NCIS 13x16

NCIS begibt sich in der Episode Loose Cannons mal wieder auf die Spuren eines Charakterdramas, wobei man diese Bezeichnung insgesamt nicht allzu hoch hängen sollte. Dennoch fällt auf, dass das Procedural-Element der Folge, die Suche nach einem Mörder und nach gestohlenen Waffen, extrem austauschbar ist und wenig bis gar keine Spannung verspricht. Dafür rückt wiederum die Interaktion unter den Figuren mehr in den Mittelpunkt, sodass wir einen interessanten Einblick in deren Gedankenwelt und derzeitiges emotionales Befinden bekommen.
Dieser Fokus auf Charaktere wie Gibbs (Mark Harmon) oder Tony (Michael Weatherly) hat eine leicht überdurchschnittliche Episode zur Folge, die sich mit dem sehr trivialen Fall der Woche allerdings selbst den Wind aus den Segeln nimmt. Eine Querverbindung zu einer alten Bekannten von Tony gibt zwar dessen Nebenhandlung etwas Treibstoff, ein paar Fragen wirft das emotionales Wiedersehen mit Ex-Flamme Jeanne Benoit (Scottie Thompson) dennoch auf. Am überzeugendsten ist hier aber ohne Frage die Geschichte um Gibbs und seinem neuen Freund Dr. Cyril Taft (Jon Cryer), die neben ein paar amüsanten auch viele nachdenklichen Momente zu bieten hat.
Quid pro quo
Nachdem Gibbs zu Beginn der Staffel dem Tod noch gerade so von der Schippe gesprungen war, entwickelte sich einer Art Männerfreundschaft zwischen dem grummeligen Ermittler und seinem Retter Dr. Cyril Taft. Gibbs, Eigenbrötler durch und durch, ist dafür bekannt, seine Probleme und Gedanken für sich zu behalten, während Taft weitaus kommunikativer ist und weiß, dass es wichtig, sich auch mal jemanden zu öffnen und seine Ängste, Sorgen und Befürchtungen zu teilen. Das tut Taft auch, der sich stets selbst unter gewaltigen Druck setzt und dabei das Leben an sich vernachlässigt, während Gibbs einfach nur ohne viel Geplapper eine Partie Schach spielen möchte.
Die Szenen zwischen Gibbs und Taft gefallen mir allesamt sehr gut, was zum einem daran liegt, dass hier zwei sehr unterschiedlichem Charaktere aufeinandertreffen, die auf den zweiten Blick über ein paar Gemeinsamkeiten verfügen, sich gut ergänzen und dem jeweils anderen auf ihre eigene Art und Weise helfen können. Zusätzlich ist es ein großer Spaß, dem Duo Mark Harmon und Jon Cryer bei ihrem Spiel zuzusehen, sind beide doch durchaus in der Lage, sowohl trocken-humoristische als auch sehr ernste Momente glaubwürdig zu transportieren. Man kann zwischen diesen beiden Figuren schlichtweg eine sehr charmante, eigenwillige Chemie ausmachen, hier begegnen sich zwei Charaktere auf Augenhöhe, die sehr viel Respekt voreinander haben und sich zu schätzen wissen.

Renewal
Die Serienmacher decken bei der erneuten Zusammenführung von Gibbs und Taft das gesamte Spektrum ab: Ob es nun die etwas lockeren, leichteren Augenblicke zwischen den beiden sind (Taft hat sichtlich Spaß daran, Räuber und Gendarm zu spielen und ist eine interessante Ergänzung für das NCIS-Team) oder eben auch die eher ruhigen, dramatischen Szenen, in denen sich zum Beispiel Taft Gibbs anvertraut. Hier probiert sich Gibbs mal als Therapeut und rät Taft, auch mal etwas zu entschleunigen - nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Frau. Das Ehepaar hat mit den tragischen Verlust ihres Sohnes eine harte Zeit durchgemacht, doch Taft kann sich nicht nur in seine Arbeit flüchten, er muss den Schmerz auf anderem Wege verarbeiten.
Gibbs lässt sich im Gegenzug am Ende der Episode in einer sehr charmanten Szene auf Tafts Therapeutin ein. Ist vielleicht auch ihm endlich die Erkenntnis gekommen, dass das Hineinfressen von Ängsten und Problemen auf lange Sicht sehr ungesund ist und manche Dinge einfach gesagt werden müssen, um einen Abschluss zu finden. Oder um vielleicht sogar einen kompletten Neustart zu wagen.
Under your skin
Während dieser Teil der Episode nicht nur von den Darstellern gut gespielt, sondern im Allgemeinen sehr interessant ist und Hauptcharakter Gibbs eine Entwicklung durchlaufen lässt, lösen die Ermittlungen der Woche um ein paar Waffendiebe eher weniger Begeisterung bei mir aus. Wie sich später herausstellt, ist es auch herzlich egal, wer die Diebe genau sind, warum ein paar Maschinengewehre von einer Militärbasis gestohlen wurden und wo diese in Europa verschachert werden sollen. Letzten Endes dient dieser Fall einzig und allein als Dosenöffner für eine weitere, sehr charakterzentrische Geschichte, in der Tony die Hauptrolle übernimmt.
Da die gesuchten Mörder (bei ihrem Einbruch töteten sie einen Navy-Soldaten) und Waffenschmuggler über ein paar Ecken mit dunklen Machenschaften in Afrika in Verbindung stehen, fühlen sich die Ermittler an einen alten Widersacher erinnert, der ebenfalls ganz gut in dieses Bild passt: Waffenhändler René Benoit, den das Team einst dingfest gemacht hatte, nachdem Tony im Rahmen einer Undercover-Mission mit Benoits Tochter Jeanne angebandelt hatte. Nach René Benoits Tod gingen Tony und Jeanne, die sich eine echte Liebe von dem NCIS-Agenten versprach, in einem angespannten Beziehungsclinch auseinander.
Unresolved issues
Zuletzt sah man Jeanne in der Episode Saviors, wo sie und ihre Arztkollegen aus den Fängen einer Miliz im Südsudan gerettet werden mussten. Hier zeigte sich bereits, dass es zwischen Tony und Jeanne nach wie vor einiges zu kitten gibt, was die Macher nun auch in Loose Cannons noch einmal aufgreifen. Die Verbindung zwischen den gesuchten Tätern und Jeannes totem Vater ist schon etwas sehr zufällig, entscheidend ist aber nur, dass Jeanne und Tony irgendwie noch einmal zusammengebracht werden müssen (selbst wenn sich die Autoren dafür etwas strecken müssen), um es noch einmal zu einer finalen Aussprache zwischen den beiden kommen zu lassen.
Michael Weatherly und Scottie Thompson geben auch ein überzeugendes Leinwandpärchen ab, für meinen Geschmack drückt man hier aber etwas zu sehr auf die Dramadrüse. Bisweilen scheint es fast so, als wurde man Weatherly kurz vor dem Ende seiner Zeit bei NCIS (der Darsteller verabschiedet sich mit dem Ende der 13. Staffel von der Serie) noch einmal eine kleine Ehrenrrunde eingestehen, damit sein Charakter zum Beispiel ein paar Fehler der Vergangenheit begradigen kann. Vielleicht soll das abermalige Aufeinandertreffen mit Jeanne aber auch den Moment markieren, ab dem Tony etwas nachdenklicher wird, was wiederum seinen Ausstieg aus dem Team bedingen könnte.

Too late again
Möglicherweise erkennt Tony nun, dass er damals vielleicht doch lieber um Jeanne hätte kämpfen und deren Beziehung miteinander nicht hätte runterreden sollen. Eventuell ist es Zeit für den Womanizer, sesshaft zu werden und sich auf die Suche nach jemanden zu machen, der sein Dasein komplementieren kann. Diese Interpretationsmöglichkeit der Nebengeschichte um Tony und Jeanne ist eigentlich nicht verkehrt, trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass man das ganze, mitunter übertriebene Drama etwas zurückgeschraubt hätte.
Dieses und der vergessenswerte Fall der Woche, der übrigens unglaublich einfach aufgelöst wird (dank eines Peilsenders wird der Mörder gefasst), ziehen Loose Cannons leider etwas runter. Dafür wünscht man sich am Ende aber mehr Auftritte von Jon Cryer, dessen Zusammenspiel als Dr. Cyril Taft mit Mark Harmon große Freude bereitet.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 25. Februar 2016(NCIS 13x16)
Schauspieler in der Episode NCIS 13x16
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