NCIS 12x05

Der übergeordnete Handlungsbogen der zwölften Staffel von NCIS muss sich diese Woche abermals hinten anstellen. Dafür präsentiert man uns jedoch einen Fall der Woche, der auf dem Papier eigentlich reichlich Spannung verspricht: die Entführung eines Containerschiffs. Gibbs (Mark Harmon) also auf sich allein gestellt gegen eine Gruppe von Piraten - ein verschachtelter Kriminalfall mitsamt einer an und für sich recht schlüssigen Auflösung...
Ein wenig enttäuschend ist jedoch, dass man aus diesen Voraussetzungen ein eher einfaches Endprodukt fabriziert, das mit ein paar Anpassungen wesentlich turbulenter und unterhaltsamer hätte sein können. The San Dominick hat zwar ein paar recht kurzweilige Momentaufnahmen in petto. Irgendwie werde ich jedoch den Eindruck nicht los, dass hier einfach mehr drin gewesen wäre.
Kobayashi Maru
Wie bereits erwähnt befindet sich die „NCIS“-Crew diese Woche auf hoher See, genauer: auf einem kleinen Flottenmanöver, das man gemeinsam mit der Küstenwache abhält. Während dieser Übung werden unter anderem die Fähigkeiten der Ermittler auf die Probe gestellt und so durchläuft zum Beispiel Bishop (Emily Wickersham) einen Test, den sie gar nicht bestehen kann und folglich auch in den Sand setzt. Das wurmt die strebsame Analystin gewaltig, ist diese Prüfung doch offensichtlich ein fieser Trick, den niemand meistern kann - außer einer Person natürlich: Teamleiter Gibbs.
Dieser macht wenig später in den Wellen des Ozeans eine Wasserleiche aus, die von einem Frachtschiff zu stammen scheint, das sich laut Radar nicht weit von dem Manöver befindet. Gemeinsam mit der alten Bekannten Borin (Diane Neal) von der Küstenwache beschließt der schmallippige Gibbs, der Herkunft des Toten und der Ursache seines Ablebens auf den Grund zu gehen. Bei dem Frachtschiff „San Dominick“ angekommen, entspinnt sich dann nach einem kurzen Vorgeplänkel ein Geiseldrama, bei dem Gibbs in die Hände von mutmaßlichen Piraten fällt, die das Schiff wiederum unter ihre Kontrolle gebracht haben. Doch der Entführungsfall wirft einige weitere Fragen auf und während Gibbs sich an Bord der „San Dominick“ beweisen muss, arbeiten seine Leute an der Lösung der Geiselnahme sowie der Aufklärung der eigentlichen Beweggründe für die Kaperaktion.

You're bueno
Die Idee, Haudegen Gibbs von seinem Team zu trennen und ihm und seinen Fähigkeiten eine Bühne zu geben, sagt mir grundsätzlich zu. Ehrlich zugegeben hatte ich mir dennoch ein wenig mehr von dieser Ausgangslage erhofft. Zweifellos wird Gibbs mit seiner unaufgeregten Art und stets beinharten sowie unbeeindruckten Attitüde (ob er oder die Geiseln nun bedroht werden oder nicht) seinem Status als Navy-Legende und Figur schlechthin in NCIS gerecht.
Aber gerade als jemand, der erst seit kurzem dem Format seine Aufmerksamkeit schenkt, hätte ich mich hier auch mit einer deutlich überzeichneten Episode anfreunden können, in der Gibbs' Talente voll und ganz zur Entfaltung kommen. Seien es seine ruhigen Züge, wie zum Beispiel in der Verhandlung, oder auch seine brachialen Fertigkeiten. Die Handlung um Gibbs mag solide und ordentlich umgesetzt sein, aber warum macht man daraus nicht gleich das von Tony angesprochene „Stirb Langsam auf einem Boot“? Es muss ja nicht extrem hanebüchen und unrealistisch werden. Etwas knackiger und actionreicher hätte es für meinen Geschmack aber allemal sein können.
Off course
So nimmt nämlich eine einfache Ermittlung zum Entführungsfall keinen unwesentlichen Teil der Handlung ein, die jedoch nicht besonders interessant und eher Standardware ist. Das macht die verpasste Chance einer möglichen bottle episode um Gibbs im packenden Solokampf gegen eine Handvoll Fieslinge umso bedauerlicher. Die parallele Schnitzeljagd nach Hinweisen von McGee (Sean Murray), Bishop und Abby (Pauley Perrette) macht dafür aber zumindest den witzigsten Teil dieser Episode aus, was vor allem an McGees kurzzeitiger Verwandlung in „McGibbs“ liegt.
Der pfiffige Nerd („Star Wars“ ist auf keinen Fall gleichzusetzen mit „Star Trek“!) wird in Abwesenheit von Gibbs und DiNozzo (Michael Weatherly) von letzterem nämlich zum Boss erklärt, was zur Folge hat, dass sich McGee recht zügig die Manierismen von Gibbs aneignet. Dies sorgt vor allem bei Abby für Verwirrung, die McGee hier mal von einer ganz anderen Seite zu sehen bekommt. Ihm selbst scheint seine befristete Position als Chef aber zuzusagen und, als er sich am Ende des Tages noch einmal an Gibbs' Platz setzt, sieht man schon ein kleines Funkeln in seinen Augen ob der Aussicht, eines Tages vielleicht selbst Teamleiter zu werden. Gibbs, der etwas verdutzt im Hintergrund steht, fällt hier ein gewohnt trockener Kommentar ein, der McGees vorangegangenes Aufstellen einer McGibbs'schen Regel süffisant infrage stellt.
In control
Während man seinen Spaß mit diesem Element der Nebenhandlung hat, entschlüsselt das Team in Washington zeitgleich den seltsamen Entführungsfall, bei dem der Kapitän (verkörpert vom beispielsweise aus Justified und Supernatural bekannten Seriendarsteller Jim Beaver) des Frachtschiffs seine Hände mit im Spiel hatte. Über einen Container an Bord des Schiffes wurde in regelmäßigen Abständen Drogengeld um die Welt geschippert, das sich der Kapitän gemeinsam mit dem Anführer der Piratencrew (die eigentlich gar keine Piraten, sondern nur angeheuerte Kleingauner sind) unter den Nagel reißen wollte. Den Anführer, dessen Wasserleiche man fand, brachte der Kapitän jedoch um die Ecke, um zum einen persönliche Rache für eine frühere Schiffsentführung zu nehmen und zum anderen, um das erbeutete Drogengeld nicht teilen zu müssen.

Um sich dann komplett von der Altlast seines Kahns und des Verdachts befreien zu können, brachte er dann noch eine Bombe im Container an Bord des Frachters unter, die Gibbs letztendlich in all seiner Ruhe und Coolness entschärfen und damit DiNozzo und Borin einen ordentlichen Schreck einjagen kann. Die Auflösung des Falls ist durchaus durchdacht, auch wenn sich die Geschichte oft etwas zu umständlich und verkopft darstellt. Gibbs kann am Ende der Episode zwar noch einmal durch seine Lässigkeit punkten und zuvor mit seinem kühlen Kopf bei der Auflösung der Geiselsituation bestechen. Aber ich bleibe dabei: Mit etwas mehr Mut in Sachen Inszenierung sowie mehr Tempo und weniger NCIS-Einheitsbrei hätte The San Dominick eine weitaus unterhaltsamere und spannendere Episode des Crime-„Procedural“ werden können.
Fazit
Zu Beginn von The San Dominick hatte ich die leise Hoffnung, dass man uns hier vielleicht eine etwas ausgefallenere Folge des Formats servieren würde. Letztendlich lässt man aber an vielen Stellen Potential liegen, was ein wenig schade ist. Die Episode an sich funktioniert gut und hat ein paar spannende sowie charmant-witzige Szenen zu bieten. Ein wenig Enttäuschung macht sich bei mir dennoch breit, denn hier war gefühlt mehr möglich, als letzten Endes geboten wird. Doch vielleicht ist das nur meine Erwartungshaltung als Neueinsteiger, während NCIS-Fans der ersten Stunde mit einem derartigen Handlungsverlauf schon rechnen.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 23. Oktober 2014(NCIS 12x05)
Schauspieler in der Episode NCIS 12x05
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