen Einsatz bei der Speisung der Armen. Es ist gut zu sehen, dass sich die Serie nicht nur hinter die geschlossenen Mauern des Geldadels flüchtet und nicht davor zurückschreckt, die miserablen hygienischen und sozialen Zustände dieser Zeit aufzuzeigen.

Dort trifft Vanessa auch auf Frankensteins Monster aka John Claire (Rory Kinnear), der sich wohl wegen der Abgeschiedenheit hierhin zurückzieht (er ist wohl auch nicht anfällig für Krankheiten, nehme ich nun einfach mal an). Schnell kommen die beiden ins Gespräch, erst über den Glauben, dann über Poesie. John plädiert mit dem Dichter William Blake für seine atheistische (zumindest aber agnostische) These, wonach die Welt genügend Schönheit biete, um sich nicht in Fantasiegeschichten stürzen zu müssen.

Vanessa schaut sich daraufhin erstaunt um und deduziert: „I see no wildflowers here. Only pain and suffering.“ („Ich sehe hier aber keine wilden Blumen. Nur Schmerz und Leid.“) Er ermahnt sie daraufhin, einen näheren Blick zu wagen. Sie versteht: „You have beautiful eyes.“ („Sie haben schöne Augen.“) In diesem Austausch steckt zunächst nichts Sexuelles, im weiteren Verlauf werden beide Handlungsstränge jedoch immer stärker davon durchdrungen.

Where will it end?

Evelyn Poole fährt eine mehrgleisige Taktik, um sich Vanessa Ives zu nähern. Bedauerlicherweise erfahren wir jedoch immer noch nicht, woher dieser unbändige Hass eigentlich kommt. Jedenfalls nutzt die Hexe ihre übernatürlichen Kräfte, um Vanessas Beschützer Malcolm in ihren Bann zu ziehen. Bei einem ersten Flirt haucht sie ihm etwas in der Sprache des Teufels ins Ohr, woraufhin er ihr zu verfallen scheint. Beim anschließenden Date auf dem Schießstand beteuert er ihr mehrmals, dass ihm seine Ehe, die nur noch zum Schein aufrechterhalten werde, nichts bedeute.

Wenn hier die sexuellen Konnotationen noch reduziert aufgefahren werden, so platzen sie bei der Instrumentalisierung von Ferdinand Lyle (Simon Russell Beale) geradezu aus der Geschichte heraus. Eben hat er noch mit der Hilfe von Ethan Chandler (Josh Hartnett) im British Museum nach einer Artefaktensammlung mit Inschriften in Verbis Diablo gesucht, da sitzt er schon in den Hexengemächern und muss sich einen Spionageauftrag bei Malcolm und Vaness aufzwängen lassen - wahrscheinlich, weil er schwul ist und von Evelyn mit kompromittierenden Fotos erpresst wird.

Den großen Schocker hebt sich Logan aber bis zum Ende der Episode auf. Zunächst darf sich Evelyns Tochter Hecate (Sarah Greene) auf einer Solomission beweisen. Sie soll im Londoner Untergrund für Nachschub für das Gruselkabinett ihrer Mutter sorgen. Die verpflanzt dort echte Babyherzen in Voodoopuppen ihrer Feinde, um ihnen so Schmerzen zuzufügen - Vanessa Ives bekommt eine Kostprobe davon umgehend zu spüren. Arme Vanessa! Derzeit stehen ihr eigentlich nur noch Ethan (der langsam dahinter kommt, wer oder was er sein könnte) und Sembene (Danny Sapani) als Beschützer zur Seite. Victor Frankenstein (Harry Treadaway) ist nämlich auch gerade mit einem eigenen Projekt beschäftigt.

Er tauft sein zum Leben wiedererwecktes Wesen „Lily“, obwohl sie früher auf den Namen Brona (Billie Piper) hörte. Der liebestaumelnde John will ihr Herz sofort mit Poesie erfüllen, Victor rudert aber erst einmal zurück: „Let me fill her head with language first.“ („Lass mich erst einmal ihren Kopf mit Sprache füllen.“) John versteht das, kann aber auch sehr genau seine eigenen Bedürfnisse formulieren: „She is our future, creator. Tread carefully.“ („Sie ist unsere Zukunft, mein Schöpfer. Sei vorsichtig.“)

I'm at your mercy

Das Wiedererlernen der Sprache geht schneller vonstatten als angenommen, weshalb sich auch hier das sexuelle Element schnell in die Handlung einschleicht. Lily ist als Weggefährtin von John geschaffen worden, aber Victor scheint auch eine gewisse Zuneigung zu ihr zu verspüren - und die ist nicht nur väterlicher Natur. Würde er sie als seine Tochter erachten, würde er sie wohl nicht so anfassen. Andererseits behauptet er, dass er ihr Cousin sei, was wiederum gegen eine sexuelle Anziehung sprechen würde. Ob sich aus diesem schicksalhaften Verbund ein Liebesdreieck entspinnt, ist eine der spannenderen Fragen dieser zweiten Staffel.

Weniger spannend bleibt die Geschichte von Dorian Gray (Reeve Carney), der zum ersten Mal in der neuen Staffel auftaucht. Er bekommt ob seiner immerwährenden Schönheit auf der Straße von der Prostituierten Angelique (Jonny Beauchamp) eine eindeutige Einladung. Ob er da bereits weiß, was ihn erwartet? Den Zuschauer erwartet jedenfalls etwas, das man selbst im zügellosen Pay-TV nicht oft zu sehen bekommt: Full frontal nudity bei einem Mann. Im Sinne sexueller Gleichberechtigung kann eine solche Szene durchaus belobigt werden. Im Sinne spannenden Storytellings muss sich dieser Erzählbogen erst noch beweisen.

Im Gegensatz zum turbulenten Auftakt nimmt Penny Dreadful in Verbis Diablo den Fuß vom dramaturgischen Gas. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Spannungsniveau dieser Episode nicht ebenso hoch wäre. Es sind all die kleinen schauspielerischen Nuancen, Dialogfeinheiten und Ausstattungsmerkmale, die diese Serie zu etwas Besonderem machen. Und natürlich die Szenen, in denen das Herz eines Babys herausgeschnitten und in eine Voodoopuppe eingenäht wird.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. Mai 2015
Episode
Staffel 2, Episode 2
(Penny Dreadful 2x02)
Titel der Episode im Original
Verbis Diablo
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 10. Mai 2015 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 15. Mai 2015
Autor
John Logan
Regisseur
James Hawes

Schauspieler in der Episode Penny Dreadful 2x02

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