Orange Is the New Black 4x10

In Litchfield gibt es nichts, was lange verborgen bleibt - keine Geheimnisse, keine illegalen Operationen und keine Leichen. Ein Gefängnis als Handlungsort einer Serie bietet die optimale Gelegenheit für Drehbuchautoren, ihren Tschechow'schen Anwandlungen freien Lauf zu lassen. In Orange Is the New Black gibt es kaum einen Handlungsbogen, der im narrativen Sand verlaufen würde. Alles, was hier vor sich geht, hat Konsequenzen - seien diese nun positiver oder, und das ist viel öfter der Fall, negativer Natur.
The best way to avoid shit is to avoid shit
Beim Zuschauen kann das zutiefst befriedigend sein, vor allem, wenn man sich die Folgen im Binge-Watching-Modus zu Gemüte führt. In diesem Falle ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man einstmals aufgegriffene Erzählstränge wieder vergisst. Wenn es gut läuft, verschmilzt dann das ausgedehnte Werk zu einem einzigen kohärenten Ganzen. Allerdings gibt es hier auch einen Nachteil, kann man doch bereits im ersten Akt einer Staffel erahnen, was im dritten passieren wird. Oder hat hier wirklich jemand geglaubt, die von Alex (Laura Prepon) und Co. vergrabene Leiche würde vergraben bleiben?
Interessant ist in diesem Handlungsbogen vielmehr, wie es zur Entdeckung der Leichenteile kommt. Damit meine ich nicht die dramaturgische Verrenkung, die dafür vorgenommen werden muss. Viel eher interessieren die menschlichen Entscheidungen, die dazu führen. Hier ist es Piscatella (Brad William Henke) und seiner Verachtung für die Herstellung von Normalität für die Insassinnen - wer braucht schon Gartenarbeit? - zu verdanken, dass nicht über alternative Verlegungsmöglichkeiten für die Abwasserrohre nachgedacht wird.
Caputo (Nick Sandow) hätte in dieser Frage wohl länger über die Zerstörung des Gartenhauses nachgedacht, kann aber nicht erreicht werden, weil er damit beschäfitgt ist, sich für Sophia Burset (Laverne Cox) einzusetzen. Dieser Gesinnungswandel kommt zwar reichlich spät zustande, darf aber trotzdem belobigt werden. Wenngleich es angesichts der miserablen Lage des amerikanischen Haftsystems eine ziemlich unrealistische Wendung wäre: Würden sich Caputo und Danny Pearson (Mike Birbiglia) erfolgreich dagegen auflehnen, wäre das doch ein Handlungsbogen, den ich in kommenden Staffeln mit großem Interesse verfolgen würde.

Noch ist es jedoch viel zu früh, dem Gefängnisdirektor zu verzeihen, der beinahe an die von seiner Freundin Linda (Beth Dover) repräsentierte dunkle Seite verloren ist. Viel zu schlecht läuft es dafür bei den meisten anderen Schutzbefohlenen. Vor allem diejenigen, die in direktem Kontakt mit den Wachen stehen - und das sind die meisten - haben unter deren fehlender Sensibilität zu leiden. Das wiederum lässt sich direkt zurückführen auf die Sparmaßnahmen, die Linda freudestrahlend vorgeschlagen hat.
Not my boo
Für manche Insassinnen hat diese Entmenschlichung weitreichende, bisweilen körperlich spürbare Konsequenzen. Blanca (Laura Gomez) bleibt über die gesamte Episode Bunny, Skull, Bunny, Skull mit eisernem Willen und nasser Hose auf dem Tisch stehen, auf den sie von Stratman (Evan Hall) am Ende der letzten Folge gezwungen wurde. Daraus entwickelt sich ein brisantes Psychoduell zwischen ihr und Piscatella, der die Parole ausgibt, sie unter keinen Umständen aus ihrer selbstgewählten Pein zu entlassen.
Piper (Taylor Schilling) lässt sich von ihrem schlechten Gewissen dazu verleiten, sich für Blanca einzusetzen, stößt aber erst auf taube Ohren und dann auf den fehlgeleiteten Ehrgeiz von Wachmann Dixon (Mike Houston), der ihr dasselbe Schicksal wie Blanca zuteil werden lässt. Noch schlimmer trifft es Maritza (Diane Guerrero), die von Humphrey (Michael Torpey) am Ende von Turn Table Turn dazu gezwungen wurde, ein Mausbaby bei lebendigem Leib herunterzuschlucken - ganz so, wie sie es vorher in ihrer Ekelgeschichte erzählt hatte.
Trost findet sie lediglich bei ihrer besten Gefängnisfreundin, Flaca (Jackie Cruz), die auf angemessene Weise reagiert und sofort ankündigt, die Foltermethoden auffliegen lassen zu wollen. Ob sie damit jedoch Erfolg hat, darf bezweifelt werden. Sie müsste mit ihren Anschuldigungen schon bis zu Caputo oder wenigstens Piscatella vorgelassen werden, denn die Wachmannschaft bildet eine verschworene Gemeinschaft, auch wenn einzelne Mitglieder wie McCullough (Emily Tarver) nicht wissen, wie groß das Ausmaß der Abscheulichkeiten wirklich ist.

Die von den Wachen ausgehende Gefahr muss nicht immer direkter Art sein. Sie bringen die Gefangenen auch durch Inaktivität und mangelnde Entschlossenheit in brenzlige Situationen. Ein Beispiel dafür sind Bayley (Alan Aisenberg) und Coates (James McMenamin), die sich ankündigenden Rassenunruhen entgegentreten, indem sie einfach die gemeinsame Filmvorführung unterbrechen, statt die Wurzel des Problems - die ständigen Provokationen der Nazifraktion - zu adressieren.
Very Harold and Maude
Die Lage im Gefängnis ist zu diesem späten Zeitpunkt in der vierten Staffel schon ziemlich aussichtslos, was aber nicht bedeutet, dass das Leben außerhalb der Mauern viel einfacher zu bewältigen wäre. Ein Lied davon kann Aleida (Elizabeth Rodriguez) singen, deren Befürchtungen sich alle innerhalb eines Tages bewahrheiten. All ihre Nächsten haben sie beinahe vergessen, sie findet keinen Anschluss, weiß nicht, wie sie mit diesem vermeintlich freien Leben umgehen soll.
Neben all diesen düster verlaufenden Erzählsträngen gibt es einige wenige, die hoffnungsvolle Stimmung verbreiten. Red (Kate Mulgrew) setzt alles daran, Nicky (Natasha Lyonne) vom Drogenkonsum abzuhalten, was ein nahezu aussichtsloses Unterfangen ist, von ihr aber nicht unversucht gelassen werden will. Das genaue Gegenbeispiel zu ihr ist Judy King (Blair Brown), die während des aufziehenden Rassenkonflikts endgültig als lupenreine Opportunistin entlarvt wird.
Ein besonders komplexes Wache-Häftling-Verhältnis unterhalten derweil Nicky und Luschek (Matt Peters), die endlich aufeinandertreffen. Er erwartet ein Dankeschön dafür, sich von Judy in die sexuelle Sklaverei gezwungen haben zu lassen, bekommt stattdessen aber den Vorwurf, bei Nicky einen erneuten Rückfall in die Drogensucht ausgelöst zu haben. Eine sorgfältig geplante Schuldzuweisung muss auch Suzanne (Uzo Aduba) ertragen, die sich von Morello (Yael Stone) für einen Versöhnungsversuch mit Maureen (Emily Althaus) begeistern lässt, von der jedoch nur mit kalt servierten Rachehäppchen abgespeist wird.
Orange Is the New Black schlägt nun ganz deutlich in Richtung eines dramatischen Staffelfinales aus. Bring it on.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 21. Juli 2016(Orange Is the New Black 4x10)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x10
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