Orange Is the New Black 4x13

Orange Is the New Black 4x13

Zum Abschluss der vierten Staffel von Orange Is the New Black eskaliert die Situation in Litchfield endgültig. Die Episode Toast Can't Never Be Bread Again führt sämtliche Handlungsbögen zusammen und hinterlässt uns mit einem spannenden Cliffhanger.

Poussey (Samira Wiley) vor den Lichtern der Großstadt / (c) Netflix
Poussey (Samira Wiley) vor den Lichtern der Großstadt / (c) Netflix

Einen größeren Kontrast zwischen zwei Finalepisoden kann es kaum geben. Während die dritte Staffel damit endete, dass nahezu alle Insassinnen von Litchfield ein gemeinsames Bad in kurzfristiger Freiheit genossen, fällt das Finale der vierten ungleich düsterer aus. In ihm kulminieren sämtliche Fehlentwicklungen, die mit der Privatisierung des Gefängnisses losgeschlagen wurden und im gewaltsamen Tod von Poussey (Samira Wiley) ihren traurigen Höhepunkt fanden.

Everything dies anyway

Nun geht es um die Aufarbeitung dieser Tragödie, wobei Caputo (Nick Sandow) die Hauptrolle übernimmt. Sein Handlungsbogen hat mich in dieser Staffel mehrmals zur Weißglut getrieben, was ich ihm keinesfalls negativ anrechne. Viel eher bin ich begeistert davon, dass er solche Gefühle in mir wecken konnte, auch wenn ich mich bei fast jeder seiner Entscheidungen zurückhalten musste, meinen Bildschirm nicht lauthals anzubrüllen. Bis zum Schluss bieten sich Caputo allerlei Möglichkeiten, das Richtige zu tun, aber er ergreift keine davon.

Genau diese Komplexität ist das Geniale an seiner Charakterzeichnung. Seit Beginn der Serie hat sich Caputo zu einem Sympathieträger entwickelt, weshalb wir die moralisch richtige Entscheidung von ihm erwarten - zumindest dann, wenn er dafür mehrere Chancen bekommt. Gleichzeitig ist die Figur aber auch ein Mensch, der sich um seinen Job und seine Beziehungen sorgt. In diesem Konstrukt gibt es selten eindeutige Entscheidungen. Ja, er könnte die Praktiken von MCC vor aller Welt offenlegen, aber dann würde er seinen Job und seine Freundin verlieren.

Also versucht er, einen Mittelweg zu gehen, auf dem es schlussendlich keinen Gewinner geben kann. Nachdem Piscatella (Brad William Henke) nach Hause geschickt ist, widmet sich Caputo seinen Vorgesetzten, kann sich gegen diese aber nicht durchsetzen. Er versucht zwar, Druck auf sie auszuüben, kann dem aber nicht genug Gewicht verleihen, weil er zu müde dazu ist. Auch das ist wieder allzu menschlich: Wir können noch so sehr von etwas überzeugt sein, das uns nicht unmittelbar betrifft - wenn uns die Kraft ausgeht, sinkt das Engagement rapide.

Suzanne (Uzo Aduba) will wissen; wie es sich anfühlt; keine Luft zu bekommen. © Netflix
Suzanne (Uzo Aduba) will wissen; wie es sich anfühlt; keine Luft zu bekommen. © Netflix

Es ist ein fauler Kompromiss, den Caputo mit sich selbst ausmacht. Er hört weder auf die schleimigen PR-Typen von MCC noch auf Taystee (Danielle Brooks), die ihn nicht nur dazu drängt, endlich Pousseys Leiche aus der Cafeteria entfernen zu lassen, sondern auch, schnellstmöglich ihrem Vater Bescheid zu geben. Den zweiten Punkt erledigt er, kurz bevor er den Affront abliefert, der den bislang heftigsten Aufstand in Litchfield nach sich zieht. Vor den TV-Kameras nimmt er Pousseys Mörder Bayley (Alan Aisenberg) in Schutz, statt ihn der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen.

So much birth, and growth, and beauty, and danger, and triumph

Auch das ist eine dieser hochkomplexen Entscheidungen, die Orange Is the New Black so wahnsinnig interessant machen. Einerseits liegt die Schuld für Pousseys Tod nicht alleine bei Bayley, ist er von seinem Arbeitgeber doch kaum ausgebildet worden. Andererseits hat er sich - wahrscheinlich aus Bequemlichkeit - aktiv für diesen Job entschieden, wohlwissend, dass er dafür nicht gewappnet ist. Und für Caputo gibt es sowieso keine wirklich gute Entscheidung: Handelt er richtig, aber gegen seine Vorgesetzten, verliert er seinen Job. Opfert er Bayley, verliert er seine Würde.

Diese lose-lose-Situation kulminiert im Aufstand sämtlicher Häftlingsgruppen, der von Taystee entzündet wird. Davor haben sich ihre Aggressionen angestaut - teils durch gegenseitiges Piesacken, teils durch die Wut über die Untätigkeit der Wachmannschaft. Pousseys engste Freundinnen versuchen, ihren Frust zu kanalisieren, indem sie eine inoffizielle Totenwache im Gefängnishof abhalten. Ihr Zwist mit den Latinas wird dabei vorübergehend vergessen, während der Konflikt mit den Rassistinnen nach deren verabscheuungswürdigen Kommentaren überkocht.

Die Gruppe um Red (Kate Mulgrew) wählt einen eigenen Weg der Trauerbewältigung. Die Frauen wollen aus dem tragischen Erlebnis Kraft für eine kreative Arbeit, den Wiederaufbau der Garten-AG, schöpfen. Alex (Laura Prepon) versucht indes, den Schock dadurch zu verarbeiten, dem von ihr ermordeten Auftragsmörder ein Begräbnis zu ermöglichen. Sie wird daran von Piper (Taylor Schilling) gehindert, bevor sie dabei entdeckt werden kann. Die beiden, wie auch sämtliche anderen Mitglieder ihres losen Verbands, halten sich schließlich aus dem Aufstand heraus.

Warum ausgerechnet Daya (Dascha Polanco)? © Netflix
Warum ausgerechnet Daya (Dascha Polanco)? © Netflix

Durch eine Verkettung von Zufällen fällt am Ende Daya (Dascha Polanco) die Pistole in die Hand, die Humphrey (Michael Torpey) ins Gefängnis gebracht hat. Einwandfrei nachvollziehbar finde ich diese dramaturgische Entscheidung nicht. Daya hat zwar durchaus Gründe dafür, sich an der Wachmannschaft rächen zu wollen, jedoch gibt es viele andere, die noch viel triftigere hätten. Die Szene hätte meiner Meinung nach einen größeren Eindruck hinterlassen, hätten Janae (Vicky Jeudy) oder Blanca (Laura Gomez) die Pistole vom Boden aufgenommen.

Everything hurts

So lässt sich der weitere Verlauf dieser gefährlichen Situation vermeintlich einfach vorhersagen, wobei ich mich aber gerne korrigieren lasse. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass sich Daya, selbst in dieser aufgebrachten Situation, aus reinem Rachedurst für einen Mord entscheidet. Bei besagten anderen Kandidatinnen wäre die Spannung vor dem Start der fünften Staffel daher größer gewesen. Wie bereits erwähnt, lasse ich mich dabei gerne eines Besseren belehren.

Komplementiert werden die dramatischen Ereignisse im Gefängnis mit einer Feier des Lebens von Poussey Washington. Als Leiche sehen wir sie kein einziges Mal in dieser Episode, nur als junge, lebensfrohe Frau, die ein erstes echtes Erweckungserlebnis hat. Bisher bestand ihr Leben hauptsächlich aus der schwierigen Beziehung zum Vater, der sie auf eine Militärakademie schicken wollte. In New York erfährt sie nun, was es bedeutet, frei zu sein, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Fehler zu machen, zu lachen, zu weinen, zu tanzen, zu küssen, zu existieren. Gekrönt wird dieser wunderbare Abschied von dieser wunderbaren Figur mit dem Durchbrechen der sogenannten vierten Wand - ein letztes Mal schenkt uns Poussey ihr einzigartiges Lachen.

Nur selten werden diese emotional wirkungsvollen Szenen mit solchen des comic relief aufgelockert. Vor allem die beiden Comedyduos Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero) sowie die Meth-Girls sind dafür verantwortlich. Im Gedächtnis werden jedoch andere Momente bleiben: Norma (Annie Golden), die ihr Schweigegelübde bricht, um die in tiefer Trauer versunkene Brook (Kimiko Glenn) mit einem Lied zu trösten. Suzanne (Uzo Aduba), die auf der Krankenstation neben der von ihr brutal zugerichteten Maureen (Emily Althaus) gelegt wird. Red, die ihrer „Familie“ aus einem Buch vorliest, das sie von „Washington“ geschenkt bekommen hat.

Und natürlich immer wieder Poussey, die einfach nur lebt.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 30. Juli 2016
Episode
Staffel 4, Episode 13
(Orange Is the New Black 4x13)
Deutscher Titel der Episode
Kein Zurück
Titel der Episode im Original
Toast Can't Never Be Bread Again
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Autoren
Tara Herrmann, Jenji Kohan
Regisseur
Adam Bernstein

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x13

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