Orange Is the New Black 4x02

Orange Is the New Black 4x02

Das Gefängnisdrama Orange Is the New Black bleibt mit der Episode Power Suit größtenteils auf seiner komödiantischen Seite. Zentraler Handlungsbogen ist weiterhin die Überbevölkerung in Litchfield, die einige unschöne Entwicklungen mit sich bringt.

Plötzlich bleiben die dominikanischstämmigen Insassinnen wieder untereinander. / (c) Netflix
Plötzlich bleiben die dominikanischstämmigen Insassinnen wieder untereinander. / (c) Netflix

Typischerweise braucht eine neue Staffel von Orange Is the New Black einige Episoden, bis sie ihr volles dramatisches Potenzial entfaltet. Im Auftakt der vierten bekamen wir bereits einen Vorgeschmack darauf, welche Konflikte sich über die kommenden Folgen ausbreiten könnten. Die Episode Power Suit schiebt der allzu schnellen Eskalation jedoch einen Riegel vor. Die meisten Handlungsbögen darin haben komödiantisches Übergewicht, deuten aber auch an, wo es brenzlig werden könnte.

Mi casa es not su casa

Die witzigen Seiten der Überbelegung treten vor allem in den Erzählsträngen von Red (Kate Mulgrew) und Cindy (Adrienne C. Moore) hervor. Beide hatten schon in der vorherigen Episode Probleme mit ihren neuen Mitbewohnerinnen, deren Namen uns bis jetzt merkwürdigerweise vorenthalten wurden. Red entwickelt Mordfantasien gegenüber der ihr zugeteilten Schnarcherin, deren nächtliche Kakophonie selbst durch Ohrstöpsel nicht abzumildern ist. Am Ende hilft ein Hausrezept von Schwester Ingalls (Beth Fowler), was der Missetäterin allerdings ein Date mit der Krankenschwester einbringt.

Dieser Handlungsbogen schien von Beginn an darauf ausgelegt, eine leichte Note zu versprühen. Jener rund um Cindy und ihre muslimische Nebenschläferin versprach indes einen größeren Konflikt, der aber in einer klassischen Sitcom-Situation aufzugehen scheint. Ich hatte schon damit gerechnet, dass die absichtlich stehengelassene Cola Urin oder gar Schlimmeres enthält, stattdessen war die Flasche nur ordentlich geschüttelt. Interessant an dieser Auseinandersetzung ist die zusätzliche Komponente der Religion. Sie spielt die gleiche Rolle wie die Herkunft in einem anderen, sehr viel folgenreicheren Konflikt.

Die Überbelegung spült eine besonders problematische Form der Konfliktbewältigung an die Oberfläche - das sich Berufen auf die eigene Herkunft sowie die Aufteilung in Gruppen, die nach ebenjener Herkunft sortiert sind. Dieser Prozess hat in Litchfield mehrere Ebenen. Zum einen sondert sich eine Gruppe vom Rest ab, die grob als „Latinas“ bezeichnet werden kann. Sie besteht hauptsächlich aus Insassinnen mit dominikanischen, mexikanischen und puertoricanischen Wurzeln. Gemeinsam stellen sie nach der Ankunft neuer Gefangener die größte ethnische Gruppe dar.

Piper (Taylor Schilling; l.) hat aus der Not eine Tugend gemacht. © Netflix
Piper (Taylor Schilling; l.) hat aus der Not eine Tugend gemacht. © Netflix

Zum anderen bilden sich innerhalb dieser vermeintlich homogenen Gruppe weitere Splitterparteien, die sich entlang der Nationalitätenlinie formieren. Die mexikanischstämmigen Insassinnen bilden also eine Allianz gegen die dominikanischstämmigen und so weiter. Zusätzlich illustriert wird dieser Konflikt durch mehrere Einblicke in die Vergangenheit von Maria Ruiz (Jessica Pimentel). Hierzu ein Kommentar vorab: Ich hätte es bevorzugt, wäre für die Darstellung der Maria im Teenageralter eine jüngere Schauspielerin besetzt worden.

Help people smile

So sehr sich Kostüm und Maske auch bemüht haben - es bleibt stets offensichtlich, dass hier eine erkennbar ältere Schauspielerin auf jung getrimmt werden sollte. So etwas lenkt zu sehr von der Handlung ab, was mit einem Neucasting leicht zu verhindern gewesen wäre. Überdies macht Maria in dieser Episode eine Entwicklung durch, die nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist. Über den gesamten Verlauf predigt sie Zurückhaltung in aufziehenden Konflikten - eine Lektion, die sie von ihrer Erziehung durch einen gewalttätigen Vater gelernt hat.

Warum beschließt sie am Ende also, Gewalt mit Gewalt zu sühnen? Dieser Sprung kommt zu plötzlich und trübt einen ansonsten sehr gelungenen Handlungsbogen. Zunächst hindert Maria ihre Freundin Blanca (Laura Gomez) daran, für den tätlichen Angriff der beiden neuen, weißen, bisher ebenfalls namenlosen Insassinnen sofort Vergeltung zu üben. Sie gibt vor, einen besseren Plan zu haben. Allerdings sieht dieser Plan lediglich vor, eine der Täterinnen in einem unbeobachteten Moment zu überfallen und zu verprügeln.

Die Lehre aus ihrer eigenen Vergangenheit, in der sich ihr Vater zwischen sie und ihren Freund Yadriel (Ian Paola) gestellt hatte, bleibt undurchsichtig. Ebenso undurchsichtig ist momentan noch, wie die meisten anderen Figuren aus diesem riesigen Ensemble in den übergreifenden Handlungsbogen eingebaut werden sollen. Zwei Geschichten lassen das bereits erahnen. Zum einen findet sich Caputo (Nick Sandow) auf der anderen Seite des ewigen Konflikts zwischen Gefängnisbetreibern und -eigentümern wieder, zum anderen entdeckt Taystee (Danielle Brooks) die Vorzugsbehandlung für Judy King (Blair Brown).

Pennsatucky (Taryn Manning) macht sich Sorgen um ihre Busnachfolgerin. © Netflix
Pennsatucky (Taryn Manning) macht sich Sorgen um ihre Busnachfolgerin. © Netflix

Als Caputo noch nicht Gefängnisdirektor war, nahm er sich selbst stets als Vermittler zwischen den Insassinnen, den Wärtern und den corporate overlords wahr. Nun sitzt er jedoch in Meetings mit ebenjenen Entscheidern, lässt sich von seiner Kollegin Linda (Beth Dover) zu neuen Ideen für kreative Sparmaßnahmen antreiben und erwägt, einen tausend Dollar teuren Anzug zu kaufen. Entsprechend fällt seine Reaktion aus, als Sophias Ehefrau Crystal (Tanya Wright) ihn aufsucht, um für die in Einzelhaft Vegetierende vorzusprechen. Erfolg hat sie damit - noch - nicht.

The one percent

Die Sonderbehandlung für Celebrity Judy ist indes ein Paradebeispiel für die Ausformung weißer Privilegien. Sie hat zwar nie um einen solchen Bonus gebeten, hat aber auch kein Problem damit, die Annehmlichkeit anzunehmen. Überdies korrumpiert sie ihre harmlose neue Zellennachbarin Yoga Jones (Constance Shulman), die sich bei dem Unterfangen unwohl fühlt, den Vorteilen am Ende aber nicht widerstehen kann. Aus diesem Grundkonflikt könnte ein interessanter Handlungsbogen entstehen, der die ethnische Trennlinie um eine zwischen reich und arm ergänzt.

Die übrigen Szenen sind nicht mehr als kurze Einblicke in das Leben mancher Protagonistinnen. Piper (Taylor Schilling) macht aus dem Konflikt mit ihrer neuen Zellennachbarin das Beste, indem sie die bisher ebenfalls Namenlose als Leibwächterin engagiert - und damit einen Tipp beherzigt, den sie zuvor von Red bekommen hat. Für das Autorenteam wäre es einfach gewesen, diese Begleiterin als Pipers Bewundererin zu zeichnen. Stattdessen gibt deren anfängliche Skepsis ihrer Figur zusätzliche Schattierung, sodass sie zu mehr avancieren kann als nur einem reinen Sidekick.

Einen besonders gruseligen Einblick in die Mechanik der kapitalistischen Kräfte, die aus Glitchfield ein florierendes Unternehmen machen wollen, bekommen wir bei einem Meeting, an dem nun auch Caputo teilnehmen muss. Dort wird darüber verhandelt, wer neben Piscatella (Brad William Henke) als neues Wachpersonal engagiert werden könnte. Weil die MCC-Aktionäre einen Gehaltserhöhung kategorisch ausschließen, müssten Alternativen gefunden werden. Die Runde einigt sich auf die Suche nach Kriegsveteranen, wobei die Problematik einer Paarung körperlich und mental Versehrter mit Gefängnisinsassinnen angesprochen, aber sofort wieder ausgeblendet wird. Was zählt, sind am Ende nur die Zahlen. Vielleicht haben die Insassinnen ja deswegen noch keine Namen.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 22. Juni 2016
Episode
Staffel 4, Episode 2
(Orange Is the New Black 4x02)
Deutscher Titel der Episode
Machtgerangel
Titel der Episode im Original
Power Suit
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Autor
Sara Hess
Regisseur
Constantine Makris

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x02

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?