Orange Is the New Black 4x01

Orange Is the New Black 4x01

Die Handlung der vierten Staffel von Orange Is the New Black setzt genau dort ein, wo die der dritten aufgehört hatte. Die Episode Work That Body for Me startet beschwingt, wendet sich zum Ende jedoch der düsteren Seite dieser Serie zu - wie es für sie so typisch ist.

Der Ausflug ins kühle Nass ist beendet. / (c) Netflix
Der Ausflug ins kühle Nass ist beendet. / (c) Netflix

Bei einer neuen Staffel von Orange Is the New Black kommt es immer ein bisschen darauf an, wie man die alte geschaut hat. War es in einem Rutsch kurz vor dem Start der neuen, kann man sich sicher sein, noch über jeden offenen Handlungsbogen und jeden Charakternamen Bescheid zu wissen. Ist es allerdings mehrere Monate her, dass man das Finale der vorangehenden Staffel gesehen hat, wird das schon schwieriger. Glücklicherweise tut uns die Serie in Work That Body For Me den Gefallen, uns behutsam an sämtliche offenen Erzählstränge heranzuführen.

Good work

Davon gibt es nämlich viele. Neben dem spontanen Badeausflug der meisten Insassinnen war der größte Cliffhanger der dritten Staffel wohl das Schicksal von Alex (Laura Prepon). Als wir sie zum letzten Mal sahen, schien ebenjenes besiegelt. Aus der Gartenhütte, in der der auf sie angesetzte Killer sie gedrängt hatte, gab es offensichtlich kein Entrinnen. Da haben wir jedoch nicht mit Lolly (Lori Petty) gerechnet, die einmal kurz ihren inneren Wahnsinn kanalisiert und auf den von Kubra entsandten Auftragsmörder loslässt.

An diesem Handlungsbogen lässt sich gut ablesen, wie einfach die Serie zwischen verschiedenen Tonlagen changiert. Die Entschlossenheit, mit der Lolly bei der Rettung von Alex vorgeht, ist gleichermaßen erschreckend und erleichternd. Kurz darauf schaltet sie schon wieder in den Witzemodus, als es darum geht, Kubra anhand von dead-girl porn und eines Cosby dream shot den Tod von Alex vorzuspielen. Als Alex sich in der darauffolgenden Nacht alleine daranmacht, die Leiche zu beseitigen, muss sie jedoch erschreckt feststellen, dass der Typ noch lebt.

Jetzt steckt die Serie plötzlich wieder in tiefstem Dramaterritorium. So lockerleicht der vermeintliche Mord davor vonstatten ging, so brutal ist es nun, den eigentlichen mit anzusehen. Ein solch schneller Wechsel der Gefühlslagen hilft dabei, sich auch nach einer längeren Pause gleich wieder heimisch zu fühlen im Schoße dieser Serie. Belohnt werden wir dafür mit der Nonchalance, mit der sich Frieda (Dale Soules) daranmacht, die Leiche in ihren Beeten verschwinden zu lassen: „That's just murder math.

Suzanne (Uzo Aduba) löffelt lieber Wasser; statt in Fantasiewelten abzudriften. © Netflix
Suzanne (Uzo Aduba) löffelt lieber Wasser; statt in Fantasiewelten abzudriften. © Netflix

Während sich Alex mit schwerster körperlicher Arbeit plagt, ist Piper (Taylor Schilling) damit beschäftigt, ihr neu gefundenes Selbstbewusstsein zu zementieren. Es war wohltuend, zu sehen, dass das Autorenteam um Serienschöpferin Jenji Kohan zum Ende der letzten Staffel eine neue dramaturgische Funktion für seine eigentliche Hauptfigur gefunden hatte. Gegenüber Chang (Lori Tan Chinn) fasst sie dieses Gefühl in Worte: „I'm a gangsta with an 'a' at the end.“ Angekommen ist das aber noch nicht überall.

A force to be reckoned with

Ihr neues Tattoo mit dem Unendlichkeitszeichen wird beispielsweise von Red (Kate Mulgrew) nur müde belächelt: „It looks like an angry eight.“ Von der Küchenchefin wird sie auch beordert, mit der übergewichtigen neuen Insassin die Betten zu tauschen. Chang ist von der selbst deklarierten neuen Rolle ebenfalls wenig beeindruckt. Nur ihr Opfer Flaca (Jackie Cruz) erklärt gegenüber einem besonders aggressiven Neuankömmling, dass Piper das Sagen habe, wenngleich es nicht wirklich danach aussehe.

Wie zu erwarten war, gibt es kaum eine Insassin, die die unverhoffte Freiheit der Zaunlücke zu einem ernsthaften Ausbruchsversuch nutzt. Als die Wärter eines Hochsicherheitsgefängnisses anrücken, um die Verfehlungen ihrer schlechter ausgebildeten und ausgerüsteten Kollegen auszubügeln, lassen sich die meisten bereitwillig zurück auf den Hof treiben. Nur Maureen „turtle girl“ Kukudio (Emily Althaus) macht ernsthafte Anstalten, das von Suzanne (Uzo Aduba) in der letzten Staffel errichtete Fantasiegebilde „Timehump“ auf die Realität auszudehnen.

Suzanne jedoch bricht das Experiment ab, was angesichts ihrer psychischen Verfassung kein allzu leichter Schritt für sie gewesen sein dürfte. Als wir sie später als erste am Frühstückstisch sitzen sehen, bekommen wir einen Hinweis darauf, dass sie sich im geordneten Gefängnisalltag wohler fühlen könnte als in der Freiheit, wo es unendliche Auswahlmöglichkeiten gibt, aber kaum jemanden, der genau weiß, welche für ihn oder sie die richtige ist. Die Szene signalisiert überdies den Einbruch einer neuen, strengeren Ära in Litchfield. Die Überfüllung, die sich schon am Ende der letzten Staffel angekündigt hatte, zeigt hier erstmals ihre hässliche Fratze.

Allzeit überfordert: Neil Caputo (Nick Sandow) © Netflix
Allzeit überfordert: Neil Caputo (Nick Sandow) © Netflix

Das Essen wird nun bereits um halb fünf Uhr morgens serviert, was für Red bedeutet, noch früher als sowieso schon aufstehen zu müssen. Darüber hinaus kommt es gleich am ersten Tag zu Nahrungsmittel- oder zumindest Toastknappheit, was Piper dank ihrer Verbindungen zu umgehen weiß. Mit der neuen Situation sind nicht nur die Insassinnen überfordert, sondern auch das Wärterteam. Daran verzweifeln könnte sogar ein solcher Haudegen wie Piscatella (Brad William Henke), der zwar versucht, für Ordnung zu sorgen, seine Untergebenen aber eindeutig unterschätzt hat.

This America, land of the free, home of the racist

Würde man ihn selbst fragen, wäre der größte Leidtragende inmitten all dieses Chaos sicherlich der zum Gefängnisleiter beförderte Caputo (Nick Sandow). Er bellt Kommandos in Funkgeräte und Telefone, hat damit aber nur in den seltensten Fällen Erfolg. Köstlich ist vor allem sein Austausch mit Techniker Luschek (Matt Peters), dem vielleicht größten Nihilisten in einem großen Haufen Lebensverweigerer. Dabei mithören darf die Celebrityinsassin Judy King (Blair Brown), die sich nach kurzem Aufenthalt in der Großraumzelle einer Sonderbehandlung erfreuen kann.

Eingestreut zwischen den prominenter ausgeführten Handlungsbögen dieser Episode sind viele kurze Szenen, die uns daran erinnern, wie ausgreifend, beinahe unübersichtlich groß das Ensemble von Orange Is the New Black ist. Während Flaca neue Verbindungen knüpft, besorgen ihre eigentlichen Verbündeten Hilfe für die blutende Daya (Dascha Polanco). Ihre De-facto-Anführerin Maria Ruiz (Jessica Pimentel) weiß längst, was die Ankunft der vielen Neuen bedeutet: „It's sardine-time, bitches. We're a for-profit prison now. We ain't people no more.

Cindy (Adrienne C. Moore) ist indes so langweilig, dass sie sich einen Rassenkrieg herbeiwünscht, der zwischen Janae (Vicky Jeudy) und Brook (Kimiko Glenn) längst ausgebrochen zu sein scheint, wobei letztere damit wohl lieber nichts zu tun hätte. Einen Tisch weiter tut die white trash-Connection ihr Bestes, die frisch verheiratete Lorna (Yael Stone) zu ärgern, indem alle ständig vermeintlich bessere Geschichten als die von der Hochzeit erzählen. Das alles ist sehr amüsant, mit unzähligen wunderbaren Dialogen ausgestattet und viel Hingabe zu den eigenen Figuren versehen. Orange Is the New Black startet hervorragend in seine vierte Staffel.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 17. Juni 2016

Orange Is the New Black 4x01 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 1
(Orange Is the New Black 4x01)
Deutscher Titel der Episode
Schwere Körperarbeit
Titel der Episode im Original
Work That Body For Me
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Juni 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Juni 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 17. Juni 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 17. Juni 2016
Autor
Jenji Kohan
Regisseur
Andrew McCarthy

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 4x01

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