NCIS 12x17

Es ist eine altbewährte Formel der Serienmacher hinter NCIS, sich bei der Konstruktion einer Episode für das Crime Procedural auf die Kombination aus „Fall der Woche“ und persönlicher Geschichte einer der zentralen Figuren mit leichten dramatischen Anleihen zu verlassen. Nichts anderes können wir in der Folge The Artful Dodger beobachtet, in der Tony (Michael Weatherly) und die Beziehung zu seinem Vater ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt werden, während das Team um Gibbs (Mark Harmon) zeitgleich in einem verschachtelten Kriminalfall ermittelt, der die Beteiligten in die Welt des internationalen Schwarzmarkthandels für Kunstgegenstände hineinzieht.
Problematisch ist jedoch, dass „The Artful Dodger“ nie über seinen Status hinauswächst. Eshandelt sich zwar um eine durchaus nette und bisweilen recht charmante Erzählung, doch letzten Endes lässt sie eine emotionale Wucht vermissen, die den Zuschauer ergreifen und wirklich berühren könnte. Hinsichtlich der wöchentlichen Ermittlungen lässt man sich zwar mal etwas anderes einfallen, jedoch gestaltet sich die Auflösung sehr unspektakulär und präsentiert uns zudem ein paar irritierende Momentaufnahmen, die Fragen aufwerfen.
Out of the loop
Der Vergleich von „The Artful Dodger“ mit der starken Episode House Rules aus der aktuellen zwölften Staffel von „NCIS“, in der erst am Ende deutlich wurde, dass McGee (Sean Murray) keinen Brief, sondern eine Trauerrede in Gedenken an seinen verstorbenen Vater verfasste, ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Schließlich gibt es zwischen diesen beiden Episoden große dramatische Unterschiede. Dennoch kommt man nicht umher festzustellen, dass „House Rules“ deutlich besser als „The Artful Dodger“ ist, was schlichtweg daran liegt, dass man als Zuschauer in „House Rules“ auf einem ganz anderen emotionalen Level angesprochen wird.

Works like a charm
In „The Artful Dodger“ probiert man sich daran, ebenfalls etwas Tiefe in die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu bringen, jedoch kratzt man dabei nur an der Oberfläche der Charaktere, was der sehr persönlichen Thematik ein wenig das Gewicht nimmt. In „House Rules“ öffnet sich uns McGee emotional in jeglicher Hinsicht, wodurch die Figur nicht nur hervorragend als dramaturgischer Fixpunkt der Episode funktioniert - auch ihre Gefühlslage (aufgrund des Verlust einer wichtigen Person in ihrem Leben) ist absolut greifbar und rührt zu Herzen. Genau das verpassen die Macher wiederum bei Tony, den man zuletzt erst in Cadence eine perfekte Bühne gab, um in dieser Hinsicht zu glänzen. Eine komplexe Ergründung der Beziehung zu seinem Vater hätte der Figur womöglich eine weitere neue Seite gegeben, die uns hier leider vorenthalten wird.
Natürlich bekommen wir in „The Artful Dodger“ einen gewissen Einblick in die Vater-Sohn-Dynamik zwischen Tony und seinem Senior, doch zu oft hatte ich den Eindruck, man würde diese nur als einfaches Mittel für ein paar charmante Comic Relief-Momente nutzen. Man versucht zwar noch zum Ende der Episode, eine etwas emotionalere Schiene zu fahren, die großen Gefühle blieben bei mir jedoch aus. Da ärgert man sich schon über diese verpasste Chance, so charmant auch einige Momentaufnahmen sind, in denen Gastdarsteller Robert Wagner das bekannte DiNozzo-Charisma zum Besten gibt.
Questionable stuff
Tony selbst ist in The Artful Dodger gleich mehrfach irritiert, was vor allem daran liegt, dass sein Vater plötzlich zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen in einem Mordfall an einem Navy-Angehörigen wird. Für Papa DiNozzo stellt dies eine willkommende Ablenkung dar, wurde er doch gerade erst von seiner Verlobten hintergangen. Recht schnell erschließt sich dem Team, dass ein Gemälde eine bedeutende Rolle in ihren Ermittlungen spielt und sie es mit einem Kunstdiebstahl sowie einer Kunstfälschung zu tun haben. Die Idee ist eigentlich recht frisch und unverbraucht, und so zeigt man als Zuschauer anfänglich doch Interesse daran, wie sich das Puzzle hier Stück für Stück zusammensetzen wird. Mit DiNozzo Sr. als Experte für den Schwarzmarkthandel von Kunstobjekten erhoffen sich Gibbs und Co. derweil wertvolle Insiderinformationen, die eventuell bei der Lösung des Rätsels hilfreich sein könnten.
Etwas schade ist nur, dass die Geschichte zum Ende hin eine recht generische Wendung nimmt. Abermals hat eine x-beliebige Terrorgruppe ihre Hände im Spiel: Sie versteckte eine Wanze in dem Gemälde, das unter anderem im Büro des US-Verteidigungsministers hing. Auch die Enthüllung der Freundin des Mordopfers als kalkulierendes Mastermind, die für ihren Auftraggeber das Gemälde beschaffen sollte und natürlich am Ende ihren ganzen Plan in voller Länge vorträgt, fühlt sich ein wenig uninspiriert an. Hinzu kommen ein paar störende Details, wie zum Beispiel die all zu offensichtliche Handfeuerwaffe in der Tasche der vermeintlichen Mörderin oder auch der eigenartige Auftritt eines vielgesuchten Terroristen, der zu den gefährlichsten Zeitgenossen seiner Art gehören soll. So naiv, wie er sich hier anstellt (wenn er so clever ist, warum taucht er bei dem Gespräch höchstpersönlich auf?), bekommt man eher Zweifel an dessen Kompetenz.
Nice talk
Derartige Szenen können schon ein wenig nervig sein und einem den Spaß an der Episode nehmen, für den andernorts durchaus gesorgt ist. Tony auf verlorenem Posten ist mal nicht Herr der Lage und wirft mit lässigen Sprüchen um sich. Und auch seine Interaktion mit Müllcontainer-Taucherin Bishop (Emily Wickersham) oder McGee, der sich kurzfristig als Tony ausgibt, macht Spaß. Eine Karriere als Fotomodel sollte er jedoch vielleicht überdenken...

Donald „Granducky“ Mallard (David McCallum) bekommt ebenfalls ein paar nette Szenen zugeschustert, und nach längerer Abwesenheit darf auch der vom neuerlichen Vaterglück beseelte James Palmer (Brian Dietzen) mal wieder in Erscheinung treten. Seine Unterhaltung mit Tony nimmt letztlich eine sehr komödiantische Wendung. Zuvor bekommen wir von den beiden jedoch genau das zu sehen, wovon ich mir vielleicht etwas mehr gewünscht hätte: eine aufrichtige, tiefgreifende Konversation über das Vatersein sowie über die Verantwortungen, die damit einhergehen. Es muss ja nicht zu schwülstig und pathetisch sein, aber insgesamt bietet mir „The Artful Dodger“ emotional zu wenig an, um wirklich von Tonys Problemen in der Beziehung zu seinem Vater berührt zu sein. Dessen Erklärung, warum er eben kein Trickbetrüger, sondern ein Unternehmer ist (weil er an die Träume glaubte, die er andere Leute verkaufte), gerät mir persönlich dann auch ein wenig zu schwammig. Ich bleibe dabei: Hier wurde auf emotionaler Ebene reichlich Potenzial liegen gelassen.
Fazit
Die Autoren verpassen in The Artful Dodger die Chance, aus ihrem zentralen Handlungsstrang um Tony und seinen Vater genug herauszuholen, um eine packende Aussage zum Thema Vater-Sohn-Beziehung zu entwickeln. Dies ist den Machern in der aktuellen Staffel schon weitaus besser gelungen, und so ist es schon ein wenig schade, dass „The Artful Dodger“ zumindest emotional stark verpufft. Dafür bekommen wir jedoch ein paar sehr angenehme Momentaufnahmen präsentiert, in denen die Darsteller sympathisch auf den Plan treten und so gekonnt zum generellen Charme der Episode betragen. Der Kriminalfall der Woche sagte mir persönlich anfangs noch sehr zu, dann verfällt man jedoch in alte Mechanismen, die sich hier etwas verbraucht anfühlen. „The Artful Dodger“ ist bestimmt nicht die schlechteste Episode der zwölften Staffel von NCIS, aber für meinen Geschmack geht es doch deutlich besser.
Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 11. März 2015(NCIS 12x17)
Schauspieler in der Episode NCIS 12x17
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