NCIS 13x18

NCIS 13x18

Zum 300. Episodenjubiläum des langjährigen Crime-Procedurals NCIS präsentiert man uns eine größtenteils sehr persönliche Geschichte, die sich einem wichtigen, aber auch schwierigen Thema widmet. Gibbs' eigene Vergangenheitsbewältigung ist dabei ein hochinteressanter Nebeneffekt.

Taye Diggs in der „NCIS“-Episode „Scope“ / (c) CBS
Taye Diggs in der „NCIS“-Episode „Scope“ / (c) CBS

Seit nun beinahe 13 Jahren läuft das erfolgreiche Krimiformat NCIS schon bei CBS und garantiert dem Network nach wie vor ordentliche Einschaltquoten. Die 14. und 15. Staffel sind bereits bestellt und auch wenn es zu einigen Personalveränderungen kommen wird, dürfte „NCIS“ weiterhin auf seinen treuen Fanstamm vor den Empfangsgeräten bauen können. Zwischendurch waren zwar etliche Stimmen aus dem Fanlager laut geworden, die Serie hätte aus verschiedenen Gründen qualitativ eingebüßt, dennoch erwischen sich viele kritische Anhänger des Procedurals immer wieder dabei, wie sie einschalten.

Vielleicht liegt das einfach nur an der sympathischen Darstellerriege, die in der Tat schon wie eine eigene kleine Familie funktioniert, oder aber daran, dass viele Zuschauer wissen, was sie an „NCIS“ haben und von der Serie erwarten können. Vielleicht sind es aber auch immer wieder solche Episoden, in denen die Autoren sich trauen, sowohl komplexe als auch schwierige Themen anzusprechen und auch mal ein wenig den Finger in die Wunde zu legen. Dies ist zwar nicht zu oft der Fall, doch wenn die Serienmacher sich für diesen Weg entscheiden, wird ihr Format zumeist weitaus interessanter, weil es durch den Bezug zu aktuellen oder zeitlosen Themen schlichtweg eine ganz andere Reaktion im Zuschauer hervorruft, als wenn der nächste, beliebige Kriminalfall der Woche abgespult wird.

Fresh start

Die 300. Folge von „NCIS“, namentlich Scope, schlägt in diese besagte Kerbe und befasst sich (wie schon viele Episoden zuvor) mit dem Leben von schwerverletzten Rückkehrern aus Kriegs- und Krisengebieten nach ihrer Zeit beim Militär. Chefermittler Gibbs (Mark Harmon) stellt dabei das Bindeglied zwischen diesen sowohl physisch als auch psychisch gezeichneten Seelen und der Welt dar, in der sich diese nach ihren Traumata wieder zurechtfinden müssen. Gibbs diente einst selbst und hält nach wie vor viel von seinem Ballast, den er als Scharfschütze angesammelt hat, vor anderen verschlossen. Doch vielleicht bewirkt die Entwicklung in „Scope“, dass sich der sture Haudegen auf seine alten Tage doch noch einmal hinterfragt und eventuell den Abschluss für eine Sache findet, die er schon viel zu lange mit sich herumträgt.

Angehörige des MusiCorps im Einsatz © CBS
Angehörige des MusiCorps im Einsatz © CBS

Wreckage

Nach dem tödlichen Scharfschützenattentat auf ein Paar im Irak begibt sich das Team zunächst einmal auf die Suche nach Antworten und stößt dabei auf einen schrecklichen Vorfall, der sich in derselben Gegend ereignet hat, wo die beiden Opfer zu Tode gekommen sind. Ein Feuergefecht zwischen amerikanischen Truppen und lokalen Aufständischen hatte nicht nur zahlreiche Todesopfer zur Folge, sondern auch den Diebstahl einer modernen Superwaffe, ein Scharfschützengewehr mit computergesteuerter Zielvorrichtung, mit dem ein britischer Exmilitär in den Vereinigten Staaten ein für die politischen Beziehungen zwischen USA und Saudi-Arabien folgenschweres Attentat verüben will. Gibbs und Co müssen dies natürlich verhindern und holen deshalb Informationen von dem einzigen Überlebenden der kriegerischen Auseinandersetzung im Irak ein.

Die Macher nutzen daraufhin ihre Folge dafür, um die Aufmerksamkeit auf die verdienten Kriegsveteranen der Nation zu lenken. Manch einer findet dies etwas sehr pathetisch, auf der anderen Seite handelt es sich hierbei um ein bekanntes Problem - und zwar nicht nur in den USA.

Zurückgekehrte Soldaten und Soldatinnen aus Krisengebieten bringen oft ein psychisches Trauma oder schreckliche Verletzungen mit sich, die sie sowohl körperlich als auch psychisch verstümmeln. Wo haben diese Menschen in unserer Gesellschaft Platz, wer kümmert sich um sie und sorgt dafür, dass sie nicht vergessen werden? In „NCIS“ wird sehr direkt und offen mit dem Thema umgegangen, während man gleichzeitig auch etwas Werbung für das MusiCorps der amerikanischen Streitkräfte macht, das den ehemaligen Militärangehörigen neues Selbstbewusstsein und Lebenssinn gibt.

Two birds, one stone

Nicht immer ist die Botschaft in Scope äußerst subtil verpackt, vor allem zum Ende der Episode holt man zu einem gewaltig emotional manipulativen Rundumschlag aus, als Gastdarsteller Taye Diggs Leonard Cohens Klassiker „Hallelujah“ von sich gibt und wir in einigen bedeutungsvollen Aufnahmen in die Gedankenwelt unserer Charaktere eintauchen. Bei mir persönlich funktioniert diese „Masche“ aber erstaunlich gut, gerade, weil uns zuvor der Blick auf Gibbs' eigene Dämonen aus der Vergangenheit und sein verständnisvoller Umgang mit Taye Diggs' Charakter Aaron Davis gegeben wird.

Man baut innerhalb der Episode schon eine besondere Verbindung zu diesem und dessen Leid auf, vielmehr aber noch zu Gibbs, der sich selbst in dem Veteranen wiedererkennt - und das nicht nur, weil der Chefermittler selbst einst auch Scharfschütze im Kriegseinsatz war. Gibbs weiß, wie sich Davis fühlt, weil er selbst diese Erfahrungen durchlebt hat. Und während er Davis neue Lebenslust einflößen will, reflektiert er sein eigenes Dasein und die tief verborgenen Probleme, die ihn immer noch beschäftigen, so zum Beispiel seine vielen persönlichen Verluste. Über seine neue Therapeutin Grace Confalone (gespielt von der gut aufgelegten Laura San Giacomo), die erfrischenderweise kein Blatt vor den Mund nimmt, erkennt Gibbs, dass es ihm helfen kann, wenn er anderen Menschen hilft, die eine vergleichbare Sache wie er durchmachen müssen.

Captain Wolf Eyes

Die Behandlung dieses Themas, das Überstehen hemmender Traumata und deren Bewältigung, um sein neues Leben zu akzeptieren, in dem es immer noch Menschen gibt, die einen lieben und einem helfen wollen, wird in „Scope“ sehr gut ausgearbeitet. Die Folge selbst zeichnet daher auch ein eher ernsterer, sehr nachdenklicher Ton aus, wobei für kleine auflockerndene Momente wie immer ebenfalls etwas Zeit und Platz ist.

Gibbs' Team tritt dabei den unverkennbaren Beweis an, dass sie tatsächlich wie eine Familie sind, die jedem einzelnen dieser eingeschworenen Gemeinschaft Kraft gibt. Amüsante Szenen (Jimmys Bemühungen, es Gibbs recht zu machen, werden nie langweilig) gehen dabei mit ein paar sehr herzlich-charmanten Momentaufnahmen einher, siehe der Ausflug der NCIS-Motorradgang am Ende der Episode oder aber auch das herzliche, freundschaftliche Verhältnis zwischen Bishop (Emily Wickersham) und McGee (Sean Murray), während letzterer schon an eine Verlobung mit Delilah denkt.

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Laura San Giacomo und Mark Harmon in %26bdquo;Scope%26ldquo; © CBS

Difficult breed

Während die Suche nach dem Scharfschützen, den Gibbs letzten Endes eigenhändig ausschaltet, extrem nebensächlich ist und dieser Fall dermaßen beliebig erscheint, zeigt sich in den Charakterinteraktionen und der Teamdynamik der Ermittler wiederum die unbestrittene Stärke des Formats, die nach vielen Jahren immer noch einer der wichtigsten Faktoren ist. Es ist die „NCIS“-Crew selbst, angeführt von einem oftmals mürrischen, aber auch sehr umsichtigen „Familienvater“ Gibbs, der selbst noch so einiges dazulernen kann und - auch wenn sein stoischer Gesichtsausdruck täuscht - sein Team umgemein zu schätzen weiß. Sei es die aufgedrehte Abby (Pauley Perrette), der tollpatschige Palmer (Brian Dietzen), das wandelnde Geschichtsbuch Ducky (David McCallum), NCIS-Direktor und Freund Vance (Rocky Carroll) oder seine drei verlängerten Arme im Feld: McGee, Bishop und Tony (Michael Weatherly).

Somit verkörpert die 300. Episode von NCIS im Kern das, für was viele Zuschauer die Serie nach wie vor zu schätzen wissen: ihre charismatischen Hauptfiguren und die gelegentlichen Ambitionen der Serienmacher, mal etwas tiefer in bestimmte Materien einzutauchen und diese anhand ihrer Charaktere zu ergründen. Ironischerweise zeichnet die Jubiläumsfolge aber auch eine der großen Schwächen des Formats aus, nämlich recht dröge Fälle der Woche, die furchtbar egal sind und meistens nur als eine Art Dosenöffner für die Handlung fungieren. Aus diesem Grund gibt es auch ein paar Einschränkungen bei der Bewertung der Episode. Diese ist aber allein wegen ihrer sehr persönlichen Note und Themenwahl sehenswert genug.

Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 16. März 2016
Episode
Staffel 13, Episode 18
(NCIS 13x18)
Deutscher Titel der Episode
Geduld und Beharrlichkeit
Titel der Episode im Original
Scope
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 15. März 2016 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 16. Oktober 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 3. Oktober 2016
Autoren
Gary Glasberg, Gina Lucita Monreal
Regisseur
Tony Wharmby

Schauspieler in der Episode NCIS 13x18

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