Orange Is the New Black 2x13

Orange Is the New Black 2x13

We Have Manners, We're Polite bildet den wunderbaren Abschluss einer tollen zweiten Staffel und beweist gleichzeitig, dass Orange Is the New Black bestens ohne die bisher üblichen Rückblenden auskommt. Die letzten Szenen sind reines emotionales Pay Off.

Vee (Lorraine Toussaint; l.) versucht in all ihrer Schamlosigkeit, Suzanne (Uzo Aduba) von ihrer Schuld zu überzeugen. / (c) Netflix
Vee (Lorraine Toussaint; l.) versucht in all ihrer Schamlosigkeit, Suzanne (Uzo Aduba) von ihrer Schuld zu überzeugen. / (c) Netflix

Es gibt nicht viele Serien, die es schaffen, ein Staffelende so perfekt zu gestalten, wie es Orange Is the New Black nun in seiner zweiten Staffel getan hat. Es gibt noch weniger Serien, die es angesichts eines solch ausgreifenden Ensembles und so vieler unterschiedlicher Handlungsstränge schaffen, diese zu einem kohärenten Abschluss zu führen. Als einziges Vergleichsbeispiel aus jüngeren Jahren fällt mir dabei nur Boardwalk Empire ein, bei dem man während der Staffel ebenfalls oftmals dachte, wohin all diese einzelnen Erzählbögen führen sollten - bis sie sich am Ende dann wundersam zusammenfügten.

That's what makes you great

Orange Is the New Black ist dies nun auch gelungen. Die anderthalb Stunden von We Have Manners; We're Polite fühlen sich zu keinem Zeitpunkt übermäßig lang oder unverdient an. Jenji Kohan und ihr Autorenteam wollen darin eben all ihre kleinen Geschichten zu Ende erzählen, die sie über den Verlauf der Staffel aufgespannt haben. Dabei jagt ein wunderbar erfüllender Moment den nächsten, das emotionale pay off ist unwahrscheinlich hoch. Es gibt in dieser Serie kaum einen eindimensionalen Charakter (klammert man einmal die Comicfigur Pornstache aus), kaum einen Handlungsbogen, der keinen zufriedenstellenden Abschluss findet.

Für mich macht dieses Finale vieles wieder wett, was mir in der zweiten Staffel weniger gut gefallen hat. Manche Erzählstränge wirkten teilweise redundant, wobei der zentrale Konflikt zwischen Vee (Lorraine Toussaint) und Red (Kate Mulgrew) am positiven, die schleppende Geschichte zwischen John Bennett (Matt McGorry) und Daya (Dascha Polanco) eher am negativen Ende der Skala zu verorten ist. Ein großer Teil des Erfolgs dieses zufriedenstellenden Endes ist ebenso der Tatsache zu verdanken, dass die ursprüngliche Hauptfigur Piper (Taylor Schilling) nunmehr eine unter vielen ist. Dies lag zwar hauptsächlich daran, dass Laura Prepon als Alex Vause kaum Zeit für Dreharbeiten hatte. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass das Autorenteam erkannt hat, welch großes Potential in den übrigen Charakteren schlummert. Das Ende des Erzählstrangs um Piper und Alex suggeriert indes, dass die Beziehung der beiden in der kommenden dritten Staffel wieder prominenter ausgeleuchtet werden wird.

Vee erreicht zu Beginn der Finalepisode den Höhepunkt ihrer Widerwärtigkeit, als sie ihre letzten beiden verbliebenen Adjutantinnen Janae (Vicky Jeudy) und Cindy (Adrienne C. Moore) dazu überredet, gegenüber den Ermittlern die Schuld für den Anschlag auf Red auf Suzanne (Uzo Aduba) zu schieben. Man muss Vee dabei große Voraussicht attestieren - es war ein taktisch kluger Schachzug, die mental instabile Suzanne zu ihrer loyalen Anhängerin zu machen. Sie hat gleich zu Beginn erkannt, dass Suzanne sich nichts mehr wünscht als eine Freundin, eine Schulter zum Anlehnen. Kombiniert mit ihrer Unsicherheit über die eigene geistige Gesundheit ergibt sie das perfekte Bauernopfer.

Poussey (Samira Wiley; l.) und Taystee (Danielle Brooks) sind endlich wiedervereint. © Netflix
Poussey (Samira Wiley; l.) und Taystee (Danielle Brooks) sind endlich wiedervereint. © Netflix

Zunächst scheinen Vees diabolische Pläne aufzugehen. Janae und Cindy spielen ihr hinterhältiges Spiel mit und Red handelt ebenfalls wie erwartet. Sie gehört viel zu sehr zur alten Schule, als dass sie einen solchen Konflikt nicht selbst würde regeln wollen. Und als sowohl Janae und Cindy als auch Red es sich anders überlegt haben, scheint genau das einzutreten, wovor sie die größte Angst haben: Die Institutionen, die sie eigentlich beschützen sollen, wenden sich gegen sie.

I am not crazy, I am unique

Red geht mit der im Nachbarbett liegenden und immer noch zwangsernährten Jane Ingalls (Beth Fowler) einen Pakt ein. Für den Fall, dass Red ihre erste Aussage korrigiert und Vee anschwärzt, verspricht Jane, ihren Hungerstreik aufzugeben. Doch als Red sich Healy (Michael Harney) anvertraut, will der davon nichts wissen, weil er zuvor mit der von ihm ins Leben gerufenen Selbsthilfegruppe „Safe Place“ so schwer enttäuscht wurde. Ähnlich ergeht es Janae und Cindy, die erst von ihren wiedervereinten Freundinnen Taystee (Danielle Brooks) und Poussey (Samira Wiley) darauf gestoßen werden müssen, wie hinterhältig Vee wirklich ist.

Schließlich wollen beide ihre ursprünglichen Aussagen, mit denen sie Suzanne belastet hatten, zurückziehen. Die beiden Ermittler zeigen daran jedoch geringstmögliches Interesse. Sie wollen lieber pünktlich Feierabend machen, als die wahren Hintergründe des lebensgefährlichen Angriffs auf Red aufzuklären. Sie sind dafür sogar bereit, eine offensichtlich unschuldige, mindestens aber unzurechnungsfähige Person ans Messer zu liefern. In diesem Handlungsbogen schwingt eine deutliche The Wire-eske Institutionskritik mit. Es soll nicht das einzige Mal bleiben, dass ein Erzählstrang in We Have Manners; We're Polite an das Gesellschaftsepos aus Baltimore erinnert.

Healy gelingt es jedenfalls in letzter Sekunde, die drohende Vorverurteilung Suzannes abzuwenden. Erst seine Unterhaltung mit Pennsatucky (Taryn Manning), in der sie ihre grundehrliche Dankbarkeit für seine Therapiebemühungen ausspricht, überzeugt ihn davon, sich doch für Suzanne einzusetzen. Mithilfe des Gefängniselektrikers Luschek (Matt Peters) verschafft er ihr ein wasserdichtes Alibi. In Healys Figur kulminiert die grandiose Charakterzeichnung der Serie: Ja, er ist größtenteils ein homophobes Arschloch. Aber er ist ein komplexes homophobes Arschloch. Sein gemeinsamer Handlungsbogen mit Pennsatucky gehört für mich zu den besten Geschichten, die diese Serie bis jetzt hervorgebracht hat. Die beiden haben eine tolle Chemie miteinander, hoffentlich sehen wir in der nächsten Staffel noch mehr „Tucky“. Manning war ja eigentlich vor dieser Staffel zur Hauptdarstellerin befördert worden, hatte aber - gefühlt - weniger prominente Auftritte als in der ersten. Trotzdem: Ihr Erzählstrang war pures dramaturgisches Gold.

Ohne Worte. © Netflix
Ohne Worte. © Netflix

Ebenso überraschend wie Healys Umkehr ist die Tatsache, dass Miss Rosa (Barbara Rosenblat) den Höhepunkt der Episode bekommt. Sie wird von Lorna Morello (Yael Stone) zur Flucht ermutigt, nachdem sie im Krankenhaus die niederschmetternde Botschaft von ihrem baldigen Tod erhalten hat. Als die beiden wieder im Gefängnis ankommen, herrscht dort helle Aufregung, weil Vee durch Reds Schmuggeltunnel abgehauen ist. Nachdem also die protestierenden Nonnen vor dem Gefängnis der rasenden Rosa noch rechtzeitig ausweichen konnten, nimmt sie Vee, von der sie zuvor mehrfach abschätzig behandelt wurde, ins Fadenkreuz. Zu den Klängen des Rockklassikers „Don't Fear the Reaper“ (in der Version von The Horror Herd) verwandelt sich Rosa noch einmal in ihr früheres Ich, das es so sehr liebte, mit der Polizei Katz und Maus zu spielen. Mehr emotionales pay off geht kaum.

This is the loneliest place I've ever been

Die Szene steht sinnbildlich für das gelungene Ansinnen der Autoren, selbst den kleinsten, unscheinbarsten Charakteren große Momente zuzugestehen. Miss Rosa hatte in der ersten Staffel keine drei Sätze, nun wurde ihr der krönende Abschluss einer gesamten Staffel gegönnt. Es gibt so viele kleine Geschichten, die parallel zu den großen Handlungssträngen erzählt werden und im Finale so unendlich zufriedenstellend kulminieren. Ruiz (Jessica Pimentel) zum Beispiel, die sich große Sorgen macht, weil sie bald verlegt werden soll und ihrem Freund Yadriel (Ian Paola) nicht zutraut, das gemeinsame Kind liebevoll zu erziehen. In der vorletzten Episode hatte sie ihn noch angemahnt, dass er mehr mit dem Baby sprechen, liebevoller mit ihm umgehen müsse. Im Finale zeigt Yadriel nun, dass er schnell gelernt hat und Ruiz sich keine Sorgen machen muss. Ein kleiner, vermeintlich unscheinbarer Moment, der dafür aber große Wirkung entfaltet.

Zu diesen kleinen, feinen Momenten gehören auch die Szenen von Nicky (Natasha Lyonne) und Boo (Lea DeLaria), die ebenfalls daran arbeiten, Red zu rächen und Vee anzuschwärzen. Ihre gemeinsame Heroinoperation findet jedoch keinen Abschluss, da Vee ihnen mit ihrem Ausbruch zuvorkommt. Trotzdem werden die beiden durch das gemeinsame Ansinnen wieder zusammengebracht, nachdem Boo zuvor als Verräterin gebrandmarkt war. Auch Norma (Annie Golden) und Gloria (Selenis Leyva) hecken einen gemeinsamen Plan aus, um sich Vee zu entledigen. Wie sie da gemeinsam einen Santeria-Fluch zusammenbrauen, ist ein schöner Rückgriff auf Glorias Flashback-Episode.

All diese kleineren Handlungsstränge bekommen Raum zur Entfaltung, weil Piper Chapman eben nicht mehr so prominent vertreten ist. Trotzdem fällt ihr im Finale eine entscheidende Rolle zu. Sie verschwört sich mit Caputo (Nick Sandow) gegen die korrupte Gefängnisleiterin Figueroa (Alysia Reiner). Als Gegenleistung fordert sie, nicht in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden. Dann geht alles ganz schnell: Caputo findet Figueroa völlig verzweifelt vor und erfährt, dass ihr Ehemann eine schwule Affäre hat. Er kann seine Begeisterung darüber kaum verbergen, versucht aber trotzdem, sie zu trösten. Gleichzeitig eröffnet er ihr, dass er vernichtende Beweise gegen sie zusammengetragen habe. Sie versucht mit einem letzten verzweifelten Blowjob-Angebot noch einmal, das Schlimmste abzuwenden, weiß dabei aber nicht, dass Caputo sie längst beim Gefängnisdirektor angezeigt hat. Er schweigt indes - und genießt.

Caputo (Nick Sandow) verabschiedet sich schnell von seinen Idealen. © Netflix
Caputo (Nick Sandow) verabschiedet sich schnell von seinen Idealen. © Netflix

Seinen Dienstantritt hätte er sich jedoch anders vorgestellt. Gegenüber seinen Angestellten und auch der geschassten Figueroa prahlt er damit, wie er nun neue Saiten aufziehen und das Gefängnis reformieren werde. Er erinnert in diesen Momenten, in seinem idealistischen Tatendrang stark an Baltimores Neubürgermeister Tommy Carcetti (Aidan Gillen) aus The Wire. Der hatte von seinem Vorgänger einst eine lebhafte Illustration davon bekommen, was es bedeute, in einer Position mit großer Macht und noch größerer Verantwortung zu sein. Sein Gesprächspartner hatte das als „ein Teller Scheiße nach dem anderen“ charakterisiert, den er geduldig aufessen müsse.

It's like Serbo-Croatia up in here

Genauso dürfte sich nun auch Caputo fühlen, der sich an seinem zweiten Tag nicht nur mit einem Nonnenprotest herumschlagen muss, sondern gleich zwei Entflohene zu beklagen hat. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass die institutionellen Mechanismen stärker sind als der einzelne, der sie reformieren will. Und so kommt es also, dass sich Caputo schon am zweiten Tag nach Amtsantritt von seinen Idealen verabschiedet, als er dem armen Bennett, der doch endlich seiner Daya beweisen wollte, dass er keine „Pussy“ ist, vorschreibt, bloß ja den Mund zu halten und die Affäre unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist grandioses dramatisches Fernsehen mit einem überaus gebührenden Abschluss für Caputo - einer ebenso komplexen Figur wie Healy.

Einen tollen Abschluss, überhaupt eine tolle Staffel bekommt indes auch Wärter Scott O'Neill (Joel Garland). Seine Auftritte haben mir regelmäßig Freudentränen in die Augen getrieben. In We Have Manners; We're Polite gelingt es ihm indes, seine grandiose Vorstellung noch einmal zu toppen. Er wird von Caputo damit beauftragt, die protestierenden Nonnen zu beschäftigen, obwohl er ein großes Problem mit der katholischen Kirche hat: „I got a history with nuns.“ („Ich habe eine Vorgeschichte mit Nonnen.“) Er bespaßt sie schließlich mit seiner auf Craigslist erworbenen „Banjolele“. Mit seiner Figur haben die Autoren das wahrgemacht, was sie schon Piper als Ansinnen mit auf den Weg gaben: „Guards are people, too.“ („Wachen sind auch Menschen.“)

Die Finalepisode der zweiten Staffel von Orange Is the New Black findet die perfekte Mischung aus Komik und Drama. In ihr kulminiert alles, was die Autoren über den Verlauf der Staffel aufgebaut haben. Sie lässt sämtliche Erzählstränge wunderbar kohärent zusammenfließen. Ich vergaß dabei sämtliche Momente, die mir in dieser Staffel weniger gefielen. Außerdem beweist das Finale, dass die Serie mittlerweile sehr gut ohne die obligatorischen Rückblenden auskommt. Wenngleich ich diese nicht ganz abschaffen würde, würde ich doch für eine Reduktion plädieren. Mittlerweile sind die Charaktere im Gefängnis einfach viel zu interessant, um ihnen Spielzeit wegzunehmen. Die Autoren haben es derweil sogar geschafft, die zuvor unscheinbaren Wachmänner und -frauen zu humanisieren. Gepaart mit der gewohnt grandiosen Dialogarbeit macht dies Orange Is the New Black zu großartigem Fernsehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 27. Juli 2014
Episode
Staffel 2, Episode 13
(Orange Is the New Black 2x13)
Deutscher Titel der Episode
Lady Locksley
Titel der Episode im Original
We Have Manners. We're Polite.
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 6. Juni 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Jenji Kohan
Regisseur
Constantine Makris

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x13

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