Orange Is the New Black 3x10

Die Episode A Tittin' and a Hairin' zeigt uns passend zum US-Vatertag, was ein falscher Spruch in jungen Jahren bei Kindern auslösen kann: Pennsatucky (Taryn Manning), die sich in der Regel nichts bieten lässt, verliert jedes Selbstwertgefühl, wenn es um Sex geht. Ihre Hintergrundstory tut beim Zuschauen weh - und das Schlimme ist, dass die Verganggenheit sie in der Seriengegenwart wieder einholt.
Für einen Sixpack Limonade
Pennsatuckys Mutter (Helen Abell) hat nicht den besten Job abgeliefert, das haben wir schon häufiger gesehen. Doch ein Ratschlag stellt sich als ganz besonders fatal heraus. Das Aufklärungsgespräch hat wohl noch niemals jemand in einer Serie oder einem Film unfallfrei über die Bühne gebracht, doch in diesem Fall geht es über Peinlichkeiten und seltsame Wortwahl weit hinaus.
Angesichts der ersten Menstruation ihrer Tochter legt Pennsatuckys Mutter den Grundstein dafür, dass ihre Tochter Sex als lästige Verpflichtung empfindet, der man nicht entkommen kann und bei der man nur hoffen kann, dass es nicht lange dauert. Nicht besonders viele Jahre später sehen wir Pennsatucky wieder, wie sie sich ohne großes Getue für einen Träger Limonade an den Nächstbietenden verkauft, als sei es das Natürlichste der Welt.
Mitten in der Episode gibt es einen Hoffnungsschimmer, in der Vergangenheit und der Gegenwart. Pennsatucky vertraut der in letzter Zeit stets liebenswerten Big Boo (Lea DeLaria) an, dass sie Coates (James McMenamin) wirklich mag. Kurz darauf sehen wir, dass sie auch eine Jugendliebe hatte: Nathan (Ronen Rubinstein), der daherkommt wie ein Prinz. Allerdings kostete es in der Umgebung, in der Pennsatucky aufwuchs, nicht viel, als Prinz hervorzutreten. Nathan ist einer der Guten, er zeigt ihr wohl zum ersten Mal in ihrem Leben Fürsorge und Leidenschaft. Er zeigt ihr, wie Sex auch sein kann.
Doch die Idylle in beiden Fällen ist nicht von langer Dauer, auch wenn der Absturz sich unterscheidet. Nathan bleibt der Held - nur ist der Held noch so jung, dass er nicht selbst bestimmen kann, wo er wohnt. Das glückliche Paar stolpert über schlechtes Timing und Pennsatucky ergibt sich direkt nach der Abreise ihres Prinzen wieder in die Tristesse ihres Alltags.
Die Situation mit Coates ist schwieriger und vielschichtiger. Zu Beginn der Episode A Tittin' and a Hairin' sagt er ihr genau das, was sie hören muss: Dass sie nichts tun muss für ihn, damit sie Eis essen gehen, dass sie Freunde sind.
Doch dann bekommt er eine Rüge von Caputo (Nick Sandow) und es zeigt sich, wie niedrig seine Frustrationsschwelle ist. Er lässt seine Wut an Pennsatucky aus, die alles wie gewohnt erträgt und sich in Gedanken offenbar woandershin wünscht. Gerade in dieser Staffel haben die Orange Is the New Black-Macher uns oft Grundlegendes erzählt über ihre Einstellung, über das Leben der Figuren. Und dieses Mal scheinen sie uns sagen zu wollen, dass Coates der Gegner ist, auch wenn er zwischendurch so nett und verständlich scheint. Er hat eine Grenze überschritten, die man nicht überschreiten darf. Von hier aus ist es unmöglich, zu einer Freundschaft zurück zu finden.
Auf dem Papier würde da wohl jeder unterschreiben: Eine Vergewaltigung beendet Freundschaften. Eindeutig. Doch durch die lethargische Art, mit der Pennsatucky die sexuelle Gewalt in ihrem Leben hinnimmt, wird diese Überzeugung herausgefordert.
Sie regt sich nicht besonders auf, wenn jemand gegen ihren Willen vorgeht, sie macht weiter und tut so, als hätte ihr jemand die Vorfahrt oder ihren Joghurt aus den Kühlschrank genommen. Während man ihr dabei zusieht, wie sie die ungeheuerlichen Taten relativiert und in ihren Alltag einbaut, möchte man ihr zuschreien.
Versuch eine angemessene Reaktion zu zeigen!
Während Pennsatuckys Storyline auch deshalb weh tut, weil so vieles nicht gesagt wird, was dringend gesagt werden sollte, sprechen sich die anderen Figuren in der Episode A Tittin' and a Hairin' aus - und bekommen dabei manchmal einen völlig neuen Blick auf die Ereignisse.
Maureen (Emily Althaus) versucht, einen weiteren Schritt auf Suzanne (Uzo Aduba) zuzugehen, und spricht endlich aus, was schon länger in der Luft liegt: Sie hat Interesse an der Autorin, unter anderem sexueller Art. Es macht Spaß, bei der unbeholfenen Annäherung zwischen den beiden zuzusehen, denn ein Happy End, wenn auch ein sehr eigenes, ist nicht unwahrscheinlich.
Soso (Kimiko Glenn) findet unter ihren Mitgefangenen keine Aussprechpartnerin, also wendet sie sich an Berdie (Marsha Stephanie Blake), die zwar gut zuhören kann und oft einen klaren Blick hat, aber das als bezahlte Aufgabe tut und nicht rein aus Zuneigung. Sie gibt Soso Hoffnung, indem sie ihr sagt, dass es vielleicht nicht die schlimmste Sache der Welt ist, unter Gefängnisinsassinnen nicht gut anzukommen.
Die Aussprache zwischen Daya (Dascha Polanco) und Mendez' Mutter (Mary Steenburgen) hat ein Mutter-Sohn-Gespräch der ziemlich mitleidigen Art zur Folge. Aus dem Sadisten Mendez (Pablo Schreiber) ist im Knast ein sensibler Liebesirrer geworden, der an der Idee, eine Familie mit Daya zu gründen, festhält - auch noch dann, als sie ihm auf grausame Art weggerissen wird. Aussprache funktioniert eben nicht, wenn das Gegenüber nicht zuhören will.
Anders als Mendez hört sich Alex (Laura Prepon) an, was Lolly (Lori Petty) zu sagen hat, und findet damit den Weg zurück aus der Paranoia. Ihre angebliche Gegnerin ist eine Verschwörungstheoretikerin, in der Alex sich selbst wohl ein bisschen erkennt.
Auch Lorna (Yael Stone) und Vince (John Magaro) hören sich zu. Die beiden avancieren immer mehr zum harmlosen, aber niedlichen Liebespaar der Staffel. Sie passen aber auch einfach zu gut zusammen. Hier steht hoffentlich kein großes Drama an, denn Lorna hat - wie viele der Insassinnen - ein bisschen Liebesglück mehr als verdient.
Ebenfalls eine sehr schöne Szene findet in dieser Orange Is the New Black-Episode in der Küche statt, als Red (Kate Mulgrew) einen emotionalen Moment mit Glorias Mädchen teilt.
Programmierte Tragödie
Die ehemalige Küchenchefin Gloria (Selenis Leyva) hat unterdessen etwas anderes zu tun. Gemeinsam mit Aleida (Elizabeth Rodriguez) geht sie nun auf Konfrontationskurs mit Sophia (Laverne Cox). Hier bahnt sich eine Tragödie an, die man schon länger kommen sehen konnte. In den Anfangszügen war noch die Vernunft bestimmend - etwa als Gloria ihre Freundin Aleida zurückgepfiffen hat, als diese Transgender zum Problem machen wollte. „Wir sind zwei besorgte Mütter, das ist alles.“ Mittlerweile klingt das anders, obwohl es wahr ist.
Gloria sieht nur den schönen Teil von Michaels Besuch. Dass dieser Sophia genauso entgleitet, wie das bei Gloria und ihrem eigenen Sohn der Fall ist, sieht sie nicht. Das Problem schaukelt sich an menschlichem Versagen hoch. Sophia überlegt kurz, sich bei Gloria zu entschuldigen, als sie erfährt, dass ihr eigener Sohn Drahtzieher der Aktion gewesen ist - doch dann macht sie im letzten Moment einen Rückzieher. Es ist das Unausgesprochene, das die Problematik zwischen den beiden anheizt, und mit Aleida als Katalysator braut sich hier Böses zusammen.
Fazit
Pennsatuckys Vorgeschichte tut beim Zuschauen weh und es fällt schwer, ruhig vor dem Fernseher sitzen zu bleiben. Auch in der zweiten großen Story der Episode A Tittin' and a Hairin' ist das Problem vor allem das, was nicht gesagt wird: Zwischen Sophia und Gloria braut sich etwas zusammen, was vor kurzem noch durch ein offenes Wort hätte geklärt werden können. Doch bald wird sich eine Eigendynamik entwickeln, die eventuell von den Betroffenen nicht mehr beeinflusst werden kann.
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Verfasser: Serienjunkies.de am Dienstag, 23. Juni 2015(Orange Is the New Black 3x10)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 3x10
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