NCIS 12x08

Auf den ersten Blick wirkt Semper Fortis wie eine der eher unspektakulären Episoden des „Crime Procedural“ NCIS. Und auch auf den zweiten Blick sucht man vergebens nach einem extrem ausgefallenen Mordfall der Woche, der den Hauptteil der Handlung einnehmen könnte. Vielmehr vertraut man hier auf eine ruhige Erzählung der Handlung, die durchaus kritisch mit einigen Unstimmigkeiten in der amerikanischen Gesetzgebung umgeht.
Dieser Aspekt sorgt wiederum für eine sehr interessante Episode, in der man mehrfach mit dem Kopf schütteln muss, da einige Gesetze in den Vereinigten Staaten in der Tat sehr bizarr anmuten. Über eine eher persönliche Geschichte, in der Gibbs (Mark Harmon) sich für eine ehemalige Angehörige der Navy einsetzt, thematisiert man so gekonnt ein schwerwiegendes Problem des US-Justizsystems. Gleichzeitig gelingt es, beim Zuschauer einige emotionale Knöpfe zu drücken und darüber hinaus auch die Dynamik unter den einzelnen Teammitgliedern gut einzusetzen.
Marlboro man qualities
Gerade bei letzterem tue ich mich als „NCIS“-Laie ja des Öfteren ein wenig schwer, da mir schlichtweg der emotionale Bezug eines langjährigen Fans des Formats fehlt. Umso hilfreicher ist es, dass man mit der Figur der Eleanor Bishop (Emily Wickersham) einen Charakter hat, der ebenfalls erst seit kurzer Zeit Teil der „NCIS“-Crew ist. Sie muss selbst noch einige Eigen- sowie Besonderheiten ihrer Kollegen entschlüsseln, die auch mich vor Fragen stellen.
So verwundert mich sowie Bishop zum Beispiel McGees (Sean Murray) und Tonys (Michael Weatherly) auffälliges Verhalten, als sie erfahren, dass sich Burt (Johann Urb) nun bereits zwei Monate mit Abby (Pauley Perrette) trifft und alles perfekt zu verlaufen scheint. Natürlich kann ich mir denken, dass bei der Reaktion der Kollegen hier irgendetwas im Busch sein muss. Abby verfügt also über eine besondere Liste, auf der haarklein all die Kriterien niedergeschrieben sind, die ihr Freund erfüllen muss, damit sie mit ihm glücklich sein kann. Ebenso gibt es einem mal wieder einen guten Einblick in das Team um Chefermittler Gibbs, dass McGee der pfiffigen Analystin aus persönlicher Erfahrung dazu rät, nicht zu früh über Burt zu urteilen.
Wie so oft ist dieser Teil der Episode, das Hin und Her unter den Kollegen, recht charmant verpackt und mit kleinen amüsanten Einlagen (darunter eine wunderbare „Hannibal“-Referenz vonseiten Tonys) gespickt. Sowohl die komödiantischen und sehr auflockernden Momente als auch die etwas ernsteren Szenen, in denen zum Beispiel Abby und McGee deutlich machen, dass sie sich schon sehr lange kennen und gerade letzterer immer Acht auf Abby geben wird, funktionieren hier gut und stehen exemplarisch für eine der Stärken des Formats.

Doing what's right
Was mir ebenfalls gut in „Semper Fortis“ gefällt, ist, wie bereits erwähnt, der Umgang mit einem eher brisanten Thema, das über den Serienkosmos von „NCIS“ hinausgeht. Bereits letzte Woche arbeitete man in The Searchers passend zum Veteran's Day (danke noch einmal für den Hinweis in den Kommentaren) mit einem aktuellen Bezug. Auch diese Woche präsentiert man uns eine Geschichte, die etwas tiefgreifender ist und durchaus als kritischer Kommentar gewertet werden kann.
Dafür muss man sich erzählerisch nicht einmal groß verrenken, vielmehr besticht man mit der Effektivität der Geschichte um eine heldenhafte Hilfeleistung einer Navy-Sanitäterin, die paradoxerweise aufgrund der Gesetzeslage angeklagt wird. Die Handlung, in der das eigentliche Verbrechen (ein mutwilliger Mord durch einen unehrenhaft entlassenen Exsoldaten) erneut eher zweitrangig ist, kommt ab und an sicherlich ein wenig ins Stottern. Größtenteils überzeugt „Semper Fortis“ jedoch, da der Aufbau der Episode gut strukturiert ist und die verschiedenen Elemente der Folge ansprechend in Einklang miteinander gebracht werden.
No good deed
Nach einem schweren Autounfall, bei dem der Navy-Soldat John B. Hicks (Anthony Hill) während seines Heimaturlaubs ums Leben kommt und zwei seiner Freunde schwer verletzt werden, reagierte die ehemalige Navy-Sanitäterin und verdiente Kriegsveteranin Anna Dillon (Laura Seay) geistesgegenwärtig. So konnte sie zumindest das Leben der beiden Freunde von Hicks retten. Überraschenderweise muss sich die kompetente Exsoldatin dann aber einer Klage durch die Staatsanwaltschaft stellen, da sie ohne gültige Zulassung an zwei Menschen herumgedoktort und somit deren beider Leben gefährdert hat.
Dass diese ohne Dillons Hilfe mit großer Wahrscheinlichkeit gestorben wären, spielt keine Rolle, wie der verantwortliche Sheriff Norwood (Sherman T. Harper) immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt: Das Gesetz ist nun mal das Gesetz und Dillon nach dessen Auslegung schuldig. Gleich mehrfach wird hier von einem ungeheuerlichen Fehler im System gesprochen, der für große Verwunderung meinerseits sorgt. Getoppt wird dies nur noch von der Tatsache, dass Sanitäter der Army oder Airforce nach Dienstaustritt eine gültige Lizenz als Nothelfer besitzen, Navy-Angehörige wie Dillon jedoch ohne dementsprechende Zertifizierung verabschiedet werden.
Here to help
Für den alten Navy-Haudegen Gibbs ist es da schon selbstverständlich, Dillon zu unterstützen und für ihren rechtlichen Beistand zu kämpfen. Nicht nur die fehlende Gleichberechtigung innerhalb der verschiedenen amerikanischen Streitkräfte, sondern auch die fragwürdige Gesetzeslage an sich frustriert einen als einfachen Beobachter. Dass man sich hier sehr deutlich zu diesen Problemen im Justiz- und Militärsystem äußert und eindeutig Stellung bezieht, finde ich gut und lobenswert. Es muss nicht immer ein politisches Statement sein, aber an dieser Stelle ziehen die Serienmacher die thematisierte Problematik stimmig auf, sodass sie überzeugend darauf hinweisen können, was in der wirklichen Welt für Mängel vorliegen.
Auch das Schicksal Dillons nach ihrem Dienstaustritt wird kurz angerissen, womit man ein weiteres Fass öffnet, das immer aktuell bleiben wird: Inwiefern gelingt Kriegsveteranen, die in Konflikten in Übersee eingesetzt waren, die Rückkehr in ihre Heimat? Oft finden sie keinen Platz in der Gesellschaft und ihre Reintegration verläuft dann eher schleppend, da viele Programme der Regierung nicht richtig greifen. Natürlich ist das hier von Gibbs und seinem Team gezeichnete Bild eher idealistisch angehaucht. Das inoffizielle Motto der Navy „Semper Fortis“ - immer stark, vor allem für deinesgleichen (Dillon) - wird vollends bedient.

Fix the system
Doch da man in Semper Fortis ob der seltsamen Gesetze irgendwann ähnlich frustriert wie Gibbs und Co ist, stellt man sich schnell auf die Seite der Beteiligten und ihrem Vorhaben, Dillon zu helfen, da dies nur logisch ist. Es ist schon ein wenig bizarr, wie sehr die Verurteilung Dillons in den Vordergrund rückt, während der eigentliche Mörder von Hicks nach wie vor auf freiem Fuß ist. Auch dies kann man als geschickten Kommentar der Autoren sehen, die kein gutes Haar an den Behörden lassen. Letztere wollen mit aller Macht ein Gesetz durchsetzen, das sich dem gesunden Menschenverstand nicht erschließt.
Schlussendlich wird der für den Unfall Verantwortliche in einer recht lässigen Szene gestellt, ein fingierter Selbstmord des ersten Verdächtigen konnte das Team nicht von der Spur abbringen. Doch weitaus befriedigender ist natürlich der Schlusspunkt der Episode, als Anna nur zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wird und der Gerechtigkeit genüge getan wurde. Natürlich auch dank des Einsatzes von Gibbs' alter Bekannten Carrie Clarke (Salli Richardson) und den Familien der Unfallopfer. Ohne Frage - man kann die Notwendigkeit bestimmter Gesetze nachvollziehen, doch bei manchen wundert man sich schlichtweg, warum diese überhaupt so konzipiert wurden.
Fazit
Semper Fortis ist in meinen Augen eine weitere gute Episode der zwölften Staffel von NCIS, in der man direkt Missstände in der amerikanischen Gesetzgebung thematisiert und so wiederum eine interessante Geschichte erzählen kann. „NCIS“ zeigt, dass man auch mit einfachen Mitteln und einer sehr themenbezogenen Handlung für ansehnliche Fernsehunterhaltung mit Substanz sorgen kann. Gerne mehr davon.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 20. November 2014(NCIS 12x08)
Schauspieler in der Episode NCIS 12x08
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