Magic City 2x04

© as Beste kommt zum Schluss: Vera Evans (Olga Kurylenko) bei ihrem groĂen Auftritt. / Foto (c) Starz
Die Retroserie Magic City versucht derart verkrampft, ein groĂes, umfassendes Panorama des Miami der frĂŒhen 1960er Jahre zu sein, dass es sich oftmals in der Vielzahl von Details vielen Details verlĂ€uft. So verliert die Geschichte an Konsistenz, sie kommt einem eher als Aneinanderreihung von kleinen Stories vor, die nebeneinander her laufen, sich aber kaum durchmischen. In Adapt or Die war dies erstmals gelungen, die Geschichte konzentrierte sich auf Ike Evans' (Jeffrey Dean Morgan) neue GeschĂ€ftsmöglichkeiten im revolutionĂ€ren Kuba. Plötzlich schien alles mit allem zusammenzuhĂ€ngen, das so sehnlichst gewĂŒnschte Panorama begann sich aufzuspannen.
Change is good
In Crossroads wird dieser gute Ansatz jedoch leider wieder zunichte gemacht. Autoren und Regisseur deklinieren ihre ErzĂ€hlstrĂ€nge derart gelangweilt durch, als stĂ€nden sie im Lateinunterricht an der Tafel und mĂŒssten Verben aufsagen. Da wird eine potenziell folgenschwere Szene an die andere gereiht, ohne dass wirklich ersichtlich ist, welche Folgen dies nun genau sein könnten. Es gibt kaum einen Charakter, der die Zuschauer zum Mitfiebern animieren könnte, oftmals stimmt sogar das Timing der Schauspieler nicht. Mangelt es also schon an solch grundlegenden handwerklichen FĂ€higkeiten, wie soll daraus dann noch eine mitreiĂende Geschichte entstehen?

Eigentlich beginnt die Episode recht vielversprechend. Nachdem Ike in der letzten Folge die gute Nachricht aus Havanna erhielt, die dortigen Casinos managen zu können, geht er nun in die zweite Phase seines Plans zur RĂŒckeroberung seines geliebten Hotels ĂŒber. Wir erinnern uns: Um Ben Diamond (Danny Huston) als Teilhaber des Miramar auszulösen, muss er einen Deal mit dem âChicago Outfitâ unter der FĂŒhrung von Sy Berman (James Caan) aushandeln. Das Kuba-GeschĂ€ft schlieĂt er also allein aus dem Grund ab, sein Hotel nicht zu einem Casino und - damit verbunden - einer Mafia-Absteige verkommen zu lassen.
Diese Handlungsweise weckt doch gröĂere Zweifel an der Modellierung von Ikes Charakter. Ist er nun knallharter GeschĂ€ftsmann oder nicht? Ein solcher wĂŒrde sich die einmalige Gelegenheit, gleich drei Casinos auf einmal managen zu können, wohl nicht entgehen lassen. Jedenfalls glaubt Sy immer noch fest daran, dass in Florida bald dieses verflixte GlĂŒcksspielgesetz verabschiedet wird, was ihm und seinem GeschĂ€ftspartner Ben Diamond erlauben wĂŒrde, aus dem Miramar eine Goldgrube zu machen. Ike will ebendies verhindern und setzt dafĂŒr Gott und die Welt in Bewegung.
Dabei zĂ€hlt er auch auf die Hilfe des PagenmĂ€dchens Theresa (Catalina Rodriguez), die sich zwar durch Prostitution Geld dazuverdienen muss, auf ein Trinkgeld von Ike jedoch groĂzĂŒgig verzichtet: „I'm doing this for you.“ Warum eigentlich? Wird nie wirklich klar, ist aber fĂŒr den weiteren ErzĂ€hlverlauf auch nicht wichtig. Sie steckt ihm Informationen ĂŒber den korrupten Senator Ned Sloat (Brett Rice) zu, der von Bel Jaffe (Michael Rispoli) mittels ĂŒppiger Schmiergelder zur Abstimmung fĂŒr das allgegenwĂ€rtige GlĂŒcksspielgesetz animiert wird. Warum genau Bel am Ende herausbekommt, dass Theresa Informationen an Ike weitergibt, wird ebenfalls nicht erklĂ€rt.
You don't like mi colo, Senator?
So reiht sich diese MerkwĂŒrdigkeit ein in die vielen Fragmente, die eigentlich eigene HandlungsstrĂ€nge darstellen sollen. Dazu gehören auch die ErzĂ€hlbögen der Evans-Söhne Stevie (Steven Strait) und Danny (Christian Cooke), seinem Vater Arthur (Alex Rocco), Lily Diamond (Jessica Marais), Nicky Grillo (Jamie Harris) oder Mercedes Lazaro (Dominik Garcia-Lorido). Alles wird angerissen, nichts zu Ende oder zumindest plausibel weitererzĂ€hlt. Die Figuren scheinen ferngesteuert durch die - zugegeben schönen - Sets zu wandeln, ohne eigene Motivationen, geleitet nur von den etwas holprigen WorthĂŒlsen der Drehbuchautoren.

Beispielsweise werden Stevies hochfliegende Ambitionen von Ike im Keim erstickt. Warum den jungen HeiĂsporn nicht von der Leine und ihn grandios scheitern lassen? Verspricht jedenfalls mehr Drama als die steinalte âVater-enttĂ€uscht-seinen-Sohn-der-doch-nur-seine-Anerkennung-willâ-Story. Danny bekommt eine harte BerufseinfĂŒhrung und verhindert beinahe die Ergreifung eines Waffenschmugglers. Warum er so handelt: Wer weiĂ das schon?
Vater Evans hat ein Wettproblem, Ike versucht es ihm auszureden, was ihn auf eine scheinbar geniale Idee bringt, die er dem Zuschauer jedoch nicht mitteilt. Lily Diamond entwendet ihrem Ehemann regelmĂ€Ăig Geld, hĂ€lt dies penibel in ihrem Haushaltsbuch fest und wird von ihrer gemeinsamen Vergangenheit mit Nicky Grillo eingeholt. Mercedes will ein Angebot des schönen Antonio (Shalim Ortiz), seines Zeichens selbst Waffenschmuggler, annehmen, was Danny natĂŒrlich gehörig gegen den Strich geht.
Bis zum Ende ist vieles ausgesprochen, bleibt aber trotzdem unverstĂ€ndlich und ungeklĂ€rt. Warum sich die Autoren dazu entschieden haben, ihre Geschichte in so viele kleine HĂ€ppchen aufzuteilen und dadurch immer wieder âMini-Cliffhangerâ zu generieren, bleibt rĂ€tselhaft. Als einzigen Effekt erzielen sie bisher Verwirrung und damit einhergehend steigendes Desinteresse beim Zuschauer. In Adapt or Die war es ihnen noch gelungen, einen groĂen ErzĂ€hlstrang darzustellen, jetzt wiederum verlieren sie sich in vielen kleinen Subplots. Immerhin kann die Parallelmontage am Ende der Episode optisch und atmosphĂ€risch manches wieder wettmachen.
Fazit
Bei Magic City hat man zeitweise das GefĂŒhl, die Produktion laufe auf Sparflamme. Da wird den Schauspielern und Drehbuchautoren eine groĂartige PrĂ€misse vorgesetzt, die genĂŒgend dramatischen Stoff fĂŒr zehn Staffeln bieten wĂŒrde. Und doch schafft es die Serie kaum einmal, die hohen Erwartungen einzuhalten.
Besonders im Vergleich mit Boardwalk Empire treten diese Diskrepanzen deutlich hervor. Dort schaffen es die Autoren, eine komplizierte Geschichte zu erzĂ€hlen und den Zuschauer darin einzubinden. Selten geht etwas verloren, in den Episoden werden nicht alle ErzĂ€hlstrĂ€nge untergebracht, sondern es wird sich auf einzelne Handlungsbögen konzentriert. NatĂŒrlich stellt HBO ein höheres Budget zur VerfĂŒgung und auch die Schauspieler sind von höherem Kaliber.
Dies soll und darf jedoch keine Entschuldigung sein, das groĂe Potenzial von Magic City nicht auszunutzen. Die Geschichte liegt vor ihnen, sie mĂŒssen sie sich nur greifen. Was bei âBoardwalkâ scheinbar spielend gelingt, nĂ€mlich die Verquickung von historischen Figuren mit fiktionalen HandlungsstrĂ€ngen, mĂŒsste eigentlich auch bei âMagic Cityâ funktionieren.
Zudem hat die Serie mit James Caan einen groĂartigen Schauspieler in ihren Reihen, der jedoch kaum eingesetzt wird. Zu Beginn der Episode hat er einen kurzen Auftritt, mit dem er die ĂŒbrigen Mitglieder des Casts wieder einmal an die Wand spielt. Dann taucht er jedoch im ganzen Rest der Folge nicht mehr auf. WĂ€hrend dieser Szene lernt der Zuschauer auĂerdem mehr ĂŒber Ike Evans' Vergangenheit. So musste er als kleiner Junge im Jahre 1924 mitansehen, wie sein Vater von ebenjenem Sy Berman ermordet wurde. Dies ist ein Paradebeispiel fĂŒr die vorgetragene Kritik: Warum wird dieses Trauma nicht weiter beleuchtet? Damit hĂ€tte man locker und leicht eine ganze Episode fĂŒllen können. Es bleibt jedoch wie so oft nur angerissen, eben: ein Fragment.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 26. Juli 2013(Magic City 2x04)
Schauspieler in der Episode Magic City 2x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?