NCIS 13x20

NCIS 13x20

In der Episode Charade der US-Serie NCIS erlebt Very Special Agent Tony DiNozzo eine kleine Sinnkrise, als er Opfer eines Identitätsdiebstahls wird. Während ein Mordfall das Team auf Trab hält, hinterfragt Tony sich und sein Dasein.

Gastdarsteller Matt McCoy (l.) und Michael Weatherly in „Charade“ /
Gastdarsteller Matt McCoy (l.) und Michael Weatherly in „Charade“ /

Vielleicht ist es nur meine subjektive Wahrnehmung, doch die 13. Staffel des langjährigen Crime-Procedurals NCIS stand hinsichtlich seiner sehr persönlichen und auf Charaktere zugeschnittenen Nebengeschichten bis jetzt immer öfter im Zeichen von Tony DiNozzo.

Dies ist im Endeffekt nicht weiter verwunderlich, gab Darsteller Michael Weatherly doch vor geraumer Zeit bekannt, dass er der CBS-Serie den Rücken kehren und seine Dienstmarke an den Nagel hängen wird. Dementsprechend scheint es fast so, als würden die Macher noch einmal alles daran setzen, Tony gebührend zu verabschieden.

Eine nette, verständliche Geste, die sich auch in der neuesten Episode Charade zeigt, welche wiederum mitunter äußerst nachdenkliche Töne anschlägt und uns Tony im Rahmen der Ermittlungen des Teams bezüglich einer Erpresserin, die Tonys Identität gestohlen hat, von einer ungewohnt gedankenverlorenen Seite präsentiert. Auf der Suche nach der mysteriösen Täterin, die gleich drei verschiedene Tony-Double für ihre Zwecke engagiert hat, wird dem nonchalanten Frauenheld nämlich leider erst bewusst, welche Art Leben er eigentlich führt.

Fake Agent

Es ist schon sehr hart mit anzusehen, wie Tony von zwei seiner Doppelgänger ins Gesicht gesagt bekommt, dass es ein Leichtes ist, seine Identität zu verinnerlichen, hat diese doch kaum etwas zu bieten: keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys. Tony fristet ein simples Dasein in seiner sterilen Wohnung, schließt immer wieder mal lockere Bekanntschaften mit attraktiven Damen, doch etwas Langfristiges, das sein Leben neu prägen könnte, eine Beziehung von Wert, ist dabei noch nie wirklich rumgekommen. Vielleicht soll es einfach nicht sein. Vielleicht ist es aber auch einfach Tony selbst und sein spezieller Charakter, der ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung auf der Suche nach einem erfüllten Leben macht.

Pauley Perrette und Michael Weatherly in %26bdquo;Charade%26ldquo; © CBS
Pauley Perrette und Michael Weatherly in %26bdquo;Charade%26ldquo; © CBS

Imposter

Diese Entwicklung Tonys, der in der 13. Staffel bereits mehrfach ins Grübeln gekommen ist, wo es mit ihm hingehen soll (siehe zum Beispiel das Wiedersehen mit Jean Benoit), hat man eigentlich recht geschickt immer wieder in die verschiedenen Episoden eingearbeitet. Michael Weatherly vermag es darüber hinaus auch, diese etwas andere Seite seiner Figur zu tragen und Tony neben seiner sonst sehr lockeren, amüsant-charmanten Art einen tragischen Hauch zu geben. Dies macht den Charakter sofort ein Stück weit komplexer und interessanter. Leider fehlt mir persönlich in „Charade“, wie schon einige Male zuvor in den Episoden, in denen Tony in dieser Staffel im Mittelpunkt stand, das gewisse Etwas, ein finaler punch, der mich vollends mit der Figur mitfühlen lässt.

Bisweilen wird Tony nämlich doch ein wenig stiefmütterlich behandelt, was vielleicht auch daran liegt, dass man doch immer wieder die Geschichten um den Agenten, der sich zweifellos in einer Existenzkrise befindet, humorvoll beenden möchte. Warum nicht mal etwas „düsterere“ und mutigere Wege gehen? Wir befinden uns auf der Zielgeraden der 13. Staffel - wie sich Weatherlys Abschied genau gestalten wird, ist nach wie vor offen. Es ist offensichtlich, dass die Autoren Tony auf seinem persönlichen Tiefpunkt zeigen wollen und dass er sich dann wieder aufrappelt, neue Kraft schöpft und ein glückliches Leben abseits des NCIS führen wird. Die Autoren dürfen sich aber ruhig noch etwas mehr zutrauen, wenn es um Tonys „Fall“ geht.

Phony Tony

Dass die Kurve zum Abschluss der aktuellen Staffel von NCIS für Fanliebling DiNozzo wieder nach oben zeigen wird, ist äußerst wahrscheinlich, allein, um einen versöhnlichen Abschluss zu schaffen. Doch je tiefer Tony vorher fällt, umso emotional befriedigender wird im Nachhinein sein erneuter Aufstieg sein. Zum Beispiel, wenn er seine Persönlichkeit einfach akzeptiert und sich selbst nicht kleiner macht, als er ist. Kollege McGee (Sean Murray) ruft ihm seine Verdienste und wertvollen Freundschaften in Erinnerung, während Abby (Pauley Perrette) ihm versichert, dass er sich nicht verstellen muss, um er selbst zu sein und irgendwann glücklich zu werden.

Tony steht schlichtweg vor einigen größeren Veränderungen in seinem Leben, denen sich ein jeder irgendwann einmal ausgesetzt sieht. Aber so interessant dieser Prozess und diese Entwicklung ist - für meinen Geschmack könnte das Ganze einfach noch etwas dramatischer aufgezogen sein, ohne dabei zu sehr in klischeehafte Fernsehtropen abzudriften. Dies ist wiederum ein schmaler Grat, dem nicht jeder Fernsehschaffende gewachsen ist, weshalb man sich hier wohl eher für die etwas sicherere Variante des Erzählens entscheidet und bisher auf die ganz großen Momente in Tonys neuerlicher Charakterentwicklung verzichtet hat.

Target

Auf der anderen Seite kann man aber auch durchaus Gefallen an diesem ruhigen Aufbau finden. So wird in einer Folge mal Tonys besondere Beziehung zu seinem Vater thematisiert, woraufhin er sich Gedanken über seine Zukunft macht. In einer Episode zuvor wird Tony dann mit einer verpassten Chance auf ein anderes Leben konfrontiert, als er auf eine alte Flamme trifft. All dies macht „NCIS“ episodenübergreifend zu einem stellenweise hochinteressanten Charakterdrama - wären da nicht die zu oft recht austauschbaren Fälle der Woche, die immer öfter nur noch als einfache Kulisse dienen, wenig Spannung versprechen und dennoch einen Großteil der Laufzeit ausmachen.

Zwei Tony-Double in %26bdquo;Charade%26ldquo; © CBS
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Decoy

Der vorliegende Epresserfall in Charade sowie eine Morduntersuchung, die beide in direkter Verbindung miteinander stehen, dümpeln wie so oft in den letzten Episoden oftmals nur vor sich hin und werfen einige Logikfragen bei dem Vorgehen unserer Ermittler auf. Ein Glück für sie, dass die Tony-Doubles selbst nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind... Ein kurzer Wutausbruch von Gibbs (Mark Harmon), der nicht fassen kann, dass man ihm und seinem Team so auf der Nase herumtanzt, ist dann mal eine willkommene Abwechslung und gibt der Handlung zumindest ein wenig Feuer. Das Problem liegt indes nicht daran, dass der Kriminalfall der Woche nicht geschickt mit der persönlichen Geschichte verknüpft ist (dies funktioniert noch mit am besten), sondern einfach daran, dass uns die Aufklärung des Epresser- und Mordfalls zum Ende der Episode egaler nicht sein könnte.

So verliert die Episode zwischendurch immer wieder an Biss, weshalb man in regelmäßigen Abständen etwas ermüdet auf die Uhr blickt und sehnlichst darauf wartet, dass endlich etwas passiert. Für etwas Abhilfe sorgen indes kleine, charmante Charaktermomente innerhalb des NCIS-Teams am Rande, so zum Beispiel Duckys (David McCallum) unerwartete Wandlung zum Komiker oder aber auch der freundschaftliche Wettbewerb unter Kollegen, wollen McGee und Bishop (Emily Wickersham) doch eine Namensidee für einen neuen Flugzeugträger der USA beisteuern. Bishops Vorschlag („USS Admiral John McGee“, nach McGees Vater), der es unter die finalen Einsendungen geschafft hat, ist eine tolle Geste und ein herzlicher Abschluss für eine Episode, die mal wieder die große Chancen hatte, etwas andere Wege zu beschreiten, sich letztlich jedoch mit ihren faden Ermittlungen ein wenig selbst ein Bein gestellt hat.

Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 6. April 2016
Episode
Staffel 13, Episode 20
(NCIS 13x20)
Deutscher Titel der Episode
Tony und die Doppelgänger
Titel der Episode im Original
Charade
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 5. April 2016 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 31. Oktober 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Dienstag, 18. Oktober 2016
Autor
Brendan Fehily
Regisseur
Edward Ornelas

Schauspieler in der Episode NCIS 13x20

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