Orange Is the New Black 4x06

Orange Is the New Black 4x06

Drogen feiern in der Orange Is the New Black-Episode Piece of Shit ein unrühmliches Comeback. Dies geschieht als direktes Resultat zweier Konflikte, die sich unterschiedlich schnell hochgeschaukelt haben und nun explodieren. Die vierte Staffel wendet sich ihrer düsteren Seite zu.

Piper (Taylor Schilling, M.) hat sich mit Maria Ruiz (Jessica Pimentel, l.) eine erbitterte Feindin geschaffen. / (c) Netflix
Piper (Taylor Schilling, M.) hat sich mit Maria Ruiz (Jessica Pimentel, l.) eine erbitterte Feindin geschaffen. / (c) Netflix

Es ist so viel los in der Orange Is the New Black-Episode Piece of Shit, dass keine Zeit bleibt für die serientypischen Rückblenden. Vermisst habe ich sie nicht. Wie wir an der vorhergehenden Folge sehen konnten, dienen sie nur manchmal der weiteren Erläuterung des aktuellen Geschehens. Unverkennbar ist aber, dass die Serie nun endgültig ihre Leichtigkeit abstreift.

Go team

Die Episode beschert uns ein Wiedersehen mit mehreren Figuren, die in vergangenen Staffeln in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses abgeschoben wurden, was in den meisten Fällen viel dazu beiträgt, die dramaturgische Düsternis zurückzubringen. Los geht es mit dem aus Luschek (Matt Peters) und Nicky (Natasha Lyonne) bestehenden Gespann, das zunächst getrennt begleitet wird, bevor es in diesem Handlungsbogen zu einer ersten emotionalen Explosion kommt. Luschek bekommt wegen seines Verrats in der letzten Staffel Hassbriefe von Nicky aus ihrer Einzelhaft.

Dort verbringt sie ihre Tage damit, als Putzfrau zu arbeiten, die wenigen Augenblicke zu genießen, die sie alleine in der Sonne verbringen darf und ihren Geist mit dem Wiederholen der Bundesstaaten und ihrer Hauptstädte fit zu halten. Es ist ihr gelungen, von den Drogen wegzukommen, obwohl die Verlockungen überall lauern. Ihre ehemalige Freundin Stella (Ruby Rose) hat es nicht geschafft, sauber zu bleiben und zeigt auch kein erhöhtes Interesse daran, Nicky vor dem erneuten Rückfall in die Sucht zu bewahren.

Luschek ist derweil geplagt von Schuldgefühlen, die er gegenüber seiner Gefängnisfreundin Judy King (Blair Brown) zu verbalisieren versucht. Die hat ihren Spaß damit, ihn in die Irre zu führen und ihm ernstgemeinte Ratschläge zu erteilen, weiß aber auch genau, wie sie es anstellen kann, ihn zu sexuellen Gefälligkeiten zu zwingen. Nachdem sein erster Versuch der Annäherung krachend gescheitert ist (was von Lyonne herausragend gespielt wird), übergibt sie sein Problem kurzerhand ihren Anwälten, die in Windeseile den Transfer von Nicky aus der Hochsicherheitszone organisieren.

Mit Nicky (Natasha Lyonne) kehrt die Düsternis zurück. © Netflix
Mit Nicky (Natasha Lyonne) kehrt die Düsternis zurück. © Netflix

Besonders tragisch daran ist, dass Nicky einen schwerwiegenden Fehler begeht, bevor sie von dieser glücklichen Fügung erfährt. Weil sie der verwahrlosten und um Hilfe bittenden Sophia (Laverne Cox) unwissentlich ein Instrument zur Selbstverletzung in deren Isolationszelle geschmuggelt hat und nun auch noch deren Blut von den Wänden putzen muss, verliert sie die enorme Willenskraft, die nötig ist, um ihre Drogenabstinenz weiter aufrechtzuerhalten. Auch sie muss als Preis für ihren Rückfall eine sexuelle Gefälligkeit bezahlen.

Life according to maybes

Angesichts der Entwicklungen im normalen Sicherheitsbereich des Gefängnisses ist es fraglich, ob es für Nicky überhaupt ratsam ist, dorthin zurückzukehren. Dort sieht es nämlich danach aus, als würde der Drogenhandel bald wieder so florieren wie in max. Zumindest eine Teilschuld daran trägt Piper (Taylor Schilling), die aus reinem Narzissmus eine weitere abscheuliche Tat begeht. Die Rechnung dafür wird ihr nicht umgehend präsentiert, jedoch hat sie nun eine zahlenstarke Insassinnengruppe gegen sich aufgewiegelt.

Mit dem Aufbau der Bürgerwehr hat sich Piper selbst ein Bein gestellt. Die ausnahmslos von weißen Rassistinnen besetzte Miliz wird von den Wachen unterstützt, weshalb es ihr leicht fällt, die Latinas und sämtliche andere nicht-weißen Gruppen zu diskriminieren. Nach nur wenigen Tagen funktioniert diese furchteinflößende Maschinerie so gut, dass sogar Pipers eigenes Unterwäscheschmuggelgeschäft aufzufliegen droht. Statt daraus zu lernen und zu versuchen, sich unentdeckt aus der Affäre zu ziehen, erhöht sie den Einsatz und hängt ihrer Konkurrentin Maria Ruiz (Jessica Pimentel) ihr eigenes Vergehen an.

Dadurch bekommen die Worte, die Big Boo (Lea DeLaria) gegenüber Piper ganz unverblümt äußert, noch mehr Gewicht: „Everyone hates you.“ Das ganze Ausmaß ihrer Tat bekommt sie jedoch erst am Ende zu spüren, als Maria erfahren hat, was ihr wegen des Vergehens droht. Oberwärter Piscatella (Brad William Henke) will ganz offensichtlich ein Exempel statuieren, beweist aber nur, dass er mit seiner Mentalität aus dem Hochsicherheitstrakt in diesem Gefängnis fehl am Platze ist. Er steckt Maria nicht etwa in die Isolationshaft, sondern will ihr sogleich drei bis fünf zusätzliche Jahre Haftzeit aufbürden.

Ein bisschen Spaß muss sein. © Netflix
Ein bisschen Spaß muss sein. © Netflix

Ihr Entsetzen darüber ist verständlich, ihre Reaktion darauf aber nur bedingt. Weil sie für ihre Wut keinen Kanal findet und schlau genug ist, diese nicht in Gewalt umzumünzen, beschließt sie, jetzt erst recht ins illegale Geschäft einzusteigen. Sie will auf der von Maritza (Diane Guerrero) etablierten Schmuggelroute fortan keine gebrauchte Unterwäsche transportieren, sondern harte Drogen. Mehrere Mitglieder aus ihrem Latina-Team sind der Idee wohlgesonnen, wenngleich wir von den weniger entschlossenen wie Flaca oder Gloria dahingehend noch keine Reaktion gesehen haben.

Idle time is the devil's workshop

Es ist wunderbar zu sehen, wie harmonisch die prominenten Handlungsbögen dieser Episode ineinanderfließen. Gleichzeitig ist es beeindruckend, wie schnell die Serie eine solche Dunkelheit erreicht hat. In Piece of Shit gibt es nur noch wenige Erzählstränge, die die Luftigkeit der vorhergehenden Episoden erreichen. Dazu gehören aber sicherlich die erfolgreichen Bemühungen von Taystee (Danielle Brooks), zwischen Cindy (Adrienne C. Moore) und Handybesitzerin Alison (Amanda Stephen) zu vermitteln.

Von den poop detectives Morello (Yael Stone) und Suzanne (Uzo Aduba) ist hingegen nichts mehr zu sehen, wenngleich Letztgenannte erneut einen hervorragenden Auftritt bekommt, als sie ganz unironisch aufzählt, was alles besser ist als der Ruhm. Wenn man das jedoch gegenüberstellt mit der brutal erscheinenden Selbstverletzung Sophias, dem Abdriften Nickys von ihrem halbwegs geraden neuen Lebensweg, der wahrlichen Abscheulichkeit Luscheks und seiner meisten Kollegen sowie der abgründigen Selbstsucht Pipers, sieht die Bilanz der Comedysparte äußerst mager aus.

Der kleine Lichtblick der ehrlich anmutenden Bemühungen von Oberwärter Healy (Michael Harney) um die geistige Gesundheit Lollys wird überdies konterkariert durch die Tatsache, dass sich Luschek von einem Vergewaltiger wie Coates (James McMenamin) sagen lassen muss, wie die Insassinnen behandelt werden sollten. Wenn es da keine Red (Kate Mulgrew) gäbe, die dank Schlaftabletten seit 19 Stunden friedlich vor sich hinschlummert, während die übrigen Häftlinge Wetten auf ihre Schlafdauer abschließen, könnte man glatt glauben, man sähe hier eine andere Serie über ein Frauengefängnis. Zum Glück bleibt es aber das wunderbare Orange Is the New Black.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 7. Juli 2016
Episode
Staffel 4, Episode 6
(Orange Is the New Black 4x06)
Deutscher Titel der Episode
Ein Stück Scheiße
Titel der Episode im Original
Piece of Shit
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Autor
Lauren Morelli
Regisseur
Uta Briesewitz

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x06

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