Orphan Black 2x08

Es gelingt Orphan Black - wie auch in der Vorgängerepisode Knowledge Of Causes, And Secret Motion Of Things (2x08) - immer wieder aufs Neue, die Zuschauer in der überwiegenden Mehrzahl der Erzählstränge gleichermaßen zu begeistern. In Variable And Full Of Perturbation gibt es bedauerlicherweise gleich mehrfach Anlass zur Kritik.
Die Verschwundenen
Das mysteriöse Verschwinden von Rachels (Tatiana Maslany) Handlanger Paul (Dylan Bruce) ist in Anbetracht seines verhältnismäßig faden Charakters leicht zu verschmerzen. Im Gegenteil sorgen neue Verweise darauf, dass die Klone in unmittelbarer Verbindung zum Militär - oder zumindest zu den „Geistern“ in dessen Dienst - stehen dafür, dass man der Figur sogar wieder etwas neugieriger begegnet. Dennoch trifft einen das Fortbleiben einer anderen Vermissten weit stärker: Nicht erst als die letzte Kameraeinstellung der Episode auf Kiras (Skyler Wexler) Engel-Mobile verharrt, drängt sich die Frage auf, wie es wohl Helena gerade ergehen mag.
Während die Abwesenheit der faszinierenden Figur von der Serie in den letzten beiden verbleibenden Episoden der zweiten Staffel durchaus noch wieder gut gemacht werden kann, ist es doch sträflich, wie wenig sich ihr Umfeld um den ukrainischen Klon zu sorgen scheinen. Zwar haben Art (Kevin Hanchard) und sein neuer Ermittlungspartner Felix (Jordan Gavaris) gerade fraglos genug um die Ohren, um Helena gedanklich zu vernachlässigen. Gleichzeitig wirft es aber doch ein sehr schlechtes Licht auf Sarah, wie leichtfertig sie ihre Zwillingsschwester nach dem verschwesternden Road Trip sich selbst überlässt.
Der letzte Auftritt von Cosima?
Der Erzählstrang um Cosima fungierte in der Serie zuletzt als tragisches Element. Obwohl es an sich interessant ist, dass die Geschichte der schwerkranken Wissenschaftlerin zur Abwechslung einmal als humoristischer Mittelpunkt fungiert, ist die Umsetzung nur in Ansätzen gelungen. So schön es auch ist, wieder einmal eine Cosima zu Gesicht zu bekommen, die dank Helium und Brettspiel durch den geballten Charme eines Nerd-Klones begeistert, ist ihre Versöhnung mit Delphine (Evelyne Brochu) doch etwas zu kitschig geraten.
Zudem wirkt die Tatsache, dass Cosima allem Anschein nach genau zu dem Zeitpunkt einem verheerenden Anfall erliegt, in dem ihr in Gestalt von Ethan Duncan (Andrew Gillies) endlich die Aussicht auf Heilung präsentiert wird, allzu konstruiert. Falls die Wissenschaftlerin nun tatsächlich verstirbt, wäre das ein schwerer Verlust für die Serie. Ein Verlust, den die neu eingeführte Figur Tony bislang kaum wieder wettzumachen vermag.
Der Neue
Generell gesprochen ist es höchst löblich, dass transsexuellen Individuen in einer populären Serie Aufmerksamkeit geschenkt wird. Leider gelingt es Orphan Black, wo sowohl die lesbische Cosima als auch der schwule Felix in ihrer authentischen Darstellung begeistern, im Falle des „Trans-Klons“ Tony weniger, zu überzeugen.
Den angeklebt wirkenden Bartwuchs könnte man vielleicht dadurch rechtfertigen, dass das künstlich zugeführte Testosteron in Tonys Körper vielleicht nur zu zaghafter Gesichtsbehaarung führt. Doch warum sich ein Mann - der sich doch vehement dagegen wehrt, im Körper einer Frau geboren worden zu sein - eine ausgesprochen weibliche Mähne wachsen lassen sollte, kann ich nicht gänzlich nachvollziehen. Wollten die Macher der Serie durch die Frisur sichergehen, dass den Zuschauern die Ähnlichkeit zwischen Sarah und Tony nicht entgeht?
Doch auch abseits der sicherlich zweitrangigen äußerlichen Erscheinung wirkt der erste Auftritt des Neuzugangs unausgegoren. Felix erfreut zwar durch seine generelle Überforderung und seinen herrlich charakteristischen Ausruf „heilige Tilda Swinton!“ Doch warum sollte er sich von Tony angezogen fühlen? Es steht zwar außer Frage, dass er Sarah liebt. Sonst hätte er dem chronischen Unheilsbringer sicherlich schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Doch er ist mit Sarah schließlich wie mit einer Schwester aufgewachsen, was im Umgang mit einem ihrer Doppelgänger einen platonischen Umgang hätte erwarten lassen. Auch dann, wenn es sich bei dem neuesten Duplikat um einen Mann handelt.
Offenbarung
Eine der wohl größten Offenbarungen der Episode liefert der Klonschöpfer Duncan. So erfahren Rachel und die Zuschauer gleichermaßen, dass es im Sinne der Wissenschaftler war, unfruchtbare Frauen zu erschaffen. Die überhebliche Grausamkeit, die mit einer derartig fundamentalen und brutalen Einschränkung der Klone einhergeht, ist frappierend. Gleichzeitig kommt dabei wieder die unheilschwangere Frage auf, für welchen Zweck Sarah und ihre genetischen Duplikate wohl geschaffen worden sein mögen...
Fazit
Donnies (Kristian Bruun) Mord an Dr. Leekie in der vergangenen Episode hatte Hoffnungen auf eine Reihe von humoristischen Höhepunkten bei der Leichenbeseitigung geweckt. Obwohl er und Alison auch so den einen oder anderen amüsanten Gesprächswechsel absolvieren, kommt ihre Interaktion doch ungewohnt ernsthaft und tiefgreifend daher. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das humoristische Vakuum denn von anderen Charakteren gefüllt werden könnte.
Auch wenn sich Felix und Cosima in Variable And Full Of Perturbation gerade darum bemühen, sehnt man sich schon jetzt nach einer weiteren - und hoffentlich wieder etwas leichtgängigeren - Ausgabe von „Donnie und Alison entsorgen einen Leichnam.“
Während es zu bemängeln ist, über das Schicksal von Helena im Dunkeln belassen zu werden, gibt es dafür neue Einblicke in das Innenleben von Rachel. Zum einen scheint sie sich dazu entschlossen zu haben, jeglichen Anflug von Menschlichkeit aus ihrem Auftreten zu verbannen. Zum anderen zeigt Orphan Black Rachel jedoch in einem Ausbruch von bislang ungesehener emotionaler Intensität, als sie den Grund für ihre Unfruchtbarkeit erfährt. Wenn man bedenkt, wie strikt sie selbst Liebhaber wie Paul auf Distanz hält, stimmt ihr Verhalten doch stutzig. Warum sollte eine derartig der Arbeit verpflichtete Frau wie Rachel sich nach einem Kind gesehnt haben? Oder wird sie sich erst jetzt endlich vollends über die Ohnmacht bewusst, die ihr Dasein als Experiment immer für sie bedeuten wird?
Es hat fast den Anschein, als würde sich Tony nun fürs erste samt seinem neuen Klon-Handy wieder aus der Serie verabschieden. Zwar macht sein Charakter bislang noch keinen sonderlich lebendigen Eindruck, und Tatiana Maslany begeistert in dieser Rolle auch noch nicht in dem Maße wie in ihren anderen Figuren. Doch wenn Tony jetzt schon wieder verschwindet, würde sich berechtigt die Frage stellen, warum er denn überhaupt in die Serie hätte eingeführt werden sollen. Wir wollen hoffen, dass er nicht noch gebraucht wird, um die Nachfolge für Cosima anzutreten.
Auch wenn diese Episode keine Sternstunde für die Serie ist, darf man doch darauf hoffen, dass die Staffel zwei von Orphan Black noch zu einem Ende gebracht werden wird, das sich der äußerst unterhaltsam geratenen Vorarbeit für würdig erweisen wird.
Verfasser: Thordes Herbst am Sonntag, 8. Juni 2014(Orphan Black 2x08)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 2x08
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