NCIS 13x19

Die Serienmacher hinter dem Crime-Procedural NCIS haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, Geschichten mit mehreren verschiedenen Handlungsebenen zu erzählen, die letztlich aber immer auf irgendeine Art und Weise miteinander verknüpft werden können. Der Zuschauer erkennt eine thematische Verbindung oder eine Parallele zwischen der Haupt- und Nebenhandlung, was die Episode an sich geschlossener gestaltet und im allerbesten Fall eine wunderbar runde Erzählung nach sich zieht.
In der Folge Reasonable Doubts ist es nun so, dass man uns zwei Handlungsstränge auftischt, die thematisch rein gar nichts miteinander zu tun haben und völlig losgelöst voneinander ablaufen. Der ausbleibende rote Faden dürfte somit für ein wenig Verwirrung bei manchen Teilen der Zuschauerschaft sorgen, die sich hier eher auf zwei 20-minütige Einzelgeschichten gefasst machen können, die man in einer normalen Folgenlänge zusammengeschmissen hat. Auf den ersten Blick macht dies wiederum einen recht lieblosen Eindruck - zumindest vonseiten der Autoren aus, die mal kurz in den Giftschrank greifen und das zusammenschustern, was ihnen gerade in die Finger geraten ist.
Lost
Bei näherer Betrachtung und wenn man sich nicht allzu sehr an der eigenwilligen Struktur der Episode stört, bietet einem „Reasonable Doubts“ aber eigentlich zwei grundsolide Geschichten an, von denen eine sogar bei manch einem eine unerwartet emotionale Reaktion auslösen kann. Die Rede ist natürlich von dem fürsorglichen Engagement, dass Tonys Vater für eine schwerkranke Obdachlose an den Tag legt, während das NCIS-Team sich mit einem recht verzwickten Mordfall, bei dem sich zwei Damen der Tat beschuldigen und niemand wirklich mit absoluter Sicherheit sagen kann, wer denn nun die Schuldige ist, beschäftigen muss.

In cold blood
Der Fall der Woche ist tatsächlich weitaus kniffliger als erwartet, stellt sich doch relativ schnell heraus, dass sowohl die geschasste Ehefrau als auch die heimliche Affäre eines erschossenen Angestellten der Presseabteilung eines Navy-Standortes für diesen Mord ein Motiv hatten. Die Frauen beschuldigen sich natürlich gegenseitig, haben jedoch beide ein wasserdichtes Alibi, während die Ermittler schon einmal intern Wetten darauf abschließen, wer denn die Mörderin ist. Die üppige Lebensversicherung des Toten gibt aber Anlass zur Überlegung, dass sich hier ein ganz krummes Ding abgespielt hat. Doch: Was tun, wenn weder die sehr dünne Beweislage noch ein Lügendetektortest die berechtigten Zweifel an der Schuld der Verdächtigen aufheben können?
Der vorliegende Fall ist schon ein Stück weit skurril und rätselhaft, so dass man durchaus interessiert daran ist, wie dieser aufgeklärt wird. Leider plätschern die Ermittlungen dann doch etwas zu dröge vor sich hin, auch wenn es ganz amüsant mit anzusehen ist, wie die beiden verdächtigen Frauen eine nahezu identische Aussage machen, dabei aber natürlich die jeweils andere des Mordes beschuldigen. Dank einer genauren Analyse einer Stofffaser kommt das Team aber letztlich darauf, dass mit einer Heizdecke der Zeitpunkt des Todes des Opfers manipulierte wurde. Gibbs' (Mark Harmon) Einfall, dass sich seine Agenten noch fix auf digitale Spurensuche begeben sollen, trägt dann ebenfalls Früchte.
Compassionate
So zeigt sich nämlich, dass der Tod des Navy-Angestellten ein Selbstmord gewesen ist, die beiden Frauen zusammen auf einen Versicherungsbetrug von ganz großem Format ausgewesen sind und deshalb einen Totschlag vorgegaukelt haben. Eine ausgefallene Idee, die man jedoch ein Stück weit hat erahnen können. Auch, dass die Täterin glaubt, dass sie sich aufgrund berechtigter Zweifel irgendwie aus der Affäre ziehen und letztlich die Versicherungssumme untereinander aufteilen können, weil keiner von ihnen zu einhundert Prozent die Schuld nachgewiesen werden kann, ist für mein Empfinden etwas zu naiv von den Frauen gedacht.
Während der Fall also zu den Akten gelegt werden kann und McGee (Sean Murray) ganz nebenbei weiter an der Verlobung mit seiner Delilah werkelt, zeichnet der zweite Handlungsstrang in Reasonable Doubts eine weitaus emotionalere Fallhöhe aus, befasst man sich doch sehr intensiv mit dem Thema Obdachlosigkeit und welche Stellung Obdachlose in unserer heutigen Gesellschaft einnehmen. Tonys Vater (Robert Wagner) möchte sich zunächst einmal nützlich machen und sucht nach einer neuer Beschäftigung, was den Sohnemann (Michael Weatherly) so einige Nerven kostet. Als DiNozzo Senior auf offener Straße dann von einer obdachlosen Frau für ihren Vater gehalten wird, löst dies in ihm das Bedürfnis aus, der geistig verwirrten Frau zu helfen.
Personal hell
Bei dieser handelt es sich zwar nicht wirklich um die verschollene Schwester Tonys, doch auf eine derartige überraschende Wendung haben es die Macher auch überhaupt nicht abgesehen. Vielmehr wollen sie die Aufmerksamkeit auf die akute Problematik der wachsenden Obdachlosenzahlen lenken und welche tragischen Schicksale oftmals hinter den Menschen auf der Straße stecken, von denen viele medizinische Hilfe benötigen. Ja, es wird ordentlich auf die Mitgefühls- und Tränendrüse gedrückt, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mich diese Nebengeschichte nicht bewegt. Am Rande wird dann noch auf die prekären Situationen in vielen sozialen Einrichtungen hingewiesen, die schlichtweg überfordert und unterbesetzt sind, um sich um viele Obdachlose zu kümmern.

Making amends
Robert Wagner überzeugt indes mit einer extrem würdevollen Darbietung, während geschickt ein paar Querverbindungen zu der nicht immer einfachen Vater-Sohn-Beziehung zwischen Tony und seinem Erzeuger gezogen werden. DiNozzo Senior fühlt sich verpflichtet, der Obdachlosen namens Susan Lowe zu helfen und engagiert sich herzlich für sie, auch, weil er in dieser Aufgabe die Chance sieht, eigene Fehler als Vater zu begradigen, die er vor vielen Jahren begangen hatte. Dies nötigt Tony Respekt ab, der seinen Vater von einer neuen Seite sieht, welche ihn wiederum selbst nachdenklich bezüglich der Frage stimmen könnte, was es bedeutet, Verantwortung als Vaterfigur zu übernehmen.
Den emotionalen Höhepunkt markiert dann die ernüchternde Diagnose (ein nicht mehr zu behandelnder Gehirntumor) von Susan, die tragischerweise nicht mehr lange zu leben hat. DiNozzo Senior gibt sich dann doch noch als Vater von Susan aus, die aufgrund ihrer Homosexualität einst von ihrem echten Vater verstoßen worden war. In einem sehr bewegenden Moment kommt es zwischen Tonys Vater und Susan zu einer Art Versöhnung, nachdem sie jahrelang unter ihrem problematischen Verhältnis zu ihrem Vater gelitten hatte. Und auch DiNozzo Senior gibt diese Szene neue Kraft, wenn nicht sogar einen neuen Sinn in seinem Leben. Ein schöner, herzerwärmender Abschluss einer Folge, die sich insgesamt etwas beliebig zusammengestellt anfühlt, aber so dennoch auf eine sehr solide Gesamtwertung kommt.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 24. März 2016(NCIS 13x19)
Schauspieler in der Episode NCIS 13x19
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