Orange Is the New Black 4x05

© iper (Taylor Schilling) versucht vergeblich, Piscatella (Brad William Henke) zu umgarnen. / (c) Netflix
Die Folgen der Privatisierung Litchfields werden fĂŒr die Insassinnen nun immer unmittelbarer. Die Episode We'll Always Have Baltimore beginnt mit ihrer Empörung ĂŒber den Tampon-Notstand, was von ihren Aufpassern mit dem zynischen Hinweis bedacht wird, sie könnten sich diese ja im GefĂ€ngnisladen besorgen. Damit ist die Verbindung zum zweiten groĂen Problem der Ăberbevölkerung gemacht: Weil Jobs - sowohl die offiziellen wie auch die inoffiziellen - rar sind, hat kaum ein HĂ€ftling genug Geld, um dort einzukaufen.
White lives matter
Diese Gemengelage fĂŒhrt zu erhöhten Spannungen, die sich vor allem entlang ethnischer Linien aufladen. GroĂe Furcht davor hat OberwĂ€rter Piscatella (Brad William Henke), seinerseits glĂŒhender AnhĂ€nger der Broken-Windows-Theorie, die zwar, wie Kollege Bayley (Alan Aisenberg) bemerkt, lĂ€ngst widerlegt wurde, aber weiterhin in sein striktes Law & Order-Weltbild passt. Andererseits darf er auch seine menschliche Seite beweisen, als er versucht, die Sprachroboter-Warteschleife seines Arbeitgebers zu durchbrechen, um Tampon-Nachschub zu organisieren.
FĂŒr Piper (Taylor Schilling) stellt Piscatellas Ăberzeugung die optimale Gelegenheit dar, sich ihrer aufkeimenden Konkurrenz aus dem Lager der Latinas zu entledigen. Deren von Maria Ruiz (Jessica Pimentel) angefĂŒhrtes GeschĂ€ft stellt fĂŒr ihres eine ernsthafte Bedrohung dar, weshalb sie dem OberwĂ€rter einflĂŒstert, sie befĂŒrchte eine Bandenbildung. Die Auswirkungen, die das nach sich zieht, dĂŒrfte sie jedoch in dieser Vehemenz nicht erwartet haben. Die neuen WĂ€rter, mit wenigen Ausnahmen allesamt ungeĂŒbt und von fraglicher moralischer IntegritĂ€t, nutzen ihre Macht bald darauf aus, um sich vorwiegend an den Latinas zu vergreifen.
Davon bekommt Piper zunĂ€chst nichts mit, denn sie ist eifrig dabei, Teil zwei ihres Plans auszufĂŒhren. Dieser beinhaltet die Bildung einer Anti-Gang-Taskforce, die sie mit dem weitaus freundlicheren Titel Community Carers versieht. Schon bei deren erster Sitzung, zu der beinahe ausschlieĂlich weiĂe Insassinnen erscheinen, muss Piper jedoch entgeistert feststellen, was sie angerichtet hat. Die geladenen GĂ€ste ĂŒbernehmen kurzerhand das Treffen, um die GrĂŒndung einer white pride-Bewegung auszurufen.

Wo es hinfĂŒhren kann, wenn weiĂe MĂ€nner mit zu viel Macht ausgestattet werden, muss Maritza (Diane Guerrero) miterleben. Sie darf zwar den GefĂ€ngnisbus fahren, hat dafĂŒr aber mit den anzĂŒglichen Kommentaren der neuen Wachen zu kĂ€mpfen, die es sich nicht nehmen lassen, sich in ihrer Mittagspause volllaufen zu lassen. Die unschönen Avancen ihr gegenĂŒber nutzt sie spĂ€ter aus, um ihrer Freundin Flaca (Jackie Cruz) den unbeobachteten Transport der Schmuggelware zu ermöglichen. Die traurige RealitĂ€t der Insassinen sieht nun so aus, dass sie ihre Körper einsetzen mĂŒssen, um unter halbwegs menschenwĂŒrdigen UmstĂ€nden zu ĂŒberleben.
Monetize human beings
Auch an anderer Stelle spielt Maritza eine zentrale Rolle, hat Maria doch das Problem, ihr produziertes Gut nicht aus dem GefĂ€ngnis schaffen zu können. HierfĂŒr bietet Maritza nun ihre Fahrtendienste an. Garniert wird dieses Unterfangen mit der RĂŒckblende in ihre Vergangenheit, die sie uns als kleine TrickbetrĂŒgerin vorstellt. Allerdings wird hier nicht die Geschichte ihres Scheiterns erzĂ€hlt, sondern die ihrer ImprovisationsfĂ€higkeit. Ebenjene kommt ihr gegen Ende der Episode zupass, als sie ihren Schmuggelkontakt Alonso (Pedro Morillo Jr.) vor der Entdeckung bewahrt.
Die beiden Turteltauben Caputo (Nick Sandow) und Linda (Beth Dover) sind derweil auf dem Weg nach Baltimore, wo die GefĂ€ngnismesse CorrectiCon stattfindet. Mit groĂen Augen betrachtet er die dort ausgestellten âInnovationenâ, die nur weiter verdeutlichen, wie entmenschlicht der privatisierte GefĂ€ngniskomplex ist. Es gibt Laserkanonen, mit denen auf Insassen geschossen werden kann, es gibt Plastikbecher, die Tampons ersetzen sollen und es gibt einen als Ikone verklĂ€rten ehemaligen GefĂ€ngnisdirektor, der davon schwafelt, dass in Jahren statt in Tagen gedacht werden solle, was nichts anderes bedeutet, als das kurzfristige Wohlergehen der HĂ€ftlinge mit ungreifbaren langfristigen Zielsetzungen zu ersetzen.
So witzig das alles inszeniert ist, so beunruhigend ist es gleichzeitig. Das lÀsst sich auch an Caputos Reaktionen ablesen, der zwar fasziniert von all dem Spielzeug ist, gleichzeitig aber nach den Auswirkungen auf die HÀftlinge fragt. Bei Linda ist er da jedoch an der falschen Stelle - sie hat selbst nie in einem GefÀngnis gearbeitet, sondern verbringt ihre Zeit nur damit, die Kostenstellen niedrig und die Dividende hoch zu halten. Dem ersten Stelldichein zwischen den beiden lovebirds steht das jedoch nicht im Weg.

NutznieĂerin von Caputos Abwesenheit ist seine neue SekretĂ€rin Taystee (Danielle Brooks), die sich bald daran macht, das Computerpasswort ihres Vorgesetzten zu knacken. Sie schafft das in nur vier Versuchen, wobei es besonders witzig ist, dass sie beim letzten Versuch einen kleinen Rechtschreibfehler einbaut, der ausgesprochen gut zu Caputo passt. Hernach sucht sie online nach ihren Mitinsassinnen, wobei sie offensichtlich noch nicht ganz verstanden hat, wie Google funktioniert.
Satan herself
Ihre GeschĂ€ftstĂŒchtigkeit wird geweckt, als sie in einer Zeitschrift Fotos von Judy King (Blair Brown) im GefĂ€ngnis entdeckt. Diese wurden mit der Drohne aufgenommen, die Lolly (Lori Petty) fĂ€lschlicherweise fĂŒr ein Spionageinstrument des Geheimdienstes gehalten hatte. Nun erkundigt sich Taystee also, welchen Erlös man mit Celebrity-Bildern aus dem Knast erzielen kann. Als nĂ€chstes muss sie sich dann wohl nur noch eine Kamera besorgen.
Hierzu könnte sie sich an Alison (Amanda Stephen) wenden, die ihren Hidschab genutzt hat, um ein Mobiltelefon ins GefĂ€ngnis zu schmuggeln. Mein erster Gedanke dabei war, dass sie dessen Funktionen nutzen könnte, um sie mit Cindy (Adrienne C. Moore) gegen Tampons zu tauschen. Die hortet davon nĂ€mlich eine ganze Packung in ihrem Schrank und verkauft sie einzeln fĂŒr horrende Preise an ihre Mitinsassinnen, die sich diese Preise bei einem Stundenlohn von zehn Cent kaum leisten können.
WĂ€hrend all diese Handlungsbögen immer stĂ€rker Richtung Drama tendieren, verharren manch andere weiter auf der Comedyseite. Morello (Yael Stone) und Suzanne (Uzo Aduba) betĂ€tigen sich gemeinsam als Privatdetektive und machen sich auf die Suche nach der shower pooper, wĂ€hrend das aus Brook (Kimiko Glenn) und Poussey (Samira Wiley) bestehende Intellektuellenduo nicht nur seine gegenseitige Zuneigung genieĂt, sondern auch weniger gut ausgebildeten MithĂ€ftlingen wie Aleida (Elizabeth Rodriguez) Nachhilfe in Trigonometrie gibt. Die Mischung von Orange Is the New Black nĂ€hert sich in kleinen Schritten ihrer optimalen Ausformung an.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 2. Juli 2016(Orange Is the New Black 4x05)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?