Orange Is the New Black 4x11

Der Handlungsbogen um das Martyrium von Blanca (Laura Gomez) und Piper (Taylor Schilling) kommt in der Orange Is the New Black-Episode People Persons zu einem schnellen Ende, weil es für das gesamte Gefängnis ein weitaus größeres Problem gibt, nachdem die Leiche des Auftragsmörders gefunden wurde. Caputo (Nick Sandow) ermahnt seine Wachmannschaft, die Stunden bis zum Eintreffen des FBI-Teams mit Sorgfalt und Nachsicht abzuarbeiten, was natürlich bedeutet, dass das genaue Gegenteil passieren wird.
No cowboy shit
Es dauert keine Minute - Caputo wurde von MCC ins Hauptquartier gerufen -, bis Piscatella (Brad William Henke) seinen eigenen Plan vorschlägt, der die Anweisungen Caputos nicht wirklich untergräbt, sie aber auch nicht honoriert. Coates (James McMenamin) traut sich, dagegen Einspruch zu erheben, und wird sofort mit der nächtlichen Überwachung des Tatorts gemaßregelt. Bayley (Alan Aisenberg) lässt sich von Piscatellas Rigorosität so sehr beeindrucken, dass er später, als es wirklich an der Zeit wäre, einzuschreiten, nur die Flucht ergreift.
Den erschreckend brutalen Höhepunkt der Episode liefert das ehemalige Liebespaar Suzanne (Uzo Aduba) und Maureen (Emily Althaus). Sie werden vom schlimmsten aller Wachen, Thomas Humphrey (Michael Torpey), in eine gewaltsame Auseinandersetzung gezwungen. Behilflich in der Aufstachelung ist außerdem Wachmann Stratman (Evan Hall), dem ich in der letzten Episode noch zugetraut hatte, zumindest über eine Mindestportion an Respekt für die Humanität der Insassinnen zu verfügen.
Wie weit ich mit dieser Einschätzung daneben lag, lässt sich hier beobachten. Überraschend kommt diese Entwicklung allerdings nicht, konnten wir doch in den vorhergehenden Episoden bereits nachvollziehen, wie schleichend die Radikalisierung und Entmenschlichung der Wachen vor sich geht. Ob Rädelsführer oder passiver Beobachter, ist dabei beinahe schon unerheblich. Das Unrecht, das hier mit zunehmender Intensität geschieht, könnte von jeder Wache jederzeit verhindert werden. Dies gilt auch für McCullough (Emily Tarver) und Dixon (Mike Houston).

Interessant ist auch die Auswahl der hinsichtlich des Mordfalls zu Befragenden. Hierbei lässt Piscatella nicht nur vergangene Strafen in die Bewertungsskala einfließen, sondern auch seine soziale Vorprägung gegenüber Außenseitern. Kein Wunder also, dass Suzanne und Kukudio im Verdächtigenkreis landen. Unterfüttert wird dieses schicksalhafte Aufeinandertreffen mit der Vorgeschichte von Suzanne, die bereits zu Beginn der Staffel gegenüber Maureen verraten hatte, dass sie in ihrer Vergangenheit jemanden verletzt habe.
The secret to fun is diversification
Dass dieser Jemand ein kleiner Junge war, erfahren wir erst hier. Es ist wahrlich herzzerreißend, diesem Unfall in seiner Entstehung zuzuschauen. Als wir den Jungen zum ersten Mal sehen, lässt sich noch lange nicht erahnen, was mit ihm passieren wird. Schon bei der zweiten Begegnung ist dieses Bild jedoch klarer. Ab dem Zeitpunkt ist offensichtlich, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. Allerdings hätte ich mit solch einer heftigen Wendung nicht gerechnet. Außerdem kann die visuelle Umsetzung der Szene nicht überzeugen. Die Flucht und der Absturz hätten übersichtlicher inszeniert sein dürfen.
Neben den bereits Genannten gehört mit Red (Kate Mulgrew) der einzige Häftling zu den Verdächtigen, der wirklich etwas von dem Mord weiß. Bevor sie in Piscatellas Verhörzimmer gerufen wird, gibt sie an Taylor und Alex (Laura Prepon) die eindeutige Parole aus, nichts zu niemandem zu sagen. Sie warnt dabei sogar vor dem Gefangenendilemma. Solange sich das Quartett an diese Regeln hält, muss es sich berechtigte Sorgen nur um Lolly (Lori Petty) machen, die Healy (Michael Harney) ja eigentlich schon alles erzählt hat.
So schlecht der auch in seinem Job ist - wie er hier ganz richtig erkennt -, so schnell gelingt es ihm, die richtigen Schlüsse aus dem Fundort der Leiche zu ziehen. Unglaubwürdig finde ich allerdings seinen anschließenden Selbstmordversuch. Den Mord hätte er schließlich zu keinem Zeitpunkt verhindern können. Das einzige, was er hätte besser machen können, ist Lolly ernstzunehmen. Aber auch das ist kein so verhängnisvolles Vergehen, als dass es gleich so drastisch bestraft werden müsste. Wer kann schon unterscheiden, welche Geschichten Lollys nun Hirngespinste sind und welche die Wahrheit?

Am Ende wird der Handlungsbogen zu sauber abgeschlossen. Uns wird es als Happy End für Alex verkauft, dass Lolly in die psychiatrische Abteilung abgeschoben wurde. Aber kann ein so furchtbarer Ort - wir sehen ja kurz, wie es dort zugeht -, überhaupt einen glücklichen Abschluss symbolisieren? Hier endet zunächst die aufwühlende Eskalation der letzten Episoden, allerdings steht noch nicht fest, ob es nicht doch noch zum Comeback dieses Erzählstrangs kommt. Suzannes Bestrafung für den Angriff auf Kukudio, der ja eigentlich nur Selbstschutz war, steht auch noch aus.
Get used to anything
Es geht momentan äußerst düster zu in Litchfield, und Schuld daran tragen nicht die Insassinnen, sondern ihre corporate overlords, die von niemandem besser dargestellt werden als von Linda from Accounting (Beth Dover). Sie gibt in People Persons zu, dass sie noch nie ein Gefängnis von innen gesehen hat, weil dies laut eigener Aussage für ihren Job nie wichtig gewesen sei. Viel besser kann man die Entmenschlichung des industriellen Gefängniskomplexes in Amerika kaum ausdrücken. Gestört hat mich daran nur, dass Caputo nach dieser Erkenntnis trotzdem wieder mit ihr nach Hause geht. Er war doch gerade wieder auf dem Weg der Besserung.
Für einen Lichtblick sorgt zwischendurch Pennsatucky (Taryn Manning), die sich schon seit längerer Zeit auf dem Pfad der Läuterung befindet, was beinhaltet, sich um kranke Mitinsassinnen zu kümmern. In den Genuss dieser altruistischen Lebenseinstellung kommt Nicky (Natasha Lyonne), die einen weiteren Versuch gestartet hat, den Drogen fernzubleiben. Ihre Psyche will sie ein ums andere Mal überlisten, hat dabei aber nicht mit der Standhaftigkeit Pennsatuckys gerechnet, deren erste Versuche im Kunsthandwerk nun ganz praktische Anwendung finden.
Wie ein Fremdkörper wirkt zwischen all diesen ernsthaften Handlungsbögen der Drogentrip von Judy (Blair Brown), Yoga Jones (Constance Shulman) und Luschek (Matt Peters), der in einem Dreier mit anschließender wortloser Reuebekundung endet. Solch comic relief hätte ich eher zur Mitte einer Staffel erwartet, weil man dort noch Erzählstränge platzieren kann, die keine weitreichenden Konsequenzen haben. Interessanter wäre da schon ein tieferes Eintauchen in die Anschuldigungen gewesen, die Danny Pearson (Mike Birbiglia) und Crystal Burset (Tanya Wright) dem Vorsitzenden von MCC - Dannys Vater - machen. Aber dazu kommen wir sicherlich in den letzten beiden Episoden der vierten Staffel.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 23. Juli 2016(Orange Is the New Black 4x11)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x11
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