Orange Is the New Black 4x03

Popkulturnerds kommen bei Orange Is the New Black voll auf ihre Kosten, so auch in der Episode (Don't) Say Anything, deren Titel schon eine Anspielung auf den berühmten Cameron-Crowe-Film nahezu gleichen Namens ist. Dessen Hauptfigur Lloyd Dobler (John Cusack) macht darin eine Geste, die hier äußerst amüsante Wiederverwendung findet. Brook (Kimiko Glenn) versucht damit, sich mit ihrer Freundin Poussey (Samira Wiley) zu vertragen.
Breach the divide
Die beiden dürfen zunächst gegenüber der von Boo (Lea DeLaria) angeführten Lesbenfraktion ihr gemeinsames Glück verkünden, was sich dank Brooks PC-Neusprech so anhört: „I'm attracted to people, not genders.“ Dieser harmonische Zustand ist aber nur von kurzer Dauer, denn Brook fällt in alte Verhaltensmuster zurück, die durch mehrere Rückblenden verdeutlicht werden. Darin lernen wir sie als engagierte Kämpferin gegen die Marktmacht eines Superkonzerns kennen. Ihrem unausstehlichen Exfreund will sie unbedingt beweisen, dass sie die Unterschrift eines verurteilten Sexualstraftäters einheimsen kann.
Als Belohnung winkt eine gewonnene Wette und ein Date mit einem Aktivisten, den sie besonders süß findet. Die Mutprobe verläuft bestens, was vor allem daran liegt, dass der Sexualstraftäter gar kein richtiger ist, sondern nur ein Opfer des amerikanischen Rechtssystems. Das klammert sie bei ihrer Triumphverkündung aber geflissentlich aus, wobei sie noch einen Schritt weiter geht und die angeblichen Taten krass übertreibt, um die Chancen auf ein Date mit ihrem Schwarm zu erhöhen. Wir verstehen also, dass Brooks Ideologie eine leere ist, die sie nur überstreift, um ihren Zielen näherzukommen.
Dass das nicht ausschließlich von Eigensinn getrieben ist, erkennen wir nach dem Sprung in den gegenwärtigen Erzählbogen. Brooks Intention, eine Lüge zu erzählen, entsteht aus einer altruistischen Motivation heraus - sie will Poussey helfen, ihre Schüchternheit gegenüber Judy King (Blair Brown) zu überwinden. Dieses Projekt geht sie allerdings völlig falsch an. Sie behauptet gegenüber Judy, dass Poussey in ein Umfeld aus Armut und Drogen geboren wurde und deswegen so zurückhaltend gegenüber der Vertreterin einer vermeintlich meilenweit entfernten Klasse sei.

Weil „Orange“ eine Dramedy ist, dauert es nicht lange, bis diese Falschbeschreibung zu Poussey durchdringt. Die Entschuldigung, die sich Brook ausgedacht hat, mag zwar witzig sein, erreicht aber richtigerweise nicht die erwünschte Gnade: „I watched ,The Wire' a lot.“ Da spricht Poussey aus, was sich viele Zuschauer bereits gedacht haben dürften: Wie kann Brook nur eine solche Annahme machen, wo sie doch so viel Zeit mit ihr verbracht hat und alleine schon an ihrer Ausdrucksweise erkennen müsste, dass sie nicht aus bitterer Armut stammt?
Subverting expectations since 1990
Es ist schließlich die Lloyd-Dobler-Geste, die Poussey zuerst zum Schmunzeln und dann zum Einlenken bewegt. Brook dürfte nun eine sehr wichtige Lektion gelernt und die Beziehung der beiden eine neue Chance zum Erblühen haben, was mich freuen würde, geben sie doch ein sehr gutes Paar ab. Auf gänzlich andere Weise gilt das auch für Caputo (Nick Sandow) und Taystee (Danielle Brooks), deren neue Arbeitsbeziehung dank einer bezeichnenden Äußerung Caputos zustandekam: „She's the only semi-intelligent one that I'm only semi-attracted to.“
Selbst der grobschlächtige Piscatella (Brad William Henke), der peinlich genau darauf erpicht ist, den Unterschied zwischen seiner Tätigkeit und der von Taystee herauszustellen, nimmt diese Bemerkung verwundert zur Kenntnis. Sie kann als Teil von Caputos fortwährender Existenz als Teilzeitarschloch gelesen werden oder als Zeichen für sein weiteres Abdriften in Richtung seiner Konzernvorgesetzten, für die Insassinnen - und Wärter/-innen - nur noch lästige Einträge in der Sollzeile sind und keine Menschen mehr.
Verifiziert wird diese Lesart bei seinem Date mit Kollegin Linda (Beth Dover), die eine solche Denkweise längst inkorporiert hat. Seine neue Überzeugung bricht in der Konfrontation mit dem ehemaligen Wärter Donaldson (Brendan Burke) voll heraus. Das anonyme Trinkgeld darf durchaus als ein Gruß aus dem Geiste des alten Caputo verstanden werden, der sich stets als Verbündeter seiner Angestellten verstand. Während der Suada seines Gegenübers weckt er denn auch kurz den Eindruck, als könne er dessen Missgunst verstehen. Dann besinnt er sich jedoch seiner neuen Position und seiner Begleitung, um aus vollem Rohr zurückzufeuern.

Das alles geschieht jedoch nicht nur, weil Caputo ein schlechter Mensch ist, sondern auch, weil ihn die ökonomischen Verhältnisse in seinem Mutterkonzern dazu zwingen. Schließlich wäre es für die Unternehmensleitung ein Leichtes gewesen, ihn zusammen mit all den Wachen zu entlassen, hätte er sich auf ihre Seite gestellt. Und dann? Müsste er jetzt, genau wie Donaldson, Esstische abräumen. Die radikale Verschärfung der Konkurrenzsituation und die ständige Betonung der Verzichtbarkeit haben ein solches Arbeitsklima des „Jeder gegen jeden“ geschaffen.
A cautionary tale
Mit einer ähnlich zügellosen Marktsituation bekommt es Piper (Taylor Schilling) zu tun, die sich ihre größtenteils herbeifantasierte Position an der Spitze der Nahrungskette sicherlich gemütlicher vorgestellt hat. Den Absprung einiger Angestellter am Ende der letzten Episode will Ruiz (Jessica Pimentel) nutzen, um ein paar dominikanischstämmige Neuankömmlinge mit Jobs zu versorgen, womit ihr Handlungsbogen aus Power Suit fortgeführt wird. Weil sich Piper darauf nicht einlassen will, muss sie hernach mit der Beschattung durch Marias Emissäre zurechtkommen.
Als Schutz steht ihr da nur noch ihre weiterhin namenlose neue Bettnachbarin zur Verfügung, die sich allerdings nicht in bester körperlicher Verfassung befindet. Also wendet sie sich mit Boni in Ovomaltine-Form an Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero), die das dankbar, aber desinteressiert zur Kenntnis nehmen. Den Markteintritt eines Konkurrenzunternehmens kann Piper damit freilich nicht verhindern. Wenn schon außerhalb der Gefängnismauern der Turbokapitalismus herrscht, wie sollen wir dann das bezeichnen, was sich innerhalb abspielt? Schattenwirtschaft vielleicht?
Wie in beinahe jeder Episode von Orange Is the New Black werden diese eingehend besprochenen Erzählstränge von solchen mit weniger Spielzeit komplementiert. Dazu gehört die aufziehende Feindschaft zwischen Red (Kate Mulgrew) und der mit Sonderbehandlung bedachten Judy, ein äußerst amüsantes und sehr öffentliches Sexdate ohne Anfassen zwischen Morello (Yael Stone) und ihrem Ehemann Vinnie (John Magaro) sowie ein abschließender Panikausbruch bei Lolly (Lori Petty), die wegen des Erscheinens einer Drohne glaubt, die im Garten vergrabenen Leichenteile wieder ausbuddeln zu müssen.
Das alles ist schon sehr unterhaltsam, gehört aber immer noch zur Warm-up-Phase, bevor die dramatische Fallhöhe hoffentlich bald hochgeschraubt wird.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 25. Juni 2016(Orange Is the New Black 4x03)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x03
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