Magic City 2x03

Die Zeit kurz nach der kubanischen Revolution im Jahre 1959 war in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht von groĂer Unsicherheit, einschneidenden VerĂ€nderungen und neuen Möglichkeiten gekennzeichnet. Die frĂŒhere Gangster- und VergnĂŒgungskapitale Havanna wurde von RevolutionsfĂŒhrer Fidel Castro radikal reformiert. Dabei wurden sĂ€mtliche Casino- und Hotelkomplexe enteignet. Ăhnlich geschah es mit anderen amerikanischen - in der Sprache der RevolutionĂ€re: âimperialistischenâ - Fabriken und Unternehmen.
I should help liberate the pearl of the Antilles
Das groĂe dramaturgische Potential, das sich aus diesen historischen Ereignissen speist, wird in der neuen Magic City-Episode Adapt or Die zum ersten Mal vollstĂ€ndig ausgeschöpft. Erstaunlicherweise kann die Serie nun plötzlich nicht mehr so sehr mit ihren sonstigen StĂ€rken - Ausstattung und Kulisse waren in dieser Folge recht dĂŒrftig - punkten, sondern mit Handlungsbogen, Dialogen und Drehbuch. Plötzlich tun sich neue Allianzen auf, GeschĂ€ftsmöglichkeiten werden ĂŒber den Haufen geworfen, RivalitĂ€ten zugespitzt und folgenreiche Entscheidungen getroffen.

Die Kritikpunkte der vergangenen Episoden können hier kaum noch angefĂŒhrt werden. Das ErzĂ€hltempo ist hoch, lĂ€sst den Protagonisten jedoch Zeit zur Entfaltung. Die Dialoge sind geschliffen, die Schauspieler liefern ĂŒberzeugende Darstellungen ab. Wo bisher eher eine gemĂ€chliche AtmosphĂ€re herrschte, dominieren nun Spannung, Wortwitz und charismatische Figuren. Gekrönt wird das Ganze durch mehrere AusflĂŒge in die Realgeschichte. So lernt Ike Evans (Jeffrey Dean Morgan) auf seinem RĂŒckflug von Kuba den Gangster und spĂ€teren Mörder des mutmaĂlichen KennedyattentĂ€ters Lee Harvey Oswald, Jack Ruby (Holland Hayes), kennen.
Zwar wird die Geschichte vorerst nicht weitererzĂ€hlt, der Zuschauer jedoch fĂŒhlt sich sogleich animiert, eine Recherche ĂŒber Jack Ruby und seine Kuba-Verbindungen anzustellen. Dabei findet er heraus, dass Ruby kurz nach der erfolgreichen MachtĂŒbernahme Castros im Jahre 1959 wiederholt nach Kuba reiste und dort Kontakt zu dem berĂŒhmten Gangster Santo Trafficante, Jr. aufnahm. Diverse Historiker gehen davon aus, dass diese Reisen bestimmte GrĂŒnde hatten: Geld der Mafia zu schmuggeln und zu waschen. Ruby weiĂ offensichtlich, wer Ike Evans ist und so versucht er, ihn sogleich in ein GesprĂ€ch zu verwickeln, denn er ersinnt eine neue GeschĂ€ftsmöglichkeit.
Ike jedoch hat dafĂŒr zu diesem Zeitpunkt keinen Kopf. Seine Kuba-Reise hat ihn sowohl emotional als auch finanziell mitgenommen. Er war dort aus zweierlei GrĂŒnden. Zum einen wollte er die kubanischen RevolutionsfĂŒhrer davon ĂŒberzeugen, die Casinos wiederzueröffnen und deren Leitung in seine HĂ€nde zu geben. Damit verfolgt er das Ziel, sich einerseits Ben Diamond (Danny Huston) vom Hals zu schaffen, andererseits den amerikanischen Gangstern ihr GlĂŒcksspielparadies Havanna zurĂŒckzugeben, um sie von einem Einfall in Miami Beach abzuhalten.
I am a businessman
Zum anderen hat er seinem Freund und Kollegen Victor Lazaro (Yul Vazquez) versprochen, die Asche der Leiche seiner erschossenen Ehefrau Maria nach Miami zu ĂŒberfĂŒhren. Letztgenanntes gelingt ihm, bei erstgenanntem lĂ€sst ihn seine Verhandlungspartnerin Pastorita Nunez (Patricia de Leon) bis zum Ende der Episode zappeln. SchlieĂlich eröffnet sie ihm jedoch gute Neuigkeiten, auch wenn der Zuschauer dies nie ausgesprochen hört. Ikes breites Grinsen lĂ€sst jedoch darauf schlieĂen, dass sich der Comandante auf Ikes Vorschlag zur Wiederaufnahme des Casinobetriebs einlassen wird.

Damit ist jedoch mitnichten alles wieder in rechter Ordnung. Von mehreren Fronten bedrohen neue und alte Entwicklungen den Evans'schen Familien- und GeschĂ€ftsfrieden. Die Mafia aus Chicago und Las Vegas hat vorsichtshalber einen Vorboten in das Miramar geschickt, Eddie âBlueâ Bloomberg. Er soll UmbauplĂ€ne erstellen, um das Hotel nach der erfolgreichen Verabschiedung des neuen GlĂŒcksspielgesetzes in Florida auf den zu erwartenden Touristenansturm vorzubereiten. Sobald nĂ€mlich die GlĂŒcksspiellizenz erteilt sei, gelte laut Ben Diamond nur das Gesetz des Dschungels: „Charles Darwin, natural selection. You have two choices. Adapt or die.“
Ike will davon nichts wissen, ihm wĂ€re es am liebsten, wĂŒrden sich die Gangster wieder nach Kuba verziehen. Ăhnlich geht es seinem Sohn Danny (Christian Cooke). Nach reiflicher Ăberlegung und einem lĂ€ngeren Vortrag seines beruflichen Mentors, des Staatsanwalts Jack Klein (Matt Ross), hat er sich dazu entschieden, ein Praktikum in dessen BĂŒro zu beginnen. Was er dabei nur ahnen kann: Klein möchte ihn unbedingt als Praktikanten einstellen, um so nah wie möglich an Ike und Ben Diamond heranzukommen.
Von letztgenanntem glaubt er nĂ€mlich: „Ben Diamond ruins people. He seduces, corrupts, destroys.“ Und fragt: „What would you do to destroy that kind of evil?“ Nur, um selbst darauf zu antworten: „Anything.“ Dabei ist es Klein auch egal, ob er auf die volle LoyalitĂ€t Dannys zĂ€hlen kann, einen solchen âInsiderâ als Mitarbeiter in einer zumindest halbkriminellen Familie wird er wohl nie wieder bekommen. Im Falle Dannys fĂ€llt der Apfel also sehr weit vom Stamm, was man von Stevie (Steven Strait), seinem Ă€lteren Bruder, kaum behaupten kann.
Der wird immer weiter in das kriminelle Milieu hineingezogen und lĂ€sst sich dabei auf ein reichlich pervertiertes Spiel mit Ben Diamond ein. Nicht nur soll er dessen high-stakes-Pokerspiel von Bel Jaffe (Michael Rispoli) ĂŒbernehmen, er dient ihm auch - unwissentlich - als erotische ProjektionsflĂ€che. Weil Diamond eine lesbische Gruppenorgie nicht mehr ausreicht, will er nun den ultimativen Thrill: seine Ehefrau Lily (Jessica Marais) beim Fremdgehen mit seinem jungen ProtegĂ© beobachten. In der Magic City gibt es viele fragwĂŒrdige Charaktere. Ben Diamond ist zweifelsohne ihr König.
Fazit
Magic City schöpft in der dritten Episode der zweiten Staffel endlich einmal das Potential aus, das viele Zuschauer und Kritiker zum Start der Serie erwartet hatten. Die Dialoge sitzen, die Geschichte wird spannend vorangetrieben und die Charaktere gewinnen einiges an Profil. Ike Evans zieht nicht mehr nur gedankenverloren und bedeutungsschwer an seiner Zigarette, er denkt, handelt, ĂŒberredet, taktiert. Und das alles ziemlich zĂŒgig.
Zudem geht das Drehbuch erstmals in der neuen Staffel auf gröĂere ZusammenhĂ€nge ein. Da wird die kubanische Revolution mit Gesetzgebungsprozessen in einem amerikanischen Bundesstaat in Verbindung gebracht, da kommen diverse Mafiaorganisationen zur Sprache und es werden historische Figuren portrĂ€tiert.
In dem Review wurde beispielsweise die Existenz der „Secret Six“ noch gar nicht erwĂ€hnt. Dabei handelte es sich um eine Gruppe von einflussreichen MĂ€nnern im Miami der 1940er Jahre, die sich multimedial gegen den wachsenden Einfluss des organisierten Verbrechens wehrten.
Ike schwebt im GesprĂ€ch mit seiner ExschwĂ€gerin Meg Bannock (Kelly Lynch) ein Ă€hnliches Projekt vor. Neben den groĂen ErzĂ€hlbögen schaffen solche kleinen Randgeschichten eine hohe atmosphĂ€rische Dichte, wie man sie bei Magic City auch in der ersten Staffel nicht bewundern konnte. Es bleibt also nur zu wĂŒnschen, dass es in diesem Tempo und mit dieser dramaturgischen Brillanz weitergeht.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 4. Juli 2013(Magic City 2x03)
Schauspieler in der Episode Magic City 2x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?