Orange Is the New Black 4x12

Ein großes Ärgernis am Ausstrahlungsmodell des Streaminganbieters Netflix ist die einfache Tatsache, dass es nahezu unmöglich ist, eine Staffel über mehrere Wochen verteilt zu schauen, ohne hinsichtlich ihres Inhalts gespoilert zu werden. Die Wahlmöglichkeiten, die uns Zuschauern zur Verfügung stehen, sind beide nicht besonders prickelnd. Entweder lässt man sich verraten, welches große Ereignis passiert, oder man zwingt sich dazu, die neuen Episoden gleich am Startwochenende nacheinander zu schauen, sofern man dazu die Zeit aufbringen kann.
Things to be easy
In dieser Problematik steckt ein eigener Artikel, weshalb ich hier nicht näher darauf eingehen, sondern nur mein Bedauern darüber äußern will, schon seit Wochen zu wissen, dass Poussey (Samira Wiley) am Ende der vierten Staffel von Orange Is the New Black sterben würde. Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, war es ein Leichtes, die Episode The Animals als ihre letzte einzuordnen. Und das nicht nur, weil es die vorletzte Episode der Staffel ist, sondern auch, weil Poussey darin plötzlich wieder eine prominente Rolle spielt.
Zuvor hatte sie nicht viel zu tun. Am Anfang gab es eine kurze Auseinandersetzung mit ihrer Freundin Brook (Kimiko Glenn), die aber schnell aus der Welt geschafft war. Hernach bekamen wir lediglich Einblicke in ihre harmonische Beziehung, die keinerlei Andeutungen eines Konflikts machten. In dieser Episode streitet sich das Paar dann plötzlich darüber, wie die Zeit im Gefängnis am besten abzusitzen ist, und Poussey denkt auf einmal daran, was sie eigentlich nach ihrer Freilassung anstellen will. Vor allem mit dem entsprechenden Vorwissen sind das deutliche Anzeichen für den Abschied einer Figur.
Und so kam es, dass mich das dramatische Ende der Episode nicht in dem Maße erschüttert hat, wie es wohl geschehen wäre, folgte die Serie dem klassischen wöchentlichen Ausstrahlungsmodus. Dass diese Staffel allgemein auf ein solch aufwühlendes Ereignis zusteuert, war indes auch ohne Spoiler zu erkennen. Die Kombination aus Überbevölkerung, ethnischen Spannungen und einer kaum ausgebildeten, teilweise sadistisch veranlagten Wachmannschaft ließ keinen anderen Ausweg zu. Überraschend ist jedoch, dass es eine solch prominente Figur wie Poussey trifft - diesen Fall hatten wir bisher noch nicht.

Es kann überhaupt erst so weit kommen, weil die Insassinnen beschließen, sich gegen die von Humphrey (Michael Torpey) ausgeübte willkürliche Gewalt zur Wehr zu setzen. Dafür sind sie sogar bereit, ihre Konflikte miteinander - zumindest vorübergehend - zu begraben. Dieser brüchige Frieden hält allerdings nur bis zum ersten Treffen der Gruppenvertreter. Dabei können sie sich nicht einigen, wer den Widerstand anführen soll. Die Zusammenkunft endet ergebnislos, weshalb der eigentliche Protest improvisierter Natur ist.
Anything but here
Bevor es so weit kommen kann, muss der Missbrauch durch die Wachen seinen Höhepunkt erreichen. Dabei wendet die Serie eine Figurenzeichnung an, die alleine dem Zweck der Eskalation dient und deshalb nur als einseitig beschrieben werden kann. Gab es zu Beginn der Staffel noch Bestrebungen, aus Oberwache Piscatella (Brad William Henke) mehr als nur einen brutalen Menschenhasser zu machen, werden diese mit der Episode The Animals endgültig über Bord geworfen.
Es ist schade, dass aus ihm ein solch flacher Charakter gemacht wurde. Bei seinen Kollegen Humphrey, Dixon (Mike Houston) oder Stratman (Evan Hall) ist das ja noch verständlich, haben sie doch weitaus weniger Spielzeit als er. Piscatella diente jedoch ab ungefähr der Hälfte der Staffel immer deutlicher nur noch als Motor des Konflikts. Hier tritt er nun in offene Opposition zu Caputo (Nick Sandow), der dank Bayley (Alan Aisenberg) herausgefunden hat, was zwischen Suzanne (Uzo Aduba) und Maureen (Emily Althaus) passiert ist.
Ebenjener Bayley ist es auch, dem die Rückblenden der Episode zugedacht sind. Diese illustrieren abermals, dass er eigentlich noch ein Kind ist, das mental noch gar nicht reif genug ist, den Job des Gefängniswärters gewissenhaft durchzuführen. Als ihm dann auch noch sein Vorgesetzter Caputo rät, so schnell wie möglich die Flucht aus diesem Höllenschlund zu ergreifen, ist bereits absehbar, dass er für den Tod Pousseys verantwortlich sein wird. Wie dieser dann zustande kommt, ist ebenso erschreckend wie dramatisch und führt all jene Konflikte zusammen, die sich während der vierten Staffel angestaut haben.

Dabei gibt Drehbuchautorin Lauren Morelli ihr Bestes, um ebendiese Erwartbarkeit zu konterkarieren. Neben Poussey und Brook gibt es weitere Pärchen, die wieder zueinander finden. Hätte es die Schlussszene nicht gegeben, wäre meine liebste wohl die zwischen Pennsatucky (Taryn Manning) und Boo (Lea DeLaria) gewesen, die mich sehr bewegt hat, weil die Motivationen beider Figuren so nachvollziehbar dargestellt sind, sie aber trotzdem versuchen, sich zu vertragen - ganz einfach, weil sie einander vermissen.
The difference between pain and suffering
Bei all den Intrigen, den vielen Witzen und den Ressentiments lässt sich nämlich leicht vergessen, welch starke Freundschaften in Litchfield entstanden sind. So ist es denn auch folgerichtig, dass Taystee (Danielle Brooks) als Erstes zu ihrer leblos am Boden liegenden, besten Gefängnisfreundin stürmt. Die beiden hatten wegen Beziehung und Job in dieser Staffel kaum gemeinsame Spielzeit, was angesichts ihres tollen Miteinanders in früheren Staffeln sehr schade ist. Gespannt dürfen wir nun sein, wie es nach dem tragischen - und unabsichtlich herbeigeführten - Tod weitergeht.
Kurz bevor dieser eintritt, bekommen wir einen ersten Hinweis darauf, dass die Situation für die Insassinnen wahrscheinlich noch schlechter werden wird. Caputo sucht seine alte Chefin Figueroa (Alysia Reiner) auf, um sich wegen seines früheren Verhaltens ihr gegenüber zu entschuldigen. Die erzählt ihm, dass die Baumaßnahmen in Litchfield nur dem Zweck dienen, noch mehr Häftlinge dort aufnehmen zu können. Diese Information genügt, um Caputo in die Bereitschaft zu versetzen, seine Freundin mit seiner Ex-Geliebten zu betrügen.
Bevor das Gefängnis endültig zur Hölle auf Erden wird, haben auch Piper (Taylor Schilling) und Alex (Laura Prepon) eine gute Zeit miteinander. Weniger gut geht es Morello (Yael Stone) und der endlich aus der Isolationshaft entlassenen Sophia (Laverne Cox). Erstgenannte steigert sich immer stärker in ihre Wahnvorstellungen hinsichtlich ihres Ehemanns Vinnie (John Magaro) hinein, während Sophia kaum noch weiß, wie sie in dieser bevölkerten Welt einst zurechtkam. Tatkräftige Unterstützung erhält sie bei der Wiedereingewöhnung glücklicherweise von Gloria (Selenis Leyva).
Abseits der prominenten Handlungsbögen realisiert Oberwärter Healy (Michael Harney) nach einem Zwiegespräch mit der durch Schlafentzug gepeinigten Red (Kate Mulgrew), dass er einer psychischen Behandlung bedarf. Diese wohl als Überraschung geplante Wendung geht jedoch im Erschrecken über Pousseys Tod unter - zumindest gehe ich davon aus, dass das bei den meisten Zuschauern, die ohne Vorwarnung in diese Episode gingen, der Fall war. Und damit endet meine Selbstmitleidsorgie.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 27. Juli 2016(Orange Is the New Black 4x12)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x12
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