Magic City 2x02

Es ist eine merkwürdige Verquickung, die in der neuen Episode Angels of Death stattfindet. Da werden diverse (reale) Todesengel porträtiert, ohne sie beim Namen zu nennen. Außerdem schwadroniert Ben Diamond (Danny Huston) im Kokainrausch mehrmals vom „Angel of Death“ und bringt diesen in Zusammenhang mit dem jüdischen Pessachfest, das er auf seine ganz eigene Weise feiert.
Let's cut the bullshit
Dem jüdischen - und christlichen - Glauben zufolge markiert dieses Fest das Ende der Knechtschaft Israels, die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei und schließlich den Auszug der Juden aus Ägypten. Um von Gottes Strafe an den Ägyptern verschont zu bleiben, sollte jede israelitische Familie ein männliches Jungtier von Schaf oder Ziege schlachten und mit dessen Blut den Türrahmen einreiben. Danach sollte das Tier gebraten und verspeist werden. Anhand des Bluts könne der Todesengel erkennen, an wem er seine Strafaktion vollstrecken solle und an wem nicht. An den markierten Häusern geht er dementsprechend vorüber (hebräisch: pasah).

Auch dazu fällt Ben das passende Bonmot ein: „It's not a party, it's a Seder. But in my house the angel of death doesn't pass over, he lives in the fucking master bedroom.“ Er überzeichnet sich also selbst als Todesengel, nicht wirklich ungewöhnlich für einen Größenwahnsinnigen seines Kalibers. Auch sein neuer Dauerrivale Ike Evans (Jeffrey Dean Morgan) hat dies schnell erkannt: „He's not a shark. He's a parasite. I build. I create. I am the fucking shark.“
Ike hat also keine Angst vor seinem Erzfeind, wenngleich er noch nichts von dessen Besuch in Chicago weiß. Dort sucht Diamond Mafiaboss Sy Berman (James Caan) auf, um sich die Absolution zu Ikes Entledigung zu holen. Berman jedoch gibt Evans vorerst Rückendeckung. Sie bräuchten dessen Hotel Miramar, um dort das stabile Einkommen aus Glücksspiel und Prostitution aufrechtzuerhalten. Gleich zu Beginn der Episode kommt es zu einem ersten Höhepunkt in der zweiten Staffel von Magic City.
Caan spielt seinen Mafiaboss so, wie der Zuschauer ihn sehen will: gebückt, altersweise, in Parabeln sprechend, jedoch immer noch den Slang der Straße einsetzend. Danny Huston verblasst regelrecht neben Caans physischer und tonaler Präsenz. Leider gerät der Gastauftritt viel zu kurz und so findet die Dramaserie schnell wieder in ihren gemächlichen Trott. Stets wird über diverse Bedrohungen gesprochen, werden Geschäfte eingefädelt und Intrigen gesponnen. Nur leider werden diese Bedrohungen, Geschäfte und Intrigen kaum visualisiert.
How is it fucking the Butcher's wife?
Was bei vielen sogenannten Qualitätsserien als definierendes Wesensmerkmal angesehen wird, verkehrt Magic City fast in sein Gegenteil. Die Autoren und Produzenten setzen so stark auf nonverbale Kommunikation, dass kaum noch Kommunikation zustandekommt. Vieles wird angedeutet, aber nur selten ausgesprochen. Dadurch stockt das Erzähltempo dermaßen, dass man sich fragt, ob demnächst überhaupt noch etwas passiert.

Bei The Sopranos oder The Wire funktioniert der Einsatz dieses Stilmittels, weil die Geschichte an sich so spannend weitergeführt wird, dass man auch bei der dritten oder vierten Sichtung noch neue Details findet. Magic City hat jedoch das Problem, dass die Geschichte nicht mitreißend genug erzählt wird, um sämtliche dramaturgische Nuancen durch wiederholtes Schauen auszumachen.
Am Ende der neuen Episode ist der Zuschauer genauso schlau wie zu Beginn: Der Konflikt mit Ben Diamond spitzt sich zu - immerhin wurde mit Nicky Grillo (Jamie Harris) ein neuer Charakter eingeführt -, Victor Lazaro (Yul Vazquez) trauert um seine ermordete Ehefrau, Ike Evans fliegt nach Kuba, um dort neue Geschäfte abzuschließen. Diamond ist ein Wahnsinniger, Stevie (Steven Strait) muss sich vor ihm hüten. Trotzdem trifft er sich mit Lily Diamond (Jessica Marais) in aller Öffentlichkeit. Wieso nur? Wissen die beiden, dass Ben weiß, was zwischen ihnen läuft? Und wenn sie es wissen, müssten sie dann nicht schon lange auf der Flucht sein?
Mit ziemlicher Sicherheit wissen sie es nicht, denn Lily ist sich des Schutzes durch Ben überaus sicher. Sie hat eine gemeinsame Vergangenheit mit Nick Grillo, hat ihn aber offenbar ohne jegliche Erklärung sitzenlassen. Allzu sehr muss sie sich jedoch nicht vor einem potentiellen Racheakt fürchten. Grillo steht nämlich noch vor Ike Evans auf der „Hit“-Liste von Ben Diamond.
Ike bricht also am Ende - trotz aller Warnungen seiner Vertrauten - nach Kuba auf. Dort will er sich dem etwas verstiegenen Projekt widmen, die dortigen Casinos für die Mafia aus Chicago - und damit Sy Berman - unter seine Kontrolle zu bringen. Davon erhofft er sich, in Bermans Ansehen aufzusteigen und sich dadurch die Absolution zur Ausschaltung Ben Diamonds zu sichern. Der ist ihm als Teileigner seines Hotels nämlich schon lange ein Dorn im Auge.
Zusätzliche Motivation erhält er von seiner Frau Vera (Olga Kurylenko), die herausgefunden hat, dass sich das Hotel eben nicht im Evans'schen Familienbesitz befindet. Wer sich neben Diamond und Meg Bannock (Kelly Lynch) unter dem Firmennamen Minneapolis Investment Corporation versteckt, will Ike seiner Ehefrau jedoch nicht verraten. Mehrere düstere Geheimnisse umwehen das Miramar. Leider gilt dies momentan auch für die Frage, woher die Faszination für Magic City kommen soll.
Fazit
An dieser Stelle könnte ein ähnliches Fazit stehen wie in der Rezension zur Episode der letzten Woche. Geringes Erzähltempo, wenig Charakterentwicklung, kaum Handlungsfortschritt auf der einen, prächtige Kulissen und schöne Ausstattung auf der anderen Seite.
Das gemäßigte Erzähltempo scheint in Magic City jedoch zum reinen Selbstzweck zu verkommen. Die Sprachlosigkeit und Handlungsmüdigkeit der Akteure ist hier - im Gegensatz zu gelungenen Beispielen - schnell ziemlich ermüdend. Wenn Ike und Vera zum Beispiel in einen Konflikt geraten, wird dieser an der spannendsten Stelle abgebrochen. Vermutlich, um diesen Konflikt über eine halbe oder gar ganze Staffel zu strecken.
Dies wiederum ist ein Anzeichen für ein recht einfallsloses Drehbuch. Zwar wird dieses durch die Vorstellung jüdischer Religionsrituale oder die vorsichtige Verwebung mit historischen Ereignissen etwas aufgehübscht, der Geschichte an sich verleihen diese Mittel jedoch wenig bis keinen neuen Schwung. Den brachte hingegen James Caan in der Eröffnungssequenz in die Serie. Es blieb jedoch bei einem Kurzauftritt. Schade. Für weitere Episoden bleibt zu hoffen, dass Caan mehr Spielzeit bekommt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 25. Juni 2013(Magic City 2x02)
Schauspieler in der Episode Magic City 2x02
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