Orphan Black 2x01

Orphan Black 2x01

Der Auftakt zur zweiten Staffel von Orphan Black ist durch und durch mitreißend geraten. Obwohl die Episode Nature Under Constraint And Vexed dabei manchmal fast etwas überfrachtet wirkt, kann man den Fortgang der Handlung kaum erwarten.

Sarah (Tatiana Maslany) gerät in „Orphan Black“ mit Rachel (Tatiana Maslany) an einander... / (c) BBC America
Sarah (Tatiana Maslany) gerät in „Orphan Black“ mit Rachel (Tatiana Maslany) an einander... / (c) BBC America

Im Staffelauftakt Nature Under Constraint And Vexed gibt es endlich ein Wiedersehen mit Sarah Manning, Cosima Niehaus, Alison Hendrix, Rachel Duncan und einem weiteren, geklonten Überraschungsgast. Somit werden die Zuschauer zugleich auch mit einer fünffachen Portion der - man kann es gar nicht genug betonen - fantastischen Tatiana Maslany konfrontiert.

Als neben den Verbündeten der Klone, der Großmacht im Umfeld von Dr. Aldous Leekie (Matt Frewer) und seinem Dyad Institute auch noch neue Vertreter der religiös-fanatischen Prolethianer auf der Bildfläche erscheinen, schwirrt einem schon ein wenig der Kopf. Glücklicherweise lassen die vielen Vorzüge von Orphan Black das Problem der dramaturgischen Überfrachtung spielerisch verblassen.

Ein rasanter Einstieg

Von Beginn an wird man von diesem Staffelauftakt in den Bann gezogen. Das leere Café, in das es Sarah nach ihrem vermeintlichen Mord an Helena verschlägt, wirkt dank des freundlichen Besitzers und der warmen Beleuchtung wie ein sicherer Hafen. Doch neben der Panik, die Sarah ergreift, als sie vergeblich versucht, die anderen Klone zu kontaktieren, sorgt auch eine clevere Kameraführung dafür, dass von Behaglichkeit keine Spur ist. So hübsch wie der Einfall, die beiden unheimlichen Prolethianer mithilfe eines Blickes von außen durch die verregneten Scheiben anzukündigen, ist auch die Inszenierung der darauffolgenden, brutalen Auseinandersetzung geraten.

Einen teils in Zeitlupe umgesetzten Schusswechsel, zwei Tote und einen beherzten Stiefeltritt in Richtung des unangenehmen Mark (Ari Millen) weiter, ist Sarah wieder auf der Flucht, die eigentlich eine Suche ist: Wo sind Kira (Skyler Wexler) und Mrs S. (Maria Doyle Kennedy)?

Falsche Fährten

Sarah muss am Ende in ihrem famos umgesetzten Handgemenge mit der unterkühlten Rachel herausfinden, dass ihre Tochter lediglich als Köder fungierte, um sie ins Hauptquartier der Neolutionisten zu locken. Ihre Tochter - und damit wohl auch Mrs. S. - befinden sich allem Anschein nach in der Gewalt der Fanatiker. Obwohl die Wege der Prolethianer nach wie vor noch ein bisschen unergründlich sind, gewinnt dieser Handlungsstrang von Orphan Black auch abseits ihrer bemitleidenswerten Geisel an Substanz. Denn wie sich in einem mehr als überraschenden Cliffhanger offenbart, ist ihr Aushängeschild Helena noch am Leben.

Eine große Überraschung

Als ich die charakteristische „Helena-Musik“ vernahm und die blutig-schlammigen Stiefel des Klons erblickte, konnte ich es nicht glauben. So hatten die Serienverantwortlichen schließlich keinen einzigen Fingerzeig darauf gegeben, dass der Blondschopf den Übergriff durch Sarah überlebt haben könnte. Doch obwohl man sich in diesem Zusammenhang etwas verschaukelt vorkommen könnte, ist die Freude dennoch groß. Schließlich handelt es sich bei Sarahs ukrainischer Zwillingsschwester um einen äußerst vielversprechenden Charakter.

Lieblingsklone

Mit der labilen Helena samt ihrer Vorliebe für Fischmesser und Zuckerhaltiges gibt es zwar eine weitere Anwärterin auf den Posten des „Lieblingsklons“. Und auch Cosima dürfte sich in ihrer Schläue und der gleichzeitigen Verletzlichkeit - sowohl durch die mysteriöse Krankheit als auch durch ihre Hingabe für Delphine (Evelyne Brochu) - in die Herzen der Zuschauer gespielt haben. Sogar der unnahbaren Rachel wohnt trotz ihres grammatikalisch etwas holprigen Deutschs und dem Zugehörigkeitsgefühl zur düsteren Seite der Macht ein gewisser Reiz inne, indem sie Aldous Leekie auf seinen Platz verweist.

Sarah

Dennoch sind es wohl Sarah und Alison, die in Nature Under Constraint And Vexed die meisten Sympathiepunkte erwirtschaften. Sarah begeistert durch ihre kompromisslose Bereitschaft, für ihre Lieben - auch sprichwörtlich - durch Wände zu gehen. Außerdem ist es faszinierend, wie sie sich ihrer Straßenschläue und den Erfahrungen aus ihrer kleinkriminellen Vergangenheit bedient um ans Ziel zu kommen. Während sie sich durch ihre Hitzköpfigkeit und einen Hang zu unausgegorenen Plänen in Gefahr bringt, gelingt es ihr dank flinken Fingern, die sich aber bei Bedarf auch zu einer harten Faust formen lassen, und ihrem Improvisationstalent, mit größtenteils heiler Haut davonzukommen.

Alison

Alison. Alison, Alison, Alison. Jede Szene, in der die Hausfrauenvariante der Klone zu sehen ist, wird dank ihres unverwechselbaren Charakters zu einem kleinen Highlight. Nachdem Alison im ersten Staffelfinale den Vertrag mit dem Dyad Institute unterzeichnet hatte, klammert sie sich nun mit neuer Inbrunst an die Hoffnung, alle Klon-bezogenen Querelen hinter sich zu lassen - solange sie nur der Normalität frönt. Alisons Figur wird gerade durch das verzweifelte, und teils tollpatschige Aufbegehren so lebendig und liebenswert.

Doch dass es ihr tatsächlich gelingen sollte, mit laienhaften Musical-Einlagen Komplikationen wie das dramatische Dahinscheiden ihrer Freundin Aynsley Norris zu verdrängen, scheint mehr als fraglich. Zudem ist sie bereits viel zu weit in die Angelegenheiten ihrer genetischen Duplikate verwickelt, um gänzlich außen vor zu bleiben.

Zum einen bemüht Alison so auch ihren charismatischen Drogendealer Ramon (Alex Ozerov), um für Sarah eine Schusswaffe zu organisieren. Zum anderen wird sie das Opfer eines Übergriffes durch Rachels Handlanger Daniel (Matthew Bennett), der ihr als falsche Fährte von Sarah auf den Hals gehetzt wird.

Sarah (Tatiana Maslany) sieht sich bereits mit neuen Gegnern konfrontiert. Doch was führen sie nur im Schilde? © BBC America
Sarah (Tatiana Maslany) sieht sich bereits mit neuen Gegnern konfrontiert. Doch was führen sie nur im Schilde? © BBC America

Die verbissene Art, in der sich Alison vor Daniels Männern mit beherzten Tritten, „Anti-Vergewaltigungspfeife“ und Pfefferspray verteidigt, gehört dabei paradoxerweise zu den humorigen Höhepunkten der Episode. Doch auch ihre Notlüge gegenüber Donnie (Kristian Bruun), durch die sie die Anwesenheit von Felix (Jordan Gavaris) in ihrer Küche verschleiert, konnte mir einen Lacher entlocken: „I can't control the muse!“ („Ich kann die Muse nicht kontrollieren!“)

Die anderen

Neben den Klonen begeistern auch die anderen Figuren, die die Welt von Orphan Black bevölkern. Neben dem Neuzugang Ramon, der nach der Sichtung von gleich zwei von Alisons Klon-Schwestern wohl noch öfter in Erscheinung treten dürfte, macht insbesondere der berauschte Felix eine gute Figur - womit nicht nur seine entblößten Pobacken gemeint sein sollen.

Überhaupt profitiert die Serie durch ein Setting, in dem es vor unterhaltsamen Begegnungen nur so wimmelt. Die Handlung tangiert Raver, einen biertrinkenden Skater und eine ausnahmsweise nicht genetisch verwandte Doppelgängerin („She says, up yours!“; ungefähr:„Ich soll euch ausrichten, ihr könnt sie mal!“). Die extravaganten Mitglieder einer Laientheatergruppe treten ebenso in Erscheinung, wie ein opportunistischer Lausejunge („Can I touch your boob?“; „Kann ich deinen Busen anfassen?“). Obwohl viele dieser Szenarien mit Bedacht darauf ausgelegt sind, die düstere Grundthematik aufzulockern, werden sie in das Geschehen so kunstvoll und in einer Selbstverständlichkeit eingeflochten, dass sie keinesfalls lächerlich wirken.

Fazit

Allem voran noch einmal kurz das Unvermeidliche: Besonders, als Tatiana eine Sarah mimt, die sich wiederum als Cosima ausgibt, kommt ihr immenses und vielschichtiges Schauspieltalent zum Vorschein. Gleichzeitig sorgen die Künstler in der Abteilung für Spezialeffekte wieder verlässlich dafür, dass die Illusion derartig reibungslos verzaubern kann.

Auch das Spiel mit der nagenden Ungewissheit kann Orphan Black vorzüglich weiterspielen. Ist Paul auf der Seite von Sarah? Oder wird er sich am Ende doch auf die Seite von Rachel schlagen? Was planen die Prolethianer? Was hat es mit der Vergangenheit von Mrs. S auf sich? Was zum Teufel führt Delphine im Schilde, die ihre Freundin Cosima vor Leeky als „324B21“ bezeichnet, bevor sie ihm zudem noch deren Blutprobe aushändigt?

Obwohl man von der schieren Anzahl der Charaktere, Gruppierungen und Motivationen beizeiten überwältigt wird, ebnet die Serie dabei auf vorzügliche Weise den Weg in eine überaus reichhaltige zweite Staffel. Die Handlung nimmt zudem noch Bezug auf die Realität, indem auf eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten aus dem Juni letzten Jahres angespielt wird. Dabei ging es tatsächlich um das Patentrecht auf synthetisch hergestelltes, genetisches Material. Indem so die Grenze zwischen Science-Fiction und Wirklichkeit verwischt wird, kann auf geschickte Weise ein Gefühl von Authentizität und Relevanz heraufbeschworen werden.

Es wird sich erst mit den kommenden Episoden zeigen, ob es den Serienverantwortlichen gelingen wird, die vielen Handlungsstränge unter einen Hut zu bringen, ohne dabei beispielsweise das Team der Polizisten aus Art (Kevin Hanchard) und Angie (Inga Cadranel) außen vor zu lassen. Indem sich Sarah ihrem früheren Kollegen Art anzuvertrauen scheint, wird hier schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung getan.

Obwohl an Figuren in dieser Serie beim besten Willen kein Mangel besteht, freut man sich doch darauf, die Neuzugänge näher kennenzulernen. Und obgleich das unerwartete Überleben Helenas kurzzeitig eine „What the dickens?“-artige Reaktion heraufbeschwört, ist es doch schön, auch ihrerPrädisposition für impulsives Verhalten“ weiterhin Raum zu gewähren.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 21. April 2014

Orphan Black 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(Orphan Black 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Flucht nach vorn
Titel der Episode im Original
Nature Under Constraint And Vexed
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Samstag, 19. April 2014 (Space)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 25. November 2014
Autor
Graeme Manson
Regisseur
John Fawcett

Schauspieler in der Episode Orphan Black 2x01

Darsteller
Rolle
Jordan Gavaris
Kevin Hanchard
Art
Evelyne Brochu
Maria Doyle Kennedy
Ari Millen

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?