Orange Is the New Black 4x07

Orange Is the New Black 4x07

It Sounded Nicer in My Head, dürfte sich Piper wohl gedacht haben, nachdem sie die Nachbarschaftshilfe gegründet hatte. In der so betitelten Orange Is the New Black-Episode bezahlt sie dafür einen hohen Preis. Die Konflikte innerhalb des Gefängnisses könnten bald eskalieren.

Morello (Yael Stone, l.) freut sich über Nickys Rückkehr. / (c) Netflix
Morello (Yael Stone, l.) freut sich über Nickys Rückkehr. / (c) Netflix

Die Orange Is the New Black-Episode It Sounded Nicer in My Head ist die erste, die die bisher nur angedeuteten brutalen Konsequenzen der neuen Gefängniskultur in Litchfield unmittelbar hervorhebt. Dieser Wandel, der durch die Privatisierung eingeläutet wurde, ist nicht mehr rückgängig zu machen, was in dieser Episode durch eine sehr offensichtliche und mehrere weniger offensichtliche Metapher verbildlicht wird. Sowohl Insassinnen als auch langjährige Angestelle wünschen sich vielleicht eine Reise zurück in die Vergangenheit - bekommen werden sie sie nicht.

Everybody wants to go back

Was für all jene, die mit dieser neuen Lage zurechtkommen müssen, eine irgendwie zu überwindende Situation ist, beschert uns Zuschauern viele zutiefst dramatische Momente, die auch noch wunderbar miteinander harmonieren. Besonders gut lässt sich das am Handlungsbogen von Piper (Taylor Schilling) ablesen. Gleich zu Beginn der Episode bekommen wir ein Gefühl davon, wie heillos überfordert sie von der derzeitigen Situation ist. Sie versucht, das auf Unwissenheit zu schieben, kann damit bei mir aber keinerlei Sympathiepunkte gewinnen.

Überdies macht sie ihre fadenscheinigen Ausflüchte noch schlimmer, als sie sich weigert, diejenige zu beschützen, die zu ihrem Schutz angeheuert worden war. Hapakuka (Jolene Purdy) - offiziell wird sie so genannt, wenngleich ich ihren Namen in dieser vierten Staffel noch nicht einmal gehört habe - wähnt sich in Gefahr, weil sie keine Verbündeten im Gefängnis hat, die der gleichen Herkunft sind. Statt sie also in ihre white power-Truppe aufzunehmen - was zugegebenermaßen nicht viel besser wäre -, lässt Piper sie einfach fallen.

Ihre Selbstsucht wird damit auf die Spitze getrieben, was sie aber gar nicht zu realisieren scheint. Ganz offensichtlich glaubt sie den bullshit, den sie als Begründung verzapft: „I would say that wolves exist which I am helpless to defend you against.“ Es mag stimmen, dass Piper alleine keinen effektiven Schutzmechanismus installieren kann, jedoch könnte sie wenigstens versuchen, einen Deal für ihre ehemalige Angestellte auszuhandeln. Hier offenbart sich einmal mehr, in welch privilegierter Welt sie aufgewachsen ist. Ihre Figur ist derzeit wahrlich schwer zu ertragen.

Ihre verzwickte Lage hat sich Piper (Taylor Schilling) selbst zuzuschreiben. © Netflix
Ihre verzwickte Lage hat sich Piper (Taylor Schilling) selbst zuzuschreiben. © Netflix

Da fällt es denn auch schwer, Mitleid für sie zu empfinden, als sie auf der Party für die zurückgekehrte Nicky (Natasha Lyonne) von all ihren ehemaligen Freundinnen geschnitten wird. Dies wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, einen weiteren Versöhnungsversuch mit Alex (Laura Prepon) anzugehen, wäre die nicht in ihrer ganz eigenen Welt unterwegs. Sie hat zum einen immer noch nicht verarbeitet, was sie in der Auftaktepisode dieser Staffel getan hat, und macht sich zum anderen berechtigte Sorgen, dass Lolly (Lori Petty) abermals alles ausplaudern und ihr dieses Mal auch jemand glauben könnte.

Labor and capital can never be friends

Letztgenannter wird in It Sounded Nicer in My Head die obligatorische Rückblende zugedacht, wonach ich mein Urteil aus dem letzten Review über ebenjene Flashbacks gleich wieder revidieren muss. Das Porträt von Lollys Abgleiten in den Wahnsinn komplementiert ihre aktuelle Situation so gut, witzig und emotional, dass ich zum ersten Mal in dieser Staffel von einem Rückblick wirklich angetan war. Sie versteht ihre Krankheit ebenso wie die Umstände, die sie nach Litchfield geführt haben - das aber nur in lichten Momenten.

In der Vergangenheit arbeitete sie als Möchtegerninvestigativjournalistin bei einem Lokalblatt, dessen Chefredakteur sich weigerte, ihre vermeintlichen Enthüllungsgeschichten abzudrucken. Wie der Niedergang Litchfields in Richtung Überbevölkerungschaos ist auch Lollys Abdriften in den Wahnsinn von gradueller Natur. Nach dem Verlust sämtlicher sozialer Kontakte auf sich alleine gestellt, landet sie auf der Straße, auf der die stetige Veränderung - in diesem Falle die Gentrifizierung des Areals, auf dem sie unter jämmerlichen Umständen hauste - stets zu ihren Ungunsten ausfällt.

Diese Vorgeschichte ist ein wahres Wunderwerk der Empathiegewinnung und Charakterentwicklung. Die abschließende Szene zwischen Healy (Michael Harney) und ihr in ihrer selbst gebauten Zeitmaschine bekommt dadurch eine viel größere emotionale Tragweite. Zwei verlorene Seelen vertrauen sich hier einander an, wobei die Bedrohung des neuen Regimes auch solche stillen Momente gegenseitigen Verständnisses zunichtemachen werden. Gäbe es Healy nicht, hätte Piscatella (Brad William Henke) längst schärfere Maßnahmen gegen Lolly angeordnet.

Die Paparazzi-Bande berät die nächsten Schritte. © Netflix
Die Paparazzi-Bande berät die nächsten Schritte. © Netflix

Als Nicky dank des in dieser Episode abwesenden Luschek (Matt Peters) und seines Gefängnisflirts Judy King (Blair Brown) nach gen pop zurückkehrt, findet sie eine Huxley'sche schöne neue Welt vor. Insassinnen - vor allem diejenigen mit dunkler Haut - werden wahllos angehalten und abgetastet, auf einfache Fragen an die Wachen gibt es keine Antworten, sondern bestenfalls nur gebellte Anweisungen. Überdies muss der Drogennachschub von Piper-Häscherin Maria Ruiz (Jessica Pimentel) gar nicht neu aufgezogen werden, sondern ist dank der Meth-Pipeline von Angie (Julie Lake) längst sichergestellt.

To understand a degenerate

Für Nicky sind das natürlich keine guten Vorzeichen, wenngleich sie in ein Umfeld zurückkehrt, das sie viel liebevoller aufnimmt, als sie im Hochsicherheitstrakt jemals behandelt wurde. Die Reaktion ihrer Gefängnisfreundinnen ist eine der wenigen Lichtblicke dieser Episode. Red (Kate Mulgrew), deren Schlafmarathondauer leider nicht aufgeklärt wurde, nimmt eine Verwarnung in Kauf, um Nicky besonders lange umarmen zu können, und macht sich sogleich daran, eine Willkommensparty mit Kuchen, Fruchtsaft und Musik auf die Beine zu stellen, zu der Piper nicht eingeladen ist.

Die lässt sich davon jedoch nicht abhalten, was sehr schmerzhafte Folgen für sie hat. Wenig überraschend hat Hapakuka die Seiten gewechselt und dient nun den Latinas als Zuträgerin. Maria Ruiz will persönlich Rache an der Person nehmen, die dafür verantwortlich ist, dass sie womöglich mehrere zusätzliche Haftjahre verordnet bekommt. Hier ist nun der Moment gekommen, an dem ich ein bisschen Mitleid für Piper aufbringen kann, ist ein Hakenkreuzbranding doch nicht nur eine äußerst schmerzhafte Strafe, sondern auch die maximal unansehnliche.

Eine winzige Portion Mitgefühl hat sich auch Caputo (Nick Sandow) verdient, dessen luftige Visionen von der entmenschlichten Rechenmaschine Linda (Beth Dover) im Auftrag von MCC zerstört werden. Sein konsterniertes Gesicht ob der vermeintlich frohen Botschaft, die Insassinnen würden fortan in diversen Bauhandwerken ausgebildet, spricht für sich. Besser läuft es da schon für Taystee (Danielle Brooks) und ihre Paparazzi-Crew, die es endlich schafft, ein scharfes Bild von Judy aufzunehmen. Sie versteht die Aktion witzigerweise völlig falsch, was zu weiteren Hafterleichterungen und einem wertvollen Tipp an die mit ihrer Entlassung hadernde Aleida (Elizabeth Rodriguez) führt.

So düster die vierte Staffel von Orange Is the New Black mittlerweile geworden sein mag, so oft schafft sie es, uns einen genuinen Moment der Freude zu entlocken. Wie schön.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 9. Juli 2016
Episode
Staffel 4, Episode 7
(Orange Is the New Black 4x07)
Deutscher Titel der Episode
Weiße Scham
Titel der Episode im Original
It Sounded Nicer in My Head
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Autor
Nick Jones
Regisseur
Mark A. Burley

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x07

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