NCIS 12x23

Nach den aufregenden Ereignissen am Ende der Episode Troll machen die Autoren des CBS-Crime Procedurals in The Lost Boys nun genau da weiter, wo sie zuletzt aufgehört haben. Dies hat zur Folge, dass sich abermals eine durchaus spannende Geschichte entspinnt, in der sich das Team einer brandgefährlichen Terrorgruppe stellen muss, die Kinder und Jugendliche in den USA über das Internet für ihre Zwecke rekrutiert und über Leichen geht, um ihre radikalen Ziele zu erreichen.
Zwar bekommen wir es wie so oft mit einer bisher noch recht gesichtslosen terroristischen Gruppierung als Gegenspieler zu tun, der die Ermittler über mehrere Ecken versuchen, auf die Schliche zu kommen, doch vor allem dank dem sehr ordentlichen Erzähltempo, dramatischen Ereignissen sowie dem richtigen Grad an Konsequenz funktioniert „The Lost Boys“ gut. Da man die in „Troll“ begonnene Geschichte über drei Episoden ausweitet, fühlt sich das Format zum Ende seiner zwölften Staffel gleich etwas komplexer an. Die zusammenhängende Handlung weckt zumindest bei mir größeres Interesse als ein klassischer Fall der Woche.
Misguided
Nach dem Selbstmord des flüchtigen Jugendlichen und der fatalen Explosion des Busses können die Fans erst einmal beruhigt aufatmen, hat Gibbs (Mark Harmon) doch nur ein paar Kratzer davongetragen - obwohl wahrscheinlich wirklich niemand damit gerechnet hat, dass er schwerwiegender verletzt sein könnte. Der mürrische Chefermittler ist jedoch ziemlich verärgert, wurde der junge Selbstmordattentäter doch von der radikalen Community im Netz in diese selbstzerstörerische Situation gedrängt. Nun bläst das „NCIS“-Team zum Angriff und stößt so schon bald auf ein irakisches Terrornetzwerk namens The Calling, welches in den Vereinigten Staaten aggresiv um junge Menschen wirbt, die von ihresgleichen diskriminiert werden, sich dadurch schwer verletzt fühlen und sich von The Calling Hilfe versprechen.

Lost cause
Dass die leicht beeinflussbaren Kinder und Jugendlichen (daher die kleine Peter Pan-Referenz „lost boys“) letztendlich nur benutzt werden, bringt Gibbs und seine Kollegen verständlicherweise in Rage. So lassen sie sich sogar auf einen Deal mit dem bekannten Waffenhändler Agah Bayar (der wiederkehrende Gastdarsteller Tamer Hassan) ein, der ihnen bei den Ermittlungen unter die Arme greifen soll. Die Terrorgruppe akquiriert nämlich vermehrt S-Mines oder auch Bouncing Bettys, tödliche Springminen, mit denen sie einen großen Anschlag zu plant.
Es ist durchaus spannend zu beobachten, wie das Mysterium um die Terrorgruppe und die betroffenen Kinder und Jugendlichen langsam entblättert und Schritt für Schritt mehr Licht ins Ungewisse gebracht wird. Das Team kommt den eigentlichen Strippenziehern immer mehr auf die Spur. Über die Einführung eines kleinen Jungen, der ebenfalls in die Hände der Gruppe gefallen ist und für den Gibbs die Hoffnung einfach nicht aufgeben kann, bekommt das Ganze dann noch eine ansprechende persönliche Note. Gibbs mag vielleicht nicht der feinfühligste Zeitgenosse sein, doch die Szenen zwischen ihm und dem lebensmüden Teenager (übrigens sehr ordentlich von Jungdarsteller Daniel Zolghadri porträtiert) haben einen guten dramatischen Effekt, insbesondere mit Blick auf das schockierende Ende um die beiden Adoptiveltern des gehirngewaschenen Jungen.
Joining forces
Generell lassen sich in „The Lost Boys“ einige Momentaufnahmen finden, die letzten Endes ihren Teil dazu beitragen, dass man sich als Zuschauer von den Handlungen der Terrorganisation The Calling bisweilen sogar persönlich angegriffen fühlt, da deren Methoden extrem verwerflich sind und man diese als jemand mit gesundem Menschenverstand nur verurteilen kann. Dies machen die Autoren gut an der Figur des Agha Bayar deutlich, der auch nie ein Kind von Traurigkeit gewesen und gleichzeitig nicht der beste Freund von Gibbs geschweige denn Tony (Michael Weatherly) ist, aber ganz klare Prinzipien vertritt, mit denen man sich als Zuschauer sofort identifizieren kann. Radikale Terroranschläge sind nie gutzuheißen, und wenn dann noch Kinder einbezogen werden, muss eingeschritten werden.
In danger
Was in The Lost Boys außerdem recht gut gefällt, ist das flotte Tempo, welches die Episode inbesondere in ihrer zweiten Hälfe aufnimmt. So kommt es nämlich zu einem tragischen Vorfall, bei dem der sympathische Special Agent Ned Dorneget (Matt Jones) ums Leben kommt, nachdem The Calling einen Anschlag auf eine Interpol-Veranstaltung zur Bekämpfung der Terrorgruppe in Kairo verübt hat. Dorneget macht zuvor noch einen sehr lässigen und vor allem selbstsicheren Eindruck, wodurch sein Tod durchaus ans Herz gehen kann, auch wenn er nur eine Nebenfigur in der Serie ist. Dass man ihn letztlich noch zu einem Helden macht, weil er vielen Menschen durch sein beherztes Auftreten vor der Explosion der großangelegten Sprengfalle das Leben retten kann, darf natürlich nicht fehlen. Jetzt haben Gibbs und Co. in der Tat einen persönlichen Grund, die Terroristen dingfest zu machen, was sie im Staffelfinale gemeinsam mit Dornegets Mutter, CIA-Agentin Joanna Teague, angehen werden.
Überrascht war ich zuvor ein wenig von der eher ungewohnten Musikauswahl (das Lied „Friciton“ von Imagine Dragons), welche jedoch dazu beiträgt, dass die Spannung plötzlich ungemein zunimmt, sowohl in den Szenen um Gibbs in den USA als auch in Kairo bei Dorneget. Zunächst wirkte es wenig unpassend, insbesondere, als Gibbs die Leichen der Adoptiveltern des Jungen entdeckt, welche kaltblütig von The Calling umgebracht wurden. Als McGee (Sean Murray) dann jedoch aus erster Hand von einem festgenommenen Mitglied der Terrorgruppe erfährt, was deren eigentliches Ziel ist, wird man als Zuschauer von den folgenden sehr rasanten Ereignissen im Zusammenspiel mit der musikalischen Begleitung mitgerissen und gepackt. Über die sehr einfache Effektarbeit (siehe die Explosion) lässt sich natürlich wieder streiten, den Machern gelingt es aber, große Spannung zu generieren und die Episode im wahrsten Sinne mit einem Knall enden zu lassen.

A youth for the future
Die Querverbindung zu einer anderen Episode aus der zwölften Staffel, namentlich The Enemy Within, ist darüber hinaus ein nettes Detail, arbeiten die Ermittler doch kurz mit der inhaftierten Sarah Goode (Lindsey Kraft) zusammen, die mit „The Calling“ in der Vergangenheit in Berührung gekommen ist. Humorvolle Elemente gibt es diese Woche eher weniger, was angesichts des sehr ernsten Themas absolut nachvollziehbar ist. Von der Interaktion zwischen Tony, McGee und Dorneget sowie Bishops (Emily Wickersham) und Tonys Vortrag von Abbys (Pauley Perrette) Nachricht an Gibbs geht zwar ein wenig Auflockerung aus, im Großen und Ganzen sparen sich die Autoren aber die amüsanten Zwischentöne, was ich nur angemessen finde und der Episode die gewisse Ernsthaftigkeit sowie Dorneget einen gebührlichen Abschied gibt. Ein wenig eigenartig mutet jedoch Gibbs' Traumvorstellung von den dahingeschiedenen Kollegen am Ende der Folge an, was sicherlich ein netter Fanservice ist und bei vielen Zuschauern alte Erinnerungen weckt. Ein wenig zu dick aufgetragen wird hier für meinen Geschmack dennoch, von dem eher verhaltenen visuellen Effekt ganz zu schweigen.
Fazit
The Lost Boys ist eine gute Fortsetzung der dreiteiligen Handlung zum Ende der zwölften Staffel von NCIS. Die Episode punktet vor allem aufgrund ihrer packenden Inszenierung sowie einigen guten Einzelleistungen der Darsteller. Da man sich nun für die letzten drei Episoden etwas von den Procedural-Elementen der Serie entfernt hat, nimmt das Format nun noch einmal ein ganz anderes Ausmaß. Diverse Querverbindungen sowie übergreifende Handlungsstränge und der Blick auf das kommende Staffelfinale sind durchaus vielversprechend. Ich bin gespannt, was sich die Serienmacher in Neverland (und noch eine Peter Pan-Anspielung) einfallen lassen werden.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 7. Mai 2015(NCIS 12x23)
Schauspieler in der Episode NCIS 12x23
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