NCIS 13x01

Lebt er oder lebt er nicht? Am Ende der zwölften Staffel von NCIS präsentierte man uns zum Abschluss eines sehr gelungenen Dreiteilers ein hochdramatisches Finale, in dem Gibbs (Mark Harmon) niedergeschossen am Boden lag. Am Ende war nicht sicher, ob der erfahrene Ermittler mit dem Leben davonkommen würde. Ohne Frage wäre es eine mutige und gleichzeitig sehr spannende Entscheidung der Autoren gewesen, nach mehr als zwölf Jahren das Gesicht des Formats auf diese Weise zu verabschieden. Doch viele Zuschauer waren sich sicher, dass dies nicht passieren würde. Und sie behalten recht.
Gibbs' Rettung durch den etwas speziellen Chirurgen Dr. Cyril Taft (Jon Cryer) sorgt zu Beginn für etwas Spannung. Und sobald der alte „NCIS“-Haudegen vom OP-Tisch runter ist, geht es auch schon in bekannter Manier voran. Stop the Bleeding kann im Großen und Ganzen überzeugen, jedoch bürdet man sich hier und da vielleicht ein bisschen viel auf. Außerdem verschenkt man etwas Potential, da die große Bedrohung, die am Ende der zwölften Staffel auf den Plan trat, nun anscheinend schon wieder eingedämmt wurde. Diese kleine Enttäuschung fängt man aber mit der Selbstreflexion von Gibbs auf, bei dem nach den letzten Vorkommnissen Überlegungen aufkommen, seine Tätigkeiten beim Naval Criminal Investigative Service ruhen zu lassen.
Back from the dead
Dies macht für mich den interessantesten Aspekt dieser Episode aus, der gerade zum Ende noch einmal prominent in den Vordergrund gerückt wird. Hier erkennt Gibbs nämlich, dass er nicht mehr der Jüngste ist und tagtäglich von Schmerzen geplagt wird, gerade durch die Schusswunden, die ihm fast das Leben gekostet haben. Taft stellt Gibbs gar die Frage, ob er überhaupt gerettet werden wollte oder ob er nicht viel lieber in einer Traumwelt mit seiner einst verunglückten Tochter Kelly geblieben wäre. Zwar hat Gibbs Menschen, die stets an seiner Seite sein werden, Kollegen und Freunde, die sich um ihn sorgen (und ihn während seiner Genesung mit etlichen Obstkörben versorgt haben). Doch der kernige Chefermittler macht zum Ende von „Stop the Bleeding“ einen derartig nachdenklichen Eindruck, dass man als Zuschauer selbst ins Grübeln kommt, ob die Macher hier eventuell schon seinen Ruhestand vorbereiten.

Calling the shots
Ich hatte es bereits in früheren Reviews erwähnt, dass sich „NCIS“ ohne seine zentrale Figur zu einem sehr interessanten Format entwickeln könnte. Wobei auch nicht von der Hand zu weisen ist, dass Mark Harmon - vor allem, wenn er so gut aufgelegt ist, wie hier in dieser Episode - eigentlich nicht aus der Serie wegzudenken wäre. Man darf gespannt sein, ob in Staffel 13 Gibbs' nachvollziehbare Altersmüdigkeit weiter thematisiert wird. Dies könnte den Charakter auf neue Art sehenswert und nuancenreich machen, außerdem verfügt Harmon zweifelsohne über die Fähigkeiten, uns seine Figur authentisch von dieser Seite zu präsentieren. Es wäre zumindest für die Autoren eine gute Möglichkeit, ihren langjährigen Hauptcharakter eine neue Entwicklung durchmachen zu lassen, die in einem zufriedenstellenden Abschluss enden könnte.
Stichwort Abschluss. Diesen findet man in „Stop the Bleeding“ allen Anschein auch hinsichtlich der Geschichte um den Terroristen Daniel Budd (Giles Matthey) und seine Organisation The Calling. Denn nachdem sich Tony (Michael Weatherly) und die CIA-Agentin Joanna Teague (Mimi Rogers) in Shanghai auf die Suche nach Budd gemacht haben und Tony schließlich den brandgefährlichen Blondschopf erschießt, wirkt das Thema The Calling auch schon wieder abgeschlossen. Das wäre dann doch ein wenig schade, denn Budd als Antagonist über einen längeren Zeitraum hatte wirklich Potential, was nicht nur an Darsteller Matthey (zugegeben, Tonys Vergleich mit einem Bond-Bösewicht ist nicht unpassend), sondern auch an dem mysteriösen Charakter dieser Figur lag. Mit Budds Tod, der Tony eine persönliche Last von den Schultern nimmt, da er sich für Gibbs Beinahetod mitschuldig fühlt, beraubt man sich der Chance, aus Budd mehr als nur einen weiteren beliebigen Terrorgruppenanführer zu machen.
Time to dance
Stop the Bleeding ist vollgepackt mit allerlei Handlungssträngen, jedoch kann man diese leichte inhaltliche Überladenheit im letzten Drittel der Episode mit einem geschickten Kniff ausmerzen. Neben Gibbs' Kampf ums Leben und den Ermittlungen in Shanghai kommt im weiteren Verlauf noch eine nukleare Bedrohung durch ein U-Boot Nordkoreas mit hinzu. Doch wie sich herausstellt steckt Budd hinter dem drohenden Atomschlag, der einen neuen Weltkrieg heraufbeschwören könnte. Der nukleare Angriff, welcher erst über den Zugriff Budds auf den Laptop des verstorbenen Agenten Ned Dorneget (Matt Jones) initiiert werden konnte, ist derweil auch nur ein perverses Spiel des jungen Hackers, der sich davon eine bessere Verhandlungsposition mit den Chinesen erhofft.
Was genau der ominöse Deal mit China für Budd beinhaltet, wird nicht klar und scheint auch nicht weiter wichtig zu sein. Letztlich kann McGee (Sean Murray) dank seinen technischen Fähigkeiten einen amerikanischen Präventivschlag verhindern, während Budd in Shanghai durch zwei präzise Schüsse (man beachte: Er wird an den gleichen Stellen wie Gibbs getroffen) von Tony zur Strecke gebracht wird. Die Jagd auf Budd mitsamt altbekannter Rätsel- sowie kleiner Actioneinlage (Tony und Co. nehmen in Shanghai ein Versteck von The Calling hoch, wo sie auch Luke finden, der wenig später reumütig mit Informationen dienen kann) ist ordentlich. Etwas störend ist jedoch die recht plump inszenierte Finalszene zwischen Tony und Budd. Wenn letzterer eine so große Gefahr darstellt, sollte man sich im Normalfall nicht so dämlich anstellen, um ihn zu schnappen. Hier wollte man Michael Weatherlys Charakter einen besonders reißerischen Moment zuschustern, damit diese Figur Wiedergutmachung leisten kann. Dies mag vielleicht auf unterhaltender Ebene in Ordnung gehen, realistisch ist es aber nicht.
Not alone
Darüber hinaus könnte ich mir vorstellen, dass auch Jon Cryers Auftritt die Gemüter der Zuschauer spalten wird. Der Darsteller verfügt ohne Zweifel über komödiantisches Talent, doch ist es angesichts der Ernsthaftigkeit der Situation auch angebracht? Ich hatte ehrlich zugegeben zunächst Probleme mit der Figur des Dr. Cyril Taft (aka „Chuckles, the Clown“), der im OP-Saal einen sehr eigenwilligen Ton vorgibt - mitsamt Beschallung durch Motown-Klänge und Mozart-Kompositionen. Diese Darstellung wirkt ein wenig zu überzeichnet. Zum Ende funktioniert die Figur dann wesentlich besser für mich, vielleicht gerade weil wir einen kleinen Einblick hinter die sehr schnippische Außendarstellung Tafts bekommen.
Dieser ist nicht nur ein begnadeter Arzt, er selbst zeigt auch Verständnis für Gibbs und dessen Selbstzweifel, da er ebenfalls ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Doch was bringt es, in der Vergangenheit zu verbleiben und sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn Dinge anders verlaufen wären? Letzten Endes hat Gibbs Menschen in seinem Leben, die ihn brauchen und schätzen, sowie eine Aufgabe, die ihn fordert und wichtig ist. Taft hätte nach dem tragischen Tod seines Sohnes weiter in Depressionen versinken können, doch seine Beschäftigung als Doktor und die Menschenleben, die er in dieser Funktion tagtäglich retten kann, geben seinem Dasein einen Ansporn, trotz all der Schmerzen und Qualen, die er mit sich herumträgt. Die Parallele zu Gibbs trägt man uns zwar mit dem Holzhammer vor, als nachdenklich stimmender Abschluss der Episode funktioniert die Szene zwischen Harmon und Cryer dennoch ausgezeichnet.

Fazit
Die Episode Stop the Bleeding stellt einen grundsoliden Auftakt der 13. Staffel von NCIS dar, die vor allem hinsichtlich Gibbs einige interessante Fragen in den Raum stellt. Inwiefern diese im Verlauf der Staffel ein Thema sein werden, bleibt abzuwarten. Die Autoren haben sich jedenfalls einige Türen geöffnet. Von der Geschichte um The Calling hätte ich nach dem fesselnden Abschluss der letzten Staffel persönlich etwas mehr erwartet, doch diese kleine Enttäuschung kann man wiederum durch gute Darbietungen - zum Beispiel von Mark Harmon, Jon Cryer, Michael Weatherly, Mimi Rogers sowie Jungdarsteller Daniel Zolghadri - sowie dem sehr persönlichen Fokus auf Gibbs und dessen Persönlichkeit aufwiegen.
Dass dieser nun doch nicht das Zeitliche gesegnet hat, ist eher keine große Überraschung. Das Attentat auf Gibbs aus dem letzten Staffelfinale nun jedoch als reinen Schockwert zu bewerten, ist eventuell zu verfrüht, da dieses Ereignis eine neue Charakterentwicklung nach sich ziehen könnte, die in „Stop the Bleeding“ angedeutet wird. Zeigt der nimmermüde Chefermittler, der sich trotz strenger Einschränkungen durch seinen Vorgesetzten Leon Vance (Rocky Carroll) mit aller Macht gegen eine Beschäftigung als Drehstuhlsheriff wehrt, nach all den Jahren nachvollziehbare Abnutzungserscheinungen? Wir werden es sehen.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 5. Oktober 2015(NCIS 13x01)
Schauspieler in der Episode NCIS 13x01
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