NCIS 13x10

In der NCIS-Episode Day in Court kam es zur großen Enthüllung, dass Ellie Bishop (Emily Wickersham) von ihrem Ehemann Jake (Jamie Bamber) betrogen wurde, woraufhin sich die NCIS-Agentin zu ihrer Familie nach Oklahoma zurückgezogen hatte. Nun hätte man davon ausgehen können, dass der Charakter erst einmal eine kleine Pause einlegen und eventuell für eine oder mehrere Episoden gar nicht in Erscheinung treten würde. Dies wäre eine interessante Entscheidung der Autoren gewesen, die uns Zuschauer etwas im Ungewissen hätte verharren lassen können, doch die Macher gehen einen anderen Weg.
So sehen wir in Blood Brothers Bishop nämlich, wie sie sich im Kreise ihrer Familie mit dem Betrug und Vertrauensbruch ihres Gatten auseinandersetzt, während ihre Kollegen um Teamleiter Gibbs (Mark Harmon) einem an Leukämie erkrankten Navy-Angehörigen helfen sowie Gibbs' altem Freund Fornell (Joe Spano) bei den Ermittlungen um eine Geldfälscherbande unter die Arme greifen müssen.
Mir persönlich hätte es wohl etwas besser gefallen, wenn Bishop für eine oder mehrere Episoden außen vor gelassen worden wäre, hätte man dadurch doch verdeutlichen können, wie schwer sie von der Affäre Jakes und dessen Lügen getroffen wurde. Andererseits ist es gut, dass ihre Trauerphase nicht unnötig in die Länge gezogen wird und sie sich relativ schnell ihren wahren Gefühlen in dieser Angelegenheit stellt. Etwas mehr Zeit für uns Zuschauer, eine emotionale Verbindung zu Ellie und ihrer derzeitigen Situation aufbauen zu können, hätte man uns aber vielleicht doch einräumen können.
Running out of time
Am Ende von „Blood Brothers“ ist es nämlich in der Tat so, dass der Abstecher zu ihrer Familie in Oklahoma zum Thanksgiving-Fest mitsamt überraschendem Besuch von Mentor Gibbs ausreicht, um Ellie zurück nach Washington, D. C. zu bekommen, was dann eventuell doch etwas zu fix geht. Die klärenden Gespräche mit Gibbs, der sich mit seinen Problemen seit geraumer Zeit Dr. Cyril Taft anvertraut, zeigen ein paar interessante Parallelen zwischen ihm und Ellie auf, die wie ihr Chef ihre Emotionen in sich hineinfrisst und einer befreienden Konversation - sei es mit ihrer Mutter oder ihrem Bruder - aus dem Weg geht. Letztlich wollen ihr alle nur helfen, doch ihr ist der erste Schritt überlassen, diese Hilfe anzunehmen.
Dass die vielen sorgenvollen Mitleidsbekundigungen sowie Hilfeversuche von anderen Menschen störend und belastend für Ellie sind, ist absolut nachvollziehbar. Um sich aber nicht von seinen eigenen Gefühlen in eine tiefes Loch ziehen zu lassen, aus dem man nicht mehr so einfach herauskommt, muss sie sich diesen stellen, was am besten funktionert, wenn sie ihre Emotionen mit anderen teilt. Eine Erfahrung, die auch Gibbs gemacht hat, der sich nach vielen Jahren in seinem nervenaufreibenden Job ebenfalls endlich seinen Mitmenschen öffnet.

Navigator
Der Inhalt der Dialoge zwischen Bishop und ihren Familienmitgliedern oder auch mit Gibbs selbst ist derweil nicht wirklich bahnbrechend oder wahnsinnig originell. Letzten Endes weiß man von der ersten Minute an, in welche Richtung sich die Unterhaltungen entwickeln. Man weiß, welche Figur welche Rolle (besorgte Mutter, großer Bruder mit klassischem Helferkomplex und Weisheiten aus seinem eigenen Eheleben) einnimmt, weshalb die eher intimen Momentaufnahmen zwischen den Charakteren in „Blood Brothers“ inhaltlich recht vorhersehbar sind. Die Darstellerriege kann diese Augenblicke aber tragen und überzeugt, allen voran in Person von Mark Harmon und Emily Wickersham.
Eine abschließende Unterhaltung zwischen „Navigator“ Gibbs und Bishop zum Ende der Episode, die letzterer etwas die Augen öffnet, könnte einem Lehrbuch für das Schreiben von Drehbüchern entnommen sein. Die Botschaft ist klar und deutlich ausformuliert, die gesprochenen Dialogzeilen vertraut und in vergleichbarer Form schon tausende Male in anderen Fernsehproduktionen da gewesen. Schlussendlich trifft man aber den Kern der Sache und so einfach die Essenz des Gesprächs zwischen den beiden Figuren auch ist (Ellie hat Kollegen, die ihr beistehen; sie muss sich ihren Gefühlen stellen und über diese reden, sonst fügt sie sich nur selbst Schaden zu) - die Wahrheit ist nun einmal oft unfassbar simpel.
Never back down
Während sich dieser Teil der Handlung im Großen und Ganzen sehr solide gestaltet, einige Aufs und Abs inklusive (Fernsehtrope und TV-Klischee der Woche: Ellie Bishop spaltet mit einer Axt Holzscheite, um Dampf abzulassen), bietet uns der „Fall der Woche“ mal wieder etwas anderes an. Auch wenn ich mich schon frage, inwiefern die Suche nach dem verschwundenen Bruder eines todkranken Navy-Angehörigen, dessen Leben wiederum durch eine Knochenmarkspende seines Bruders gerettet werden könnte, in den Zuständigkeitsbereich des NCIS fällt. Doch die Autoren machen noch einen kleinen Kriminalfall daraus, tritt doch FBI Special Agent Tobias Fornell (in sichtlich besserer Verfassung als noch bei seinem letzten Auftrit) auf den Plan, der dem Team mitteilt, dass der gesuchte Bruder des Leukämiepatienten ein Informant der Bundesbehörden in einem Fall ist, der sich um eine organisierte Verbrecherbande für Geldfälschung dreht.
Als dann noch der Kontaktmann des flüchtigen Informanten ermordet wird, hat es nicht mehr nur Priorität, der gebeutelten Familie des im Sterben liegenden Soldaten (zwei seiner Geschwister sind bereits im Auslandseinsatz ums Leben gekommen) etwas Hoffnung zu geben, sondern darüber hinaus auch die bösen Buben dingfest zu machen, die den vermissten Informanten und Geldwäscher auf Abwege gebracht haben. Dies gelingt den Gesetzeshütern relativ unkompliziert (der zwielichtige, kurz eingeführte Vermieter des Vermissten ist natürlich involviert und liefert die entscheidenden Informationen), die Auflösung des Kriminalfalls ist aber auch eher zweitrangig und bleibt vor allem wegen der lockerleichten und bisweilen recht amüsanten Dynamik zwischen Fornell und Tony (Michael Weatherly) in Erinnerung.
New beginnings
Passend zur Zeit um die Thanksgiving-Festtage baut man außerdem noch ein paar humorvolle Momentaufnahmen ein, so zum Beispiel Jimmy Palmers (Brian Dietzen) perverse Pläne, einen Truthahn mit einem Hühnchen zu füllen, das zuvor wiederum mit einer Ente vollgestopft wurde - wohl bekomms! Dies lockert die Episode stellenweise ein klein wenig auf, insgesamt schlägt man aber schon eher dramatischere Töne (die mitgenommene Mutter des Leukämiepatienten, deren Leben von einigen Familientragödien gezeichnet ist, kann einem schon leidtun) an, was allen voran an dem Handlungsbogen um Ellie Bishop liegt. Dieser wird im Laufe der Episode in die Geschichte um die Suche nach einem passenden Spender für den kranken Navy-Soldaten eingebunden. Unweit der Familienfarm befindet sich nämlich in einem Gefängnis ein zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilter Ex-Navy-Angehöriger, der über passende Spendergene verfügt, um den Tag doch noch zu retten.

Der Sträfling, welcher während eines Militäreinsatzes Jury, Richter und Henker in Personalunion spielte, als er aus Rachegründen zwei Gefangene hinrichtete, strebt jedoch einen Deal an: Er wird sich als Spender zur Verfügung stellen, wenn er im Gegenzug aus seiner Haft entlassen wird. Das können ihm die Ermittler nicht ermöglichen, doch dank einer recht manipulativen Ansprache Bishops, die in gewisser Weise auch an sie selbst in ihrer derzeitigen Gefühlslage gerichtet sein könnte („Don't let a bad situation define who you are.“), kann der Sträfling doch noch überzeugt werden, seine vergangenen Verfehlungen mit einer guten Tat wieder etwas geradezubiegen. Diese Nebenhandlung passt eigentlich ganz gut in das Gesamtbild der Folge und fungiert als recht runder Abschluss der mitunter sehr persönlichen Geschichte um Bishop. Abgedroschene Dialoge wie „I can't change the past. - But you can change the future.“ müssen aber nicht wirklich sein.
Fazit
Blood Brothers stellt eine solide NCIS-Episode dar, in der es vor allem um die Bewältigung von emotionalen Tiefschlägen und persönlichen Schicksalen geht, anstatt um die Aufklärung eines x-beliebigen Kriminalfalls. Die Handlung schafft es nicht immer, den Zuschauer vollkommen zu packen, gleichzeitig lassen sich aber auch ein paar schöne Momente finden, die von der Interaktion und Dynamik unter den auftretenden Charakteren sowie dem guten Zusammenspiel der einzelnen Darstellerinnen und Darsteller leben. Bishop wird nun nach gerade einer Episode schon wieder zum Team zurückkehren, während ich stark davon ausgehe, dass das Kapitel Jake noch nicht komplett beendet ist. Die Macher müssen jetzt nur aufpassen, dass dieser Handlungsstrang nicht zu repetitiv wird und Ellie (die ohnehin keinen leichten Stand bei vielen Zuschauern hat) und ihre Leidengeschichte sich beim Publikum zu schnell abnutzen.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 4. Dezember 2015(NCIS 13x10)
Schauspieler in der Episode NCIS 13x10
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