Nikita 1x19

Wenn mir ein quasi-allmächtiger Geheimdienst mit nahezu unbegrenzten Ressourcen und paramilitärischen Fähigkeiten zur Verfügung stünde, was könnte ich nicht alles an Gutem tun? Diktatoren, Ausbeuter, Waffenhändler - sie alle würde ich zur Strecke bringen. Und danach würde die Welt ein besserer Ort sein. Und es würde sich gut und richtig anfühlen. Wer hatte nicht schon einmal diese Fantasie?
Michael (Shane West) wird immer noch von ihr angetrieben, wodurch sein Verhältnis zu Division sehr zwiespältig ist: Einerseits will er sich an Percy (Xander Berkeley) für den Mord an seiner Familie rächen - und hilft deshalb Nikita (Maggie Q) und Alex (Lyndsy Fonseca). Andererseits ist er davon überzeugt, dass manche Missionen von Division richtig sind - und die Organisation für gute Zwecke eingesetzt werden könnte.
Als Opfer von Division hat Nikita darauf eine andere Perspektive. Allerdings fällt es auch ihr schwer, etwas Negatives an der Mission zu finden, auf die Alex gemeinsam mit Jaden (Tiffany Hines) geschickt werden soll: Es gilt, den verzogenen Sprössling eines afrikanischen Präsidenten unschädlich zu machen, der sich als Giftgas-Produzent betätigt und die Macht in seinem Land durch einen hinterhältigen, als Terroranschlag getarnten Patrizid an sich zu reißen versucht.
Alles an diesem Auftrag schreit förmlich danach, dass Division hier nichts Böses tut, sondern das exakte Gegenteil. Davon ist auch Alex mehr und mehr überzeugt, die, wenn es nach Nikita ginge, diese Mission dazu benutzen würde, ihren Tod zu simulieren, um sich dadurch Division zu entziehen.
Doch geschickt lassen die Autoren Alex Argumente dafür finden, warum sie lieber nicht aussteigen sollte: Der Albtraum, in dem sich ihr Lover als verdeckter Division-Agent entpuppt; die Tatsache, dass sie und Jaden dabei sind, ihre Feindschaft zu begraben, und sich sogar gegenseitig das Leben retten; der Anschlag auf die internationale Konferenz, der verhindert werden muss; und schließlich der grausame Mord, den sie miterlebt - und an dessen Beispiel sie die Wirkungsweise des Nervengases aus erster Hand kennen lernt. Alles gute Gründe, die sie dazu motivieren, ihren geplanten Ausstieg sausen zu lassen und stattdessen als Agentin Division erhalten zu bleiben.
Nikita kann ihr das am Ende noch nicht einmal übel nehmen - und gibt zu: „It was a good victory.“ Doch war es auch ein Sieg der Guten? In der letzten Szene händigt Jaden Percy eine Probe der gefährlichen Substanz aus, die sie hat mitgehen lassen, bevor das Labor explodiert ist. Während Michael, Alex und - ein Stück weit - sogar Nikita sich in dem Glauben sonnen, für die gute Sache gekämpft zu haben, haben sie lediglich dafür gesorgt, dass die Waffe den Besitzer gewechselt hat - von einem gemeingefährlichen Kriminellen zum nächsten.
Auch wenn dieser dramaturgische Widerhaken nicht völlig unerwartet kommt, demonstriert er doch sehr schön, dass sich die Nikita-Autoren nicht um die Komplexität drücken, die in den von ihnen aufgeworfenen thematischen Fragen liegen. Wäre Division wirklich ein besserer Ort, wenn Michael oder gar Nikita dort das Sagen hätten? Wer weiß? Die Serie wird hoffentlich noch lange laufen. Und sollte sie im jetzigen Tempo weitererzählt werden, dann könnte ein Szenario, wie es Michael und Nikita im Scherz miteinander erörtern, vielleicht schneller Realität werden, als die beiden ahnen.
Mindestens eben so spannend wie die Mission selbst ist die Dreiecks-Konstellation, in der sich Alex auf einmal wiederfindet - und auf einander widersprechende Anweisungen von Nikita und Michael reagieren muss. Sehr gelungen sind auch die „Charakter-Momente“ der Folge, in denen vor allem Nikita und Alex zur Abwechslung einmal expressis verbis artikulieren, was sie eigentlich füreinander bedeuten - und zwar sowohl bei dem sehr bewegenden Quasi-Abschied der beiden als auch am Schluss, als Alex über das ausschlaggebende Motiv reflektiert, welches sie dazu bewogen hat, Jaden zu retten: „I asked myself: What would Nikita do?“
Die beiden einzigen (gerinfügigen) Minuspunkte der Folge sind die etwas verwirrende Liaison aus afrikanischem Möchtegern-Diktator und deutscher Volksfrei(?)-Bewegung sowie der erste Kampf zwischen Nikita und Anya. Sollen wir wirklich glauben, dass Nikita, die keine Probleme hat, Typen im Format von Kleiderschränken windelweich zu prügeln, sich so ohne Weiteres k.o. schlagen lässt? Okay, deutsche Frauen sind Kampfmaschinen, keine Frage... Aber trotzdem!
Fazit
Girl's Best Friend kombiniert wundervoll eine spannende Frage rund um die thematische Prämisse der Serie mit einem besonders für die Entwicklung von Alex sehr entscheidenden Augenblick. Daneben kommt auch der Humor nicht zu kurz, allen voran Percys fassungsloses „Really, the Swiss?“
Verfasser: Christian Junklewitz am Samstag, 23. April 2011(Nikita 1x19)
Schauspieler in der Episode Nikita 1x19
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