Orange Is the New Black 4x04

Bereits in der Review zur vorherigen Episode der vierten Staffel hatte ich geschrieben, dass popkulturell Interessierte bei Orange Is the New Black stets gut bedient werden. So ist der Titel der Episode Doctor Psycho eine direkte Anspielung auf den Bösewicht in der Geschichte der DC-Heldin Wonder Woman. Auch der beliebteste Superheld des Konkurrenzunternehmens Marvel bekommt dank Suzanne (Uzo Aduba) eine nicht ganz korrekte, dafür aber wahnsinnig witzige Referenz.
With responsibility comes great power
Überhaupt soll Suzanne hier gesonderte Erwähnung finden. Wenngleich sie bisher keinen eigenen Handlungsbogen hat, ist sie für mich in dieser frühen Phase die funny MVP. Keine andere Figur hatte bisher so viele witzige Einwürfe, sie ist die Königin des throwaway-Gags. Ob sie Spiderman falsch zitiert, mit erhobener Faust andächtig an Obamas Wahlkampfmotto („Change“) erinnert oder Einblicke in die außergewöhnliche Funktionsweise ihres Gehirns („Modesto“) zulässt - ihre Aktionen zaubern mir stets ein breites Grinsen ins Gesicht.
Die gesamte Episode kann erneut mit vielen witzigen Szenen überzeugen, obwohl bereits der serientypische Abstieg in Richtung Düsternis zu erkennen ist. Gleich zu Beginn bekommen wir zum ersten Mal in dieser Staffel ein Update darüber, wie es der in Einzelhaft schmorenden Sophia (Laverne Cox) geht. Sie hat mittlerweile das Zeitgefühl verloren und bittet um eine Audienz bei Caputo (Nick Sandow), weil sie nicht genau weiß, ob der Geburtstag ihres Sohnes noch bevorsteht oder schon längst vorbei ist.
Als sie es mit Wehklagen gegenüber dem sträflich desinteressierten Wärter nicht schafft, greift sie zu markanteren Methoden. Ihrer Überflutungs-Aktion folgt mit der Feuerlegung eine noch drastischere, was wohl auch an der Lüge des Gefängnisdirektors liegt, die sie nicht teilnahmslos hinnehmen will. Es ist wahrlich beängstigend, zu welch Widerling Caputo sich in seiner neuen Position entwickelt - und das in Rekordzeit. Ebenso beängstigend ist der rapide geistige Niedergang eines Häftlings in der Isolierzelle. Welche Rehabilitationseffekte das haben soll, ist mir ein Rätsel.

Das einzig Positive an diesem magenumdrehenden Erzählsträng ist das kurze Wiedersehen mit Nicky (Natasha Lyonne), die ebenfalls in die Einzelhaft verbannt wurde. Ein Hinweis darauf, wie lange die beiden dort noch verweilen müssen, wird uns jedoch vorenthalten. Bedient werden wir hingegen mit der Vorgeschichte von Oberwärter Sam Healy (Michael Harney), der es gelingt, auf dem schmalen Grat der Erklärung zu wandeln, ohne auf das gefährliche Terrain der charakterlichen Läuterung abzustürzen.
Stay with me
Während die Rückblende in die Vergangenheit von Brook (Kimiko Glenn) ihre Figur negativer aussehen ließ, bekommt Healy hier eine Erläuterung seiner verabscheuungswürdigen misogynen und homophoben Ansichten. Dabei achtet das Autorenteam jedoch darauf, diesen Herleitungen keine entschuldigende Qualität beizumessen. Healy ist auch am Ende der Episode noch das Arschloch, das er immer war. Jedoch können wir nun ein bisschen besser verstehen, wie er zu diesem Arschloch wurde. Ob das unbedingt nötig gewesen wäre, darüber lässt sich vortrefflich streiten.
Ich bin der Meinung, dass auch diejenigen Figuren einen flashback verdient haben, die dadurch nicht sympathischer erscheinen sollen - besonders jene, die eine so zentrale Rolle spielen wie Healy. Er wurde als kleiner Junge von seiner psychisch kranken Mutter verlassen, die er Jahre später auf der Straße, in völlig verwahrlostem Zustand, wiederzuerkennen glaubt. Zu diesem Zeitpunkt - er arbeitet noch nicht im Gefängnis - ist er bereits so verzweifelt in seiner Einsamkeit, dass er seine vermeintliche Mutter selbst dann noch zum Bleiben überreden will, als sich längst herausgestellt hat, dass es gar nicht seine Mutter ist, die ihm da gegenübersitzt.
Diese Einblicke helfen überdies beim Verständnis seiner Hilfsbereitschaft gegenüber Lolly (Lori Petty). Sie scheint unterbewusst zu erkennen, dass Frieda (Dale Soules), Red (Kate Mulgrew) und die widerwillige Alex (Laura Prepon) planen, sie umzubringen, um den Mord am Auftragskiller zu vertuschen. Bei ihr äußert sich diese Angst jedoch offensichtlich in einer Steigerung ihrer paranoiden Schizophrenie. Das geht so weit, dass sie sich aus Furcht vor einem Drohnenangriff auf dem erdigen Boden wälzt, was aus diesem bisher mit einem Augenzwinkern vorgetragenen Handlungsbogen einen erschreckend ernsten macht.

Noch mulmiger wurde mir beim Anblick der beiden Wachen, die sich über Lollys Anfall lustig machen, statt ihr zu helfen. Glücklicherweise schreitet Piscatella (Brad William Henke) ein, der natürlich ein grobschlächtiger Stiernacken ist, hier aber auch seine empathische Seite vorzeigen darf. Nachdem Lolly in Healys Obhut gebracht wurde, könnte sich das von ihr ausgehende Problem in Luft auflösen, glaubt er wegen seiner Erfahrungen mit der eigenen Mutter doch kein Wort von ihrer Beichte. Wir wissen natürlich, dass sie die Wahrheit erzählt.
This isn't war, it's business
Auf dem gleichen Grat wie Healys Vorgeschichte wandelt indes die Aufarbeitung der Vergewaltigung von Pennsatucky (Taryn Manning) durch Wärter „Donuts“ Coates (James McMenamin). Sie hat offensichtlich lange gebraucht, den Mut aufzubringen, um ihre Anschuldigungen ihm gegenüber vorzutragen, weshalb seine Reaktion umso herzzerreißender ausfällt. Er ist sich keiner Schuld bewusst, weil er das Grundkonzept des Einverständnisses nicht versteht. Er glaubt, richtig gehandelt zu haben, weil er Tiffany seine Liebe gestanden hat. Angesichts des Zustands des deutschen Sexualstrafrechts findet ein solcher Handlungsbogen auch hier wichtigen Anklang.
Die übrigen Erzählstränge befassen sich weiterhin mit dem Problem der Überbelegung, die das Gefängnis noch stärker in Klassen einteilt. Taystee (Danielle Brooks) hat dank der Anstellung als Caputos Sekretärin den Sprung in die Arbeiterklasse geschafft, während sich neue Häftlinge wie „Cheeks“ (Dorothi Fox) und „Heavy“ - richtige Namen haben sie bisher nicht bekommen - der Schattenwirtschaft anschließen müssen, um sich Alltagsgegenstände leisten zu können. Das ist natürlich Piper (Taylor Schilling) ein Dorn im Auge, die sich nicht nur beim Ausspionieren der von Maria (Jessica Pimentel) angeführten Konkurrenz dämlich anstellt, sondern auch Ersatz für ihre fahnenflüchtigen Angestellten Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero) finden muss.
Eine Nutznießerin ihres sozialen Status in Vorgefängniszeiten bleibt weiterhin Judy King (Blair Brown). Sie setzt ihren Flirt mit Luschek (Matt Peters) fort, was Healy in einer zu grandiosem Fremdschämen einladenden Szene öffentlich missbilligt. Er ringt Caputo daraufhin einen Kochkurs ab, den Judy ihren Mitinsassinnen zuteil kommen lassen soll. Der Kurs ist ein voller Erfolg, endet für Healy aber erneut in der sozialen Isolation. Judy will nicht mit ihm zusammenarbeiten, was ihr angesichts ihrer Ausnahmeposition erlaubt wird. Mitleid sollte er deswegen nicht erwarten.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 29. Juni 2016(Orange Is the New Black 4x04)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x04
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