NCIS 12x14

NCIS 12x14

Die Episode Cadence nimmt im Laufe der Handlung wie gewohnt einige genretypische Wendungen, jedoch entfaltet sie auch eine ausgezeichnete Emotionalität, die vor allem von der sehr persönlichen Note der Folge herrührt. Darüber hinaus schlägt man erneut gekonnt einige kritische Töne an.

Bishop (Emily Wickersham) und Tony (Michael Weatherly) ermitteln an der Remington-Militärakademie. / (c) CBS
Bishop (Emily Wickersham) und Tony (Michael Weatherly) ermitteln an der Remington-Militärakademie. / (c) CBS

In der kurzen Zeit, in der ich nun ein wenig intensiver dem CBS-Crime-Procedural NCIS gewidmet habe, haben sich bisher vor allem zwei Handlungsmuster einer Episode herauskristallisiert, die mir persönlich immer wieder zusagen. Zum einen wäre da die nahtlose Verknüpfung zwischen „Fall der Woche“ und übergreifender Rahmenhandlung, also Folgen, in denen die Balance zwischen diesen beiden Pole nahezu perfekt gehalten wird.

Zum anderen zähle ich die eher charakterorientierten Episoden des Formats, in denen der Fokus zumeist auf eine Figur gelenkt und diese somit genauer beleuchtet wird, zu meinen persönlichen Favoriten. Allein der Gedanke an das Mid Season-Finale dieser zwölften Staffel (House Rules) stimmt mich sofort wieder traurig. Hier führte man beispielhaft vor Augen, wie eine Folge mit sehr persönlichem Ansatz hervorragend funktionieren kann.

Truth. Valor. Duty.

Cadence gehört ohne Zweifel zu letzterer Kategorie und gibt sich kaum eine Blöße, seine Zuschauer nicht nur emotional abzuholen, sondern auch eine der Hauptfiguren des Formats wunderbar in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken und bisweilen sehr nuanciert deren Charakter sowie seelisches Innenleben zu ergründen. Lobenswert ist zusätzlich, dass man offen Kritik an alteingefahrenen Institutionen der amerikanischen Militärkultur übt. Somit wagt man sich in komplexere Themengebiete und formuliert eine eindeutige Botschaft. Auch dies ist eine Stärke der langjährigen Serie, die zuletzt immer wieder ausgespielt wurde.

Diese Woche nimmt niemand Geringeres als Sprücheklopfer Tony (Michael Weatherly) eine prominente und sehr zentrale Rolle in der Handlung ein. Dabei folgen die Macher zunächst gewohnt klassisch einem Mordfall der Woche, jedoch entwickelt die Episode mit fortschreitender Handlung einen weitaus interessanteren Drall, als dass man sich nur einer generischen Mordermittlung widmet. Wir erfahren mehr über Tony selbst, der eine eher verschlossene Seite seines Charakters an den Tag legt und so die Zuschauer emotional berühren kann. Darsteller Michael Weatherly liefert im Zuge dessen eine starke schauspielerische Leistung ab und trifft die verschiedenen Töne seiner Figur ausgezeichnet.

Der junge Tony (Phillip Fallon) und Coach Tenner (Steve Harris) in %26bdquo;Cadence%26ldquo; © CBS
Der junge Tony (Phillip Fallon) und Coach Tenner (Steve Harris) in %26bdquo;Cadence%26ldquo; © CBS

A grown man

Der undurchsichtige Mord an dem ehemaligen Musterschüler John Wallace der renommierten Remington-Miltärakademie wirft für das Team um Chefermittler Gibbs (Mark Harmon) anfänglich einige Fragen auf. Antworten auf diese erhoffen sie sich von einem Besuch bei der Militärschule, die zur Überraschung McGees (Sean Murray) und Bishops (Emily Wickersham) auch Tony als Jugendlicher besuchte. Der sonst so nonchalante Springinsfeld wird bei diesem Thema jedoch ziemlich schmallippig und macht dabei sogar fast seinem Chef Gibbs Konkurrenz.

An der Schule stellt sich dann heraus, dass der in einem abgelegenen Waldstück gefundene Tote eine Beziehung zu einem der weiblichen Kadetten hatte, was den Richtlinien der Einrichtung widerspricht. Diese junge Dame begang jedoch kurz vor dem Mord an Wallace Selbstmord, was ihren Freund zornig stimmte und dazu veranlasste, herauszufinden, was wirklich hinter dem Tod seiner großen Liebe steckte. Die folgenden Ermittlungen legen jedoch mehr als nur ein paar dunkle Geheimnisse offen, die die Militärakademie umgeben, was auch bei Tony einige unangenehme Erinnerungen weckt.

Take a stand

Die Reise in die Vergangenheit für Tony wird hier immer wieder durch kleinere Rückblicke kenntlich gemacht, die die gemischten Erfahrungen des damals Siebzehnjährigen gut einfangen. Tony war schon als Jugendlicher nicht ganz einfach zu kontrollieren. Die Militärschule sollte ihn disziplinieren und wieder in die richtigen Bahnen lenken, wie so viele andere Minderjährige, die mit privaten Problemen zu kämpfen haben. Einen Mentor fand der junge Tony (Phillip Fallon) dabei in Coach Tenner (gespielt von Steve Harris, der hier einen netten kleinen Gastauftritt feiert), der nach Jahren sogar zum Hochschulleiter aufgestiegen ist. Tonys Erinnerungen an seine Schulzeit sind jedoch alles andere als schön, denn auch, wenn er dort einige wichtige Erfahrungen fürs Leben sammeln konnte, die Remington-Militärakademie hatte und hat nach wie vor einige Schattenseiten, die der Öffentlichkeit unbekannt sind.

Raging hormons

Wie bereits erwähnt finde ich den hier gewählten Ansatz, den Plot voranzutreiben, äußerst gelungen. An gewissen Stellen scheint es sogar fast so, als würde man die Ermittlungen um den Mord an Wallace bewusst ruhen beziehungsweise im Hintergrund laufen zu lassen, um sich zwei wichtigeren Aspekten zu widmen. Zum einen Tony, dessen Charakterprofil sehenswert und überzeugend ausgebaut wird, und zum anderen einer Problematik, die mit Sicherheit an vielen militärischen Lerneinrichtungen in der USA (und der ganzen Welt) akut ist: ein zweifelhaftes Traditionsverhalten, das Menschen schreckliche Dinge tun lässt.

In Cadence stößt man nachhaltig die Diskussion zu diesem Thema an, das, wie viele andere Tabuthemen (von denen in NCIS schon viele behandelt wurden, siehe We Build, We Fight), oft unter den Tisch fällt. Letztendlich stellt sich hier nämlich heraus, das ein sogenanntes „Honor Corps“, eine Gruppe von Schülern der Militärakademie, dafür verantwortlich war, dass die Freundin von Wallace Selbstmord begang. Dieses „Honor Corps“ setzt sich für die Einhaltung des Kodexes an der Akademie ein und drangsaliert all diejenigen, die dagegen verstoßen unter dem Vorwand, die Tradition der altehrwürdigen Institution zu bewahren.

Lost causes

Diese scheinheilige Argumentation treibt mir in „Cadence“ mehr als einmal die Zornesröte ins Gesicht, da man die willkürliche Schikanierung und körperliche sowie psychische Misshandlung seinesgleichen in keinster Weise rechtfertigen kann. Auch Tony ist sich dessen und des Umstandes bewusst, dass er einst Teil einer solchen Einrichtung war, bei der derartiges Verhalten als traditionell und ehrbar erachtet wurde und wird, damit die Werte der Remington-Militärakademie nicht verloren gehen. Doch diese Werte werden schlichtweg völlig falsch interpretiert und gelebt, wie es Gibbs letztendlich dem alten Mentor von Wallace mehr als deutlich macht, der seinen einstigen Protegé kaltblütig ermorderte, weil dieser gegen die schreckliche Tradition des „Honor Corps“ vorgehen wollte.

Eine fast herzzereißende Szene zwischen Tony und einem alten Mitschüler zeigt, dass auch Tony Schuld empfindet, da er schon damals von dem „Honor Corps“ wusste, jedoch untätig geblieben war. Anhand Tenners, der den fragwürdigen Traditionen der Militärschule den Kampf ansagen wollte, letztendlich jedoch versagte, steigt unser Ansehen für Tony nur noch umso mehr, da er eindeutig Stellung zu der Thematik bezieht und gleichzeitig das Sprachrohr der Autoren darstellt, die jedwede Art von bullying (ob nun aufgrund antiker Traditionen oder nicht) zu recht verteufeln und indirekt dazu aufrufen, sich mit aller Macht dagegenzustellen.

Tony (Michael Weatherly) und Bishop (Emily Wickersham) auf der Suche nach Antworten © CBS
Tony (Michael Weatherly) und Bishop (Emily Wickersham) auf der Suche nach Antworten © CBS

Natürlich verläuft die Auflösung des Kriminalfalls nach dem bekannten Muster, dass zunächst einige mehr oder minder offensichtlich falsche Fährten gestreut werden und dass der Mörder eine Figur ist, die ganz nebenbei als unauffälliger Charakter eingeführt wird und letztendlich wenig verblüffend der Täter ist. Jedoch stört dies alles weniger, da hier viele Zahnräder gekonnt ineinandergreifen, die Macher clever ihre Geschichten erzählen und mit Tony ein Charakter im Zentrum steht, der die entscheidenden Szenen der Episode ausgezeichnet tragen kann, auch dank eines sehr gut aufgelegten Michael Weatherlys.

Fazit

Cadence hat mir persönlich sehr viel gegeben und zeigt eindrucksvoll, dass es auch ohne rasante Action oder einen extrem packenden Plot möglich ist, eine starke Episode des Formats zu fabrizieren. Die Autoren erzählen hier sehr gefühlvoll und tiefgreifend eine thematisch relevante Geschichte, die aufzeigt, wie viel Komplexität die Serie in sich trägt - bitte mehr davon. Darüber hinaus dürfen wir uns natürlich an der sehr guten Dynamik unter den verschiedenen Figuren und vielen kleinen auflockernden Momenten erfreuen.

Allein Mark Harmon hat gleich mehrere sehr amüsante Szenen (Stichwort „GPS REM thingy“). Auch Bishops Bemühungen, das Verhältnis unter den Kollegen weiter auszubauen, sind recht kurzweilig. Etwas versteckt geht man dann sogar noch auf die übergreifende Handlung der Staffel um Terrorist Mishnev (Alex Veadov) ein, als sich Gibbs an Bishops Ehemann und NSA-Agent Jake (Jamie Bamber) wendet. „Cadence“ lebt aber vor allem von seiner respektvollen Auseinandersetzung mit einem Problemthema, Tony als emotionalen Fixpunkt, zu dem wir immer wieder zurückkehren, und vielen tollen Charaktermomenten.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 12. Februar 2015
Episode
Staffel 12, Episode 14
(NCIS 12x14)
Deutscher Titel der Episode
Der Mentor
Titel der Episode im Original
Cadence
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 10. Februar 2015 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 30. August 2015
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 21. August 2015
Autor
Christopher Silber
Regisseur
Tony Wharmby

Schauspieler in der Episode NCIS 12x14

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