Orphan Black 1x02

Nach dem mysteriösen Ende der Pilotepisode von Orphan Black machen die Zuschauer per Telefon die Bekanntschaft mit einer vierten „Ausgabe“ von Sarah Manning (Tatiana Maslany). Selbst diejenigen, die sich von serienbezogenen Informationen bis zu diesem Zeitpunkt ferngehalten haben, werden nicht erst dank des hübsch aufbereiteten Intros von „Orphan Black“ zu dem Schluss kommen, dass es sich bei den jungen Frauen nicht um gewöhnliche Mehrlinge handelt. Doch statt das große Geheimnis zu lüften, ebnet die Folge Instinct den Weg in ein Netz aus immer komplexer werdenden Verstrickungen.
Sarah
Nachdem Sarah auf pragmatische Weise ihre erschossene deutsche Version sowie die Schäden an ihrem Auto verschwinden lässt, offenbart sie einen Blick in ihr Innenleben: Obwohl sich die junge Frau im Moment in etwa so fühlen muss, als wäre sie geradewegs in einen Science-Fiction-Film gestolpert, stellt ihre Tochter die oberste Priorität für sie dar. Als für Sarah die Möglichkeit, mit Kira (Skyler Wexler), Felix (Jordan Gavaris) und dem Geld von Beths Konto ein neues Leben zu beginnen, durch den Polizisten Art (Kevin Hanchard) durchkreuzt wird, manifestiert sich dies in einem Wutanfall. Besonders an dieser Stelle leistet Tatiana Maslany gute Arbeit, indem sie die Hilflosigkeit und Verzweiflung auf genau die Weise nach außen trägt, die man von der impulsiven Sarah erwarten würde. Ihre menschliche Schwäche erweckt ebenso Sympathien für die Protagonistin wie die Hingabe zu ihrer Tochter.
Tiefgang
Kira erscheint für ihr Alter vielleicht etwas zu altklug. Dafür begeistert jedoch die komplexe Beziehung zwischen Mrs. S (Maria Doyle Kennedy) und ihren eigenwilligen Pflegekindern, obwohl dieser Handlungsstrang bisher kaum angerissen wird. Maria Doyle Kennedy macht sofort neugierig, da sie gerade nicht die stereotypische Rolle der diabolischen Stiefmutter aus der Märchenwelt übernimmt: Statt den Kontakt zwischen Kira und ihrer Mutter um jeden Preis zu verhindern, geht es Mrs. S vor allem um Stabilität im Leben des Kindes. Gleichzeitig lässt ihre Einschätzung von einem Selbstmord Sarahs als „too good to be true“ auf eine authentische Bitterkeit schließen und verweist anschaulich auf die Probleme, die Sarah ihrer aufopferungsvollen Pflegemutter bereitet hat.
Geheimnisfluten
Der große Vorteil für den Spannungsaufbau von Orphan Black besteht darin, dass der Zuschauer genauso im Dunkeln tappt wie die Protagonistin. Staunend erfahren wir erst in einem Zwiegespräch zwischen Art und Sarah, wie sich Beths Erschießung einer Zivilistin tatsächlich ereignet hatte. So offenbaren sich überall neue Mysterien, die im Lichte von Sarahs außergewöhnlichem Dasein eine zusätzliche Brisanz erhalten. Hatte Beth die asiatische Frau namens Maggie Chen vielleicht doch nicht verwechselt, sondern ganz gezielt ausgeschaltet?

Neben Beths Berufswelt erhellt sich für Sarah und die Zuschauer gleichermaßen das Privatleben der Selbstmörderin. Besonders Sarahs Interaktion mit Paul (Dylan Bruce) ist durch die Gefahr des Entlarvtwerdens stets von einer derartig haarsträubenden Spannung geprägt, dass man es fast bedauert, als der Mann frustriert das Weite sucht. Neben erfreulichen Aussprüchen wie „Why are you suddenly dressing like a Punk Rock whore?“ bringt die Kommunikation der beiden Fremden auch Erkenntnisse über das Wesen von Beth mit sich. So hat die Polizistin augenscheinlich ihre Probleme mit der Hilfe von verschreibungspflichtigen Medikamenten betäubt, und es mehren sich die Anzeichen dafür, dass Beth von einem sehr dunklen Geheimnis gequält wurde...
Humor
In den Sequenzen, in denen die vermeintliche Katja in ihr Hotel zurückkehrt, kann man hinter der Fassade erstaunlich gut Sarah hindurchblitzen sehen, was ein weiteres Kompliment an Tatiana Maslany darstellt. Ohne den Amerikanern ein mangelndes Bedürfnis für das Erlernen von Fremdsprachen vorwerfen zu wollen, ist es in diesem Zusammenhang jedoch nicht gänzlich nachvollziehbar, warum Sarah die deutschen Sprachfetzen beherrschen sollte - zumal sie sich ja nicht explizit auf ihren Auftritt als Katja vorbereitet hatte. Nichtsdestotrotz steuert die falsche Katja auf jeden Fall einen großen Teil des Humors zu dieser Folge von Orphan Black bei: Egal, ob sie die im Umgang mit den erstaunlich unhöflichen Hoteliers sehr charmant den „Rock and Roll“ für die Verwüstung ihres Zimmers verantwortlich macht, oder ob sie die Frage, wie ihr denn die Stadt gefallen würde, - wahrheitsgemäß - mit einem „It's killing me“ beantwortet. Auch der Charakter von Felix zeichnet sich durch einen ausgeprägten Witz aus, den er auch im Angesicht der ernstesten Lage nicht ablegt. „Aren't you supposed to wait three days before rising?“, fragt er so ausgesprochen unterhaltsam die wiederauferstandene Sarah.
Down the rabbit hole
Statt Geld enthält Katjas Koffer die metaphorische Eintrittskarte, die Sarah weiter in die geheimnisvolle Welt ihrer Herkunft eintauchen lässt: Neben den bereits bekannten Doppelgängern existieren noch weitere Frauen, die in verschiedenen europäischen Ländern zu leben scheinen.
Sobald Sarah versucht, zumindest einer der vielen brenzligen Baustellen, aus denen zur Zeit ihr Leben besteht, mit einem Hauch von Wahrheit zu begegnen, wird sie am pinken Orphan-Phone - vermeintlich durch Alison - abgestraft, indem diese schockiert auflegt. Doch die Kleinkriminelle ist bereits zu tief in die mysteriösen Geschehnisse verwickelt, um sich so einfach abwimmeln zu lassen. Nach einer Verfolgungsfahrt, die durch einen glücklichen Zufall initiiert wird, trifft Sarah auf Alison, die sie ungläubig als „Soccer Mom“ klassifiziert.

How many of us are there?
Sarah kommt immer wieder ihr krimineller Instinkt (Episodentitel!) zu Hilfe, der sich gegenüber Beths Psychologin in einer geschickten Erpressung manifestiert. Vielleicht hat Sarah keine Erfahrung mit der Polizeiarbeit, doch das ausgeprägte Improvisationstalent, das sie bereits in der Pilotepisode so eindrucksvoll mit dem Seifenspender demonstriert hatte, und das detaillierte Studium der Akten, die sie von Art erhalten hatte, lassen sie ihr zweites Gespräch mit der Dienstaufsichtsbehörde scheinbar gut überstehen. Neben ihrem fortgesetzten polizeilichen Engagement, für das Sarah immerhin 75.000 gute Gründe hat, wartet auf sie jedoch bereits eine ungleich größere - und allem Anschein nach auch lebensbedrohlichere - Herausforderung. So wird Sarah im Hause von Alison unverhofft mit noch einer weiteren Ausgabe ihrer selbst konfrontiert: der rastazöpfigen Cosima.
Fazit
Die zweite Episode von Orphan Black liefert kaum Antworten. Zwar kristallisiert sich unmissverständlich heraus, dass es mit Sarah etwas Besonderes auf sich hat. Erst in der Vorschau auf die nächste Folge, die bedauerlicherweise direkt im Anschluss an Instinct dargereicht wird, fällt jedoch die Bezeichnung, die man den Doppelgängern insgeheim schon seit geraumer Zeit zuschreibt. Dafür werden an vielen Fronten gleichzeitig neue Geheimnisse angerissen: Wer sind die Hintermänner, die ganz offensichtlich nach dem Leben von Sarah und ihren „Schwestern“ trachten? Wie viele dieser jungen Frauen gibt es auf der Welt? Was hat die verstörende Komposition aus Haaren, Bibel und der gematerten Barbie-Puppe in Katjas Hotelzimmer zu bedeuten?
Auch der Erzählstrang um die suizidale Beth lädt zum intensiven Miträtseln ein. Hat das Geld auf ihrem Konto etwas mit dem Tod der Maggie Chen zu tun? Welche Erkenntnis ist so schrecklich, dass sich die Polizistin, die trotz ihrer mentalen Probleme eine gewisse Härte an den Tag gelegt zu haben scheint, dafür vor einen Zug werfen würde?
Glaubhafte Charaktere wie Art oder Mrs. S stiften eine gewisse Lebensnähe, auf deren Grundlage sich die immer skurriler werdenden Begebenheiten umso wirkungsvoller entfalten können. Interessante neue Identitäten wie die couponsammelnde Hausfrau oder die bebrillte Cosima lassen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht hinreichend bewerten, bergen aber zweifellos genug Potential in sich, um die Zuschauer auch weiterhin zum Einschalten zu bewegen.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 30. Mai 2013(Orphan Black 1x02)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 1x02
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