Orange Is the New Black 4x08

Orange Is the New Black 4x08

Dass die brutalen Schmerzen, die Piper am Ende der letzten Episode aushalten musste, einmalig sein würden, war nahezu vollständig auszuschließen. Während ihrer peinigenden Buße findet sie Friends in Low Places. Für manch andere Insassin kündigt sich neues Unheil an.

Da ist die Begeisterung noch groß... / (c) Netflix
Da ist die Begeisterung noch groß... / (c) Netflix

Die Orange Is the New Black-Episode Friends in Low Places ist bereits die dritte in dieser vierten Staffel, die auf eine Rückblende in die Vergangenheit einer Figur außerhalb der Gefängnismauern verzichtet. Stattdessen wird uns in den meisten Handlungsbögen die Knastrealität brutal vor Augen geführt, ohne uns eine Flashback-Verschnaufpause zu gönnen. Die Insassinnen dürfen lediglich darüber fabulieren, was sie mit einer Zeitreisemaschine anstellen würden.

Not even a little bit

Das führt zu wahnsinnig komischen Ergebnissen, erinnert uns aber gleichzeitig daran, wie tief die Gräben sind, die dank Pipers Machtfantasien entlang ethnischer Linien zwischen den einzelnen Häftlingsgruppen verlaufen. Sie hat dafür am Ende der letzten Episode einen hohen Preis bezahlt, als die Gruppe um Maria Ruiz (Jessica Pimentel) ihr ein Andenken verpasste, das sie ihr Leben lang nicht vergessen wird. Das volle Ausmaß des Schmerzes kommt nun zum Tragen, wobei die Serie nicht davor zurückscheut, Piper mehrmals an ihrem Allzeittiefpunkt zu zeigen.

Bei uns Zuschauern löst das eine wunderbar komplexe moralische Frage aus. Hat es Piper angesichts ihrer vergangenen Missetaten verdient, so zu leiden? Ihr Handlungsbogen, der bereits in der dritten Staffel seinen Anfang nahm, ist damit endgültig von der Komödie zur Tragödie geworden. Piper versucht, diese Frage für sich selbst zu beantworten: „I probably deserve it.“ Ob dem wirklich so ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Immerhin bringt Piper genügend Kontrolle auf, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen. Sie hat verloren, und sie weiß es.

Sie befindet sich nun am bisher tiefsten Punkt ihrer Gefängniskarriere, was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht noch tiefer fallen könnte. Taylor Schilling liefert dabei ihre bislang beste Arbeit ab und schafft es so, das ganze Ausmaß des Leidens ihrer Figur packend zu illustrieren. Piper versucht, sich bei ihrem Bruder Cal (Michael Chernus) ein zumindest vorübergehendes Gefühl der Geborgenheit zu holen, scheitert damit aber, weil sie durch das Telefonat nur daran erinnert wird, was sie alles verpasst.

Maria (Jessica Pimentel) hat sich gegen Piper durchgesetzt. © Netflix
Maria (Jessica Pimentel) hat sich gegen Piper durchgesetzt. © Netflix

Dieser zusätzliche Schmerz treibt sie schließlich in die Arme von Nicky (Natasha Lyonne) und Alex (Laura Prepon), die sich beide mit künstlicher Schmerzbekämpfung bestens auskennen. Gemeinsam frönt das leidgeplagte Trio dem Crackkonsum, wobei es zu einer ersten Annäherung zwischen Alex und Piper kommt. Weiteres Futter erhält dieser brüchige Friedensprozess dank Red (Kate Mulgrew), die Piper dazu ermutigt, aus dem Nazi-Tattoo ein weitaus freundlicheres zu machen - und diese Transformation gleich selbst in die Hand nimmt.

Fight the light with darkness

Schön zu sehen ist überdies, dass Red schnell herausfindet, wer ihre Schminkutensilien geklaut hat, Nicky dafür aber nicht - zumindest nicht gleich - an die Kandare nimmt. Viel eher ist sie besorgt um ihren Schützling, der nicht nur im Drogenrausch nach Ablenkung sucht, sondern auch im neuerlichen Verführen einer alten Gefängnisaffäre. Morello (Yael Stone) jedoch bleibt hart, lässt sich vom pessimistischen reality check ihrer Freundin aber dazu beeinflussen, ihre Schwester als Spionin auf ihren Ehemann anzusetzen.

Ob das, wie die Beauftragte befürchtet, zu einem abermaligen Ausbruch von Morellos Obsessionen führt, lässt sich zu diesem Zeitpunkt kaum vorhersehen. Die Geschichten von Orange Is the New Black sind mittlerweile so weit verzweigt, so ausladend und detailreich, dass manche von ihnen gar nicht oder erst sehr spät wieder aufgegriffen werden. Das geht nicht immer gut, wie wir in dieser Episode sehen. Ein negatives Beispiel ist die auffällige Absenz von Luschek (Matt Peters), der zunächst für die Freilassung Nickys aus dem Hochsicherheitsbereich sorgte und dafür seine sexuelle Selbstbestimmung opferte, seitdem aber nicht mehr aufgetaucht ist.

Positiv ins Feld führen lässt sich dagegen der Handlungsbogen um Pennsatucky (Taryn Manning) und ihren Peiniger Coates (James McMenamin). Dieser bekam in den vorherigen Episoden stets nur kurze Zeit, von der jedoch jede Sekunde wertvoll ausgenutzt wurde. Tiffany hat es dabei geschafft, bei dem Wärter für ein Umdenken zu sorgen. Hat er es zunächst nicht verstanden, wie sie die Vergewaltigung als solche bezeichnen konnte, so hat er sich ganz offensichtlich ohne unser Beisein viele Gedanken darüber gemacht und ist zum richtigen Schluss gekommen.

Morello (Yael Stone) macht gute Miene zu bösem Spiel. © Netflix
Morello (Yael Stone) macht gute Miene zu bösem Spiel. © Netflix

Das führt die etwas überraschende Charakterzeichnung kohärent fort, die ihn in einer Szene mit Luschek als nicht ganz so widerwärtige Figur etablierte. Wenngleich er mit seiner Entschuldigung nicht wieder rückgängig machen kann, was er der Frau, die er angeblich liebt, angetan hat, so realisiert sie doch den Reifeprozess, den er durchlaufen hat. Sie antwortet ihm mit einem ehrlich gemeinten „Danke“, wobei sie nicht überspielen kann, dass sie immer noch tief verletzt ist. Die einfache Wahrheit, wonach jede Handlung eine Konsequenz nach sich zieht, wird hier effektiv hervorgehoben.

There is no God

Ähnlich verhält es sich mit dem Handlungsbogen um Crystal (Tanya Wright), die sich weigert, den Kampf für ihre Ehefrau Sophia (Laverne Cox) aufzugeben. Dieser Erzählstrang wird hier für mich äußerst unbefriedigend weitergeführt. Crystal ist angesichts der Abschottungspolitik von MCC so verzweifelt, dass sie keinen anderen Weg sieht, als Caputo (Nick Sandow) in dessen Zuhause zur Rede zu stellen. Der balanciert indes weiter zwischen seiner Empathie für die ihm anvertrauten Häftlinge und einer vielversprechenden und materiell lohnenswerten Karriere bei dem privaten Gefängnisunternehmen.

Seine Aufstiegschancen werden symbolisiert durch Linda (Beth Dover), die zu einem drastischen Mittel greift, um Crystal zu verjagen. Was ihr Arbeitgeber mit geduldigem Papier macht, wiederholt sie mit einer Waffe. Spätestens da hätte ich mir gewünscht, dass Caputo erkennt, welchen Teufel er sich da ins Bett geholt hat. Leider reagiert er genau umgekehrt auf ihr völlig überzogenes Vorgehen. Zur Zeit hat es wahrlich den Anschein, als sei er an die dunkle Seite verloren. Wenn er nicht einmal durch einen potentiellen Mord aufgeweckt wird, wodurch dann?

All dieser Tristesse, die auch durch die als Ausbildungsprogramm verschleierte Zwangsarbeit symbolisiert wird, stehen nur noch wenige comic relief-Szenen gegenüber. Zu diesen gehört die Kooperation zwischen Judy King (Blair Brown) und den schwarzen Insassinnen, die sich vom Paparazzi-Geschäft versprechen, die verlorenen Einnahmen aus dem ruinierten Unterwäschebusiness auszugleichen. Auch Bayley (Alan Aisenberg) als vorhersehbarer Fan von Radio-Podcasts lädt zum Schmunzeln ein. Ansonsten überwiegt aber die Tragödie - die Serie ist gerade viel mehr black als orange.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 13. Juli 2016
Episode
Staffel 4, Episode 8
(Orange Is the New Black 4x08)
Deutscher Titel der Episode
Tief gesunken
Titel der Episode im Original
Friends in Low Places
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Autoren
Alex Regnery, Hartley Voss
Regisseur
Phil Abraham

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x08

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