Orange Is the New Black 2x02

Orange Is the New Black 2x02

In der zweiten Episode widmet sich Orange Is the New Black beinahe ausschließlich den bisher vernachlässigten Insassinnen von Litchfield. Die vielen kleinen Geschichten strahlen dabei so viel emotionale Wärme aus, dass die kaputte Heizung kaum noch eine Rolle spielt.

Die junge Taystee lernt früh, was es heißt, sich auf der Straße durchzusetzen. / (c) Netflix
Die junge Taystee lernt früh, was es heißt, sich auf der Straße durchzusetzen. / (c) Netflix

Nach dem überraschenden Auftakt in Thirsty Bird wird Pipers (Taylor Schilling) neues Schicksal in Orange Is the New Black ausgeklammert und die Serie widmet sich voll und ganz ihren übrigen Hauptfiguren. Im Litchfield-Gefängnis ist Karrieretag und eine Insassin hat sich besonders viel vorgenommen. Weil Taystee (Danielle Brooks) das Gerücht gehört hat, dass die Siegerin aus dem Bewerbungswettbewerb einen echten Job angeboten bekommt, gibt sie sich bei sämtlichen Stationen große Mühe.

Mothers embarrass their kids

In Rückblenden erfahren wir, warum sich Taystee so viel Mühe gibt - und woher sie überhaupt ihren Spitznamen hat. Als junges Mädchen versuchte sie, auf einem - recht skurril benannten - „Black Adoption Day“ ein an einer Adoption interessiertes Ehepaar von sich zu überzeugen. Sie geht dabei allzu forsch vor („Michelle, you back the fuck off!“ - „Michelle, halt' dich verdammt noch mal zurück!“) und wird deshalb von einer Aufseherin zurechtgewiesen. Nach einer gewissen Zeit geht eine Unbekannte, ihre spätere Arbeitgeberin Vee (Lorraine Toussaint), hart mit ihr ins Gericht und erklärt ihr, dass sie es niemals zu etwas bringen werde, sollte sie nicht ihr Verhalten ändern.

Mehrere Rückblenden später hat Taystee bei Vee eine echte Familie gefunden. Eine schöne (wenngleich auch etwas zu eindeutige) Szene zeigt die Geborgenheit und Sicherheit, die Taystee in ihrer neuen Familie spürt und wie wohl sie sich dabei fühlt. Dieses Gefühl kommt jedoch zu einem hohen Preis. Vee ist Drogengroßhändlerin und versorgt andere Dealer mit Heroin. In guten Zeiten scherzt die Drogenfamilie am Küchentisch über mögliche Markenzeichen für ihren Stoff. In den schlechten muss Vee ihren Schützling darüber hinwegtrösten, dass ihr „Bruder“ erschossen wurde. Sie gibt ihr dabei das Versprechen, dass sie für Taystee sterben würde, bevor sie zulasse, dass ihr etwas zustoße.

Danielle Brooks offenbart in sämtlichen Szenen großes schauspielerisches Talent - sowohl im komödiantischen als auch im dramatischen Fach. Sie überfordert ihre Bewerbungstrainer beinahe mit ihrem Ehrgeiz, klatscht sie freudestrahlend ab und kehrt dann sofort wieder zur Tagesordnung zurück. Sie liest Ratgeber für gute Vorstellungsgespräche und recherchiert über den künftigen potentiellen Arbeitgeber Philip Morris. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Zellengenossin Poussey (Samira Wiley), die mir in ihren wenigen Szenen sofort wieder ans Herz gewachsen ist - auf die Frage, welchen Job sie sich denn vorstellen könnte, antwortet sie wahrheitsgemäß: „I want the kind of job where I can just chill.“ („Ich möchte die Art Job, bei der ich einfach nur entspannen kann.“)

Taystee (Danielle Brooks; l.) nimmt den Bewerbungswettstreit sehr ernst. © Netflix
Taystee (Danielle Brooks; l.) nimmt den Bewerbungswettstreit sehr ernst. © Netflix

Überhaupt offenbaren die befragten Häftlinge große Realitätsferne in Bezug auf ihre zukünftigen Berufsvorstellungen. Crazy Eyes (Uzo Aduba) stellt sich vor, mit entwicklungsgestörten Kindern zu arbeiten, um ihnen etwas von ihrer Erfahrung mit auf den Weg geben zu können. Lorna (Yael Stone) malt sich eine Zukunft als Hausfrau und Mutter aus und Leanne (Emma Myles) würde gerne Meeresbiologin werden.

I just wanna swim with dolphins

Leanne ist es auch, die sich über die - wahrlich grandiose - Rückkehr von Pennsatucky (Taryn Manning) am wenigsten freut. Ohne sie sei es im Waschraum so schön still gewesen. Doch kaum ist die schwer zugerichtete Pennsatucky zurück, versetzt dies die meisten in Alarmbereitschaft. Oberwächter Healy (Michael Harney) wird gerade beim Russischlernen unterbrochen, was ihn jedoch nicht davon abhält, sogleich die erste Drohung auszusprechen - sie solle ja niemanden über seine unterlassene Hilfeleistung beim Kampf zwischen ihr und Piper berichten. Pennsatucky lässt das alles recht kalt - sie erpresst ihn lieber um ein neues Gebiss. Manning spielt ihre Figur zwischen arroganter Lässigkeit und aufblitzendem Wahnwitz überragend.

Die Küche wurde am Ende der ersten Staffel von der Latinafraktion übernommen und wird nun von Gloria (Selenis Leyva) geleitet. Sie befindet sich in einem Kleinkrieg mit Aleida Diaz (Elizabeth Rodriguez), der Mutter von Dayanara (Dascha Polanco) - sie streiten sich um die Frage, wer sich besser um die schwangere Dayanara sorgen könne. Beide geben ihr ein eigenes Mittel, um die unangenehme Verstopfung zu lösen. Als dies endlich gelingt, wollen beide sofort wissen, wessen Mittel denn nun gewirkt habe. In weiser Voraussicht gibt Dayanara eine diplomatische Antwort, die beide zufriedenstellt.

Die übrigen Küchenmädels fürchten indes die Rückkehr des „russischen Bären“ Red (Kate Mulgrew). Laut Maritza (Diane Guerrero) befinde sie sich im Winterschlaf und warte nur darauf, sich die Küche wieder unter den Nagel zu reißen und die Verräterinnen bitterlich zu bestrafen. Red jedoch ist mit ganz realen Problemen beschäftigt. Seit dem Verlust des Belieferungsauftrags aus dem Gefängnis verdiene ihre Familie kaum noch Geld, wie ihr Sohn zu berichten weiß. Im Gefängnis ist sie derweil isoliert und versucht zunächst, die Avancen der Seniorinnengruppe abzuwehren. Schließlich gibt sie jedoch klein bei und schließt sich ihnen an.

Pennsatucky (Taryn Manning) auf dem Weg zum Zahnarzt © Netflix
Pennsatucky (Taryn Manning) auf dem Weg zum Zahnarzt © Netflix

In diesem riesigen, ständig fluktuierenden Ensemble bleibt selbst noch Zeit, sich dem verlassenen Larry (Jason Biggs) zu widmen. Er wird von seinem Vater in eine Schwulensauna eingeladen („I had a Groupon.“ - „Ich hatte nen Gruppengutschein.“), wo er die Aufforderung erhält, Piper endlich zu vergessen, endlich mit diesem dämlichen „World of Warlock“ aufzuhören und sich jemand Neues zu suchen. Als einziges Gegenargument formuliert Larry: „I made her come vaginally, you know how hard that is to do?“ („Sie kam bei mir vaginal, weißt du, wie schwierig so was ist?“)

I'm trying attachment parenting and it's fucking bullshit

Er erklärt sich außerdem bereit, für Pipers beste Freundin Polly (Maria Dizzia) babyzusitten. Die ist völlig überfordert damit, ihr Kind alleine aufzuziehen, weil auch sie (zumindest vorübergehend) von ihrem Partner verlassen wurde. Man merkt das auch (aber nicht nur) daran, dass es sie nicht mal kümmert, wenn die Hälfte ihrer Brust aus dem BH hängt. Trotzdem könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass die beiden plötzlich etwas füreinander übrighaben könnten - es wäre immerhin überaus convenient (bequem).

Looks Blue, Tastes Red zeigt exemplarisch, was Orange Is the New Black zu solch einer liebenswerten Serie macht. Sie ist eben nicht plotgetrieben und hetzt von einem plot point zum nächsten, sondern lässt sich Zeit, ihre Figuren auszuleuchten. Weil die Autoren in der ersten Staffel ein solides Fundament gelegt haben, können sie nun in beinahe jedem Dialog körbeweise emotional pay-off ernten. Sogar solche Randfiguren wie Big Boo (Lea DeLaria) oder Black Cindy (Adrienne C. Moore) bekommen die Gelegenheit zur Charakterbildung.

Dies beschränkt sich indes nicht nur auf die Insassinnen von Litchfield. Auch die administrativen Mitarbeiter und Wächter sind den Autoren immer wieder Szenen wert: „Handyman“ Luschek (Matt Peters) wird sowohl von Figueroa (Alysia Reiner) als auch von Caputo (Nick Sandow) nach Strich und Faden verarscht, während O'Neill (Joel Garland) mit seinem Fitnessprogramm ein Lächeln auf unser Gesicht zaubert. Diese Serie platzt beinahe vor emotionaler Wärme und Humor, geizt aber auch nicht mit düsterer Dramatik. Sie konzentriert sich auf ihr reichhaltiges Figurenarsenal und erzählt deshalb solche mitreißenden, warmen und vielfältigen Geschichten.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 14. Juni 2014
Episode
Staffel 2, Episode 2
(Orange Is the New Black 2x02)
Deutscher Titel der Episode
Blau mit rotem Geschmack
Titel der Episode im Original
Looks Blue, Tastes Red
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 6. Juni 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Jenji Kohan
Regisseur
Michael Trim

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x02

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