NCIS 12x24

Im Vorfeld von Neverland, der Finalepisode zur zwölften Staffel von NCIS, machte die Nachricht die Runde, wir dürften uns darauf einstellen, dass eine der arrivierten Figuren wohl das Zeitliche segnen würde. Dementsprechend war die Anspannung bei vielen sicherlich nicht allzu gering, wen es aus dem Team von Gibbs (Mark Harmon) wohl treffen würde. Ob das Ende dieser Folge nun tatsächlich Bestand haben wird, erfahren wir erst im kommenden Herbst, da Sender CBS kürzlich erst das langjährigen Crime-Procedural um eine 13. Staffel verlängert hat. „67694“ Angesichts des hier vorliegenden Charaktertodes wäre es ein mutiger Schritt, doch so richtig möchte man es nicht glauben, dass die Macher diesen Weg auch wagen werden.
Aus diesem Grund werden jetzt mit Sicherheit einige Stimmen in der Zuschauerschaft laut, die das Ende von „Neverland“ als einfachen Trick betiteln werden, eine Situation, aus der die Autoren in letzter Sekunde noch ihren Kopf aus der Schlinge ziehen werden. Ehrlich zugegeben, rechne auch ich damit. Und wenn es doch anders kommen sollte, dann ziehe ich meinen Hut. Doch zum jetzigen Zeitpunkt spielt es gar keine so große Rolle, ob Teamleiter Leroy Jethro Gibbs am Ende von „Neverland“ ums Leben kommt oder nicht. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie man in den letzten drei Folgen auf so einen Moment hingearbeitet und dank einer aufreibenden Inszenierung eine sehr spannende Geschichte erzählt hat, die uns als Zuschauer letztlich emotional voll abholen kann.
Inevitable
Natürlich ist „NCIS“ ohne Gibbs nur schwer vorstellbar, obwohl Mark Harmon im Gespräch mit Late Late Show-Host James Corden selbst zu verstehen gab, dass jeder ersetzbar wäre, auch in „NCIS“. Als Neueinsteiger in das Format traf mich die letzte Szene von „Neverland“ dennoch sehr überraschend. Jedoch nicht nur, weil Gibbs nun mal das Gesicht der Serie ist, sondern weil ich insgesamt einfach sehr angetan von dieser konsequenten Entwicklung der zwölften Staffel bin. So etwas hatte ich im Endeffekt nicht wirklich erwartet. Und wenn eine Fernsehserie bei mir punkten kann, dann, indem sie mich auf dem falschen Fuß erwischt und bis zur letzten Sekunde den großen Knall hinauszögern kann.
Doch wie bereits erwähnt, ist es nicht nur das, was mir an „Neverland“ sehr gut gefällt. Es sind auch ein paar andere unerwartete Entwicklungen, welche sich ergeben und die Episode auf mehreren Ebenen interessant machen. Vor allem von CIA-Agentin Joanna Teague (Mimi Rogers), die Mutter des verstorbenen Ned Dorneget (Matt Jones), und Gibbs Traumvorstellungen, in denen er seinen alten Mentor Mike Franks (Muse Watson) sieht, geht ein großer Reiz dieser Episode aus, da beide Elemente „Neverland“ zu einer Art Charakterstudie der Figur Gibbs machen.

Responsible
Teague ist nach dem Mord an ihrem Sohn komplett auf Rache fixiert und riskiert dabei sogar, eine schon länger andauernde Operation der CIA hinsichtlich der Terrorgruppe The Calling zu torpedieren. Ihre Methoden (zum Beispiel das Foltern des Terroristen Sadiq Samar) sind äußerst fragwürdig und werden von Gibbs keinesfalls gutgeheißen. Auch im Umgang mit dem jungen Luke (Daniel Zolghadri), welcher der entscheidende Schlüssel zum Terrornetzwerk sein könnte, gehen die Meinungen von Teague und Gibbs weit auseinander. Gibbs muss entscheiden, was für ein Ermittler er sein möchte, wo er die moralische Grenze zieht. Mehr als einmal sehen wir ihn in Momenten der Selbstreflexion, was dem Finale der zwölften Staffel von „NCIS“ eine sehenswerte charakterbezogene Note gibt, die gleichzeitig als Foreshadowing funktioniert, wie wir zum Ende der Folge sehen werden.
Mit dem überraschenden Auftritt von Mike Franks werden Gibbs' Selbstzweifel nur noch mehr befeuert, zwangsläufig muss er sich die Frage stellen, wie viele Agenten unter seiner Aufsicht noch ums Leben kommen müssen, bis er sich denn endlich ändern und kompromissloser auftreten wird. Doch Gibbs bleibt seiner Linie treu, selbst wenn er von dem jungen Luke die ganze Zeit gespielt wurde (Regel 36...), weil er eben ein Gewissen hat, das ihn zum Beispiel von der rachegeleiteten Joanna Teague unterscheidet, deren persönliche Verbindung zu den Ermittlungen die von ihr geforderte Rationalität in diesem Fall unmöglich macht. Gibbs kann Luke nicht aufgeben, das haben wir bereits in The Lost Boys gesehen, er kann seinen Methoden, die weitaus humaner als Mike Franks' Credo sind, nicht untreu werden. Und genau das macht die Figur Gibbs für uns Zuschauer so sympathisch, und genau das macht es auch so schwierig für uns, zu glauben, die Macher würden ihn sterben lassen, da man so im wahrsten Sinne das Herz der Serie nehmen würde.
A good agent
Der Blick auf das innere Befinden und den Charakter von Gibbs stellt eine der großen Stärken von Neverland dar, da dieser Teil der Episode sehr gewissenhaft und gleichzeitig nachvollziehbar gestaltet ist. Generell gefallen die vielen dramatischen Nuancen der Episode, da sie authentisch und sehr gefühlvoll inszeniert sind. Die Trauer des Teams um Ned Dorneget geht durchaus ans Herz, und in gewisser Weise kann man auch Teague verstehen, die um jeden Preis Gerechtigkeit für ihren toten Sohn erlangen möchte, auch wenn sie dabei über die Strenge schlägt.
Ebenfalls sehr gut gefällt mir die Abkehr von einem zu Procedural-lastigen Handlungsaufbau und die Ausrichtung auf eine zusammenhängende Geschichte, die sich über drei (und wenn nicht sogar mehr) Episoden abspielt. Mit der dubiosen Terrorgruppe The Calling liefert man sich ein brisantes Katz- und Mausspiel und am Ende führt man mit der Figur des Hauptverantwortlichen Daniel Budd einen auf den ersten Blick nicht uninteressanten Antagonisten ein, mit dem es das „NCIS“-Team in naher Zukunft wohl zu tun bekommen wird. Dieser hat es auf die alte Garde abgesehen und schwingt sich so zum neuen Feindbild Nummer eins auf. Jedoch verraten uns die Autoren noch nicht zu viel zu seinem Charakter, weshalb ihn nach wie vor etwas Geheimnisvolles umgibt, was wiederum in der 13. Staffel langsam enthüllt werden könnte. Eine clevere Entscheidung der Macher, die erwartungsvoll stimmt.
Impasse
Dass The Calling weitaus gefährlicher ist, als die Ermittler zunächst angenommen hatten, trägt ebenfalls zur Spannung bei, da man durchaus den Eindruck bekommt, das Terrornetzwerk sei seinen Verfolgern stets einen Schritt voraus. Mir gefällt, wie man sehr behutsam das Profil dieser gefährlichen Gruppierung aufbaut, vor allem für zukünftige Episoden. Im Rahmen des abschließenden Dreiteilers, in dem man bisweilen sehr ernste Töne angeschlagen hat und der „NCIS“-typische Humor eher weniger präsent war, hat man erfolgreich einen neuen Gegenspieler etabliert, der weit weniger austauschbar als viele gesichtslose Terrorgruppen zuvor wirkt.
Inszenatorisch gibt man sich in „Neverland“ ebenfalls keine Blöße. Von den bekannten Frotzeleien unter den Kollegen gibt es zwar nicht viel zu sehen, doch mir persönlich sagt es zu, dass man hier seriöser als üblich arbeitet, wodurch der Geschichte das angemessene, dramatische Gewicht verliehen wird. Die Spannung nimmt minütlich immer mehr zu, da die Ermittler den Terroristen Schritt für Schritt näher kommen. Letztlich kulminiert die Anspannung in einer packenden Szene auf einem Markt in der irakischen Stadt Zaxo, bis wohin das Team The Calling verfolgt hat. Kurz bangt man um Tony (Michael Weatherly), der von dem geheimnisvollen Daniel Budd (welcher auch schon kurz in „The Lost Boys“ während des Anschlags auf das Hotel in Kairo zu sehen war) angerufen wird. Gibbs befindet sich derweil inmitten der Menschenmenge auf der Straße, als plötzlich der vermisste Luke auftaucht, an den Gibbs immer geglaubt hatte. Doch der schießt ihn in einer dramatischen Szene nieder. War es das für Gibbs? Oder kann er gerettet werden? Ein Schocker zum Ende der zwölften Staffel, die in ihren finalen Episoden sehr viel richtig gemacht hat.

Fazit
Neverland verdient sich als letzter Akt eines packenden Dreiteilers zum Ende der zwölften Staffel von NCIS von mir eine sehr hohe Wertung - und das nicht wirklich aufgrund der Dinge, die passieren, sondern vielmehr aufgrund der Art und Weise, wie sie passieren. Die Macher gehen einen sehr konsequenten Weg und widmen sich ausgiebig einer, wenn nicht sogar der zentralsten Figur des langjährigen CBS-Formats. Das Ergebnis ist eine spannende Folge mit dramatischer Tiefe und sehenswerten Charaktermomenten, sei es von Mark Harmon selbst oder auch von Gastdarstellerin Mimi Rogers, die die Qualität mit sich bringt, jeder ihrer Szenen die nötige Würde zu verleihen.
Mit Blick auf die 13. Staffel könnte „Neverland“ spannender nicht sein, auch wenn viele Fans bereits jetzt sehr sicher davon ausgehen, dass der stoische Chefermittler wohl eher nicht über den Jordan gehen wird. Sollte dies eintreten, würde sich der Cliffhanger von „Neverland“ doch als eher unnötig erweisen, weshalb es wiederum von mir Abzüge in der B-Note gibt, da auch ich damit rechne, dass Gibbs nicht sterben wird. Entscheidend ist aber eigentlich, dass man sich für eine solche Entwicklung wie am Ende der zwölften Staffel von „NCIS“ entschieden, diese gekonnt über mehrere Episoden etabliert und zu einem sehr zufriedenstellenden, dramatischen und packenden Ende geführt hat.
In eigener Sache: Es ist den meisten Lesern hier bewusst gewesen, dass ich als Autor der Rezensionen zur zwölften Staffel von „NCIS“ noch nie zuvor eine Folge der Crime-Serie gesehen hatte. Dementsprechend konnte ich auch immer wieder die Kritik nachvollziehen, wenn einige Leser eher weniger zufrieden mit meinem Blick als Laie auf das Format waren. Doch wir von Serienjunkies.de haben von Beginn mit offenen Karten gespielt und wollten aufgrund der großen deutschsprachigen Fangemeinde von „NCIS“ weiterhin eine Plattform bieten, auf der sich die Zuschauer austauschen können. Auch ich persönlich habe mehr als einmal von diesem Austausch profitiert, weshalb ich mich für die vielen Kommentare im Laufe der Staffel bedanken möchte.
Das Experiment, komplett unbefangen an ein Format wie „NCIS“ ranzugehen, war eine interessante Erfahrung für mich. Natürlich mangelt es dann ab und zu an etwaigem Hintergrundwissen. Ich hatte dennoch meinen Spaß an den Reviews, vor allem, wenn die Folgen einen gewissen persönlichen Touch hatten, die starke Dynamik unter den Charakteren voll zum Tragen kam oder auch zusammenhängende Geschichten über mehrere Episoden erzählt wurden (siehe den finalen Dreiteiler). Die „Faszination NCIS“ hat sich mir nach einer Staffel durchaus erschlossen, weshalb auch ich nun doch sehr interessiert der kommenden 13. Staffel entgegenblicke.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 14. Mai 2015(NCIS 12x24)
Schauspieler in der Episode NCIS 12x24
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?