Low Winter Sun 1x03

Low Winter Sun 1x03

In seiner neuen Episode trifft Low Winter Sun erstmals die richtigen Töne. Die Geschichte um die Polizistenmörder Geddes und Agnew wird unaufgeregt vorangetrieben, während die technische Umsetzung für eine angemessen düstere Atmosphäre sorgt.

Joe Geddes (Lennie James) setzt - ganz der harte Bulle - seine Freude in Whiskey um. / (c) AMC
Joe Geddes (Lennie James) setzt - ganz der harte Bulle - seine Freude in Whiskey um. / (c) AMC

Neue Dramaserien - vor allem solche über Polizisten - haben es selten leicht, von Beginn an zu überzeugen. Zu groß scheint die Konkurrenz durch andere, bereits etablierte Formate. Wenngleich sich die Sehgewohnheiten des Publikums seit nunmehr einem Jahrzehnt verändert haben, so müssen speziell besonders düstere Geschichten darauf setzen, dass die Zuschauer ihnen Zeit geben, die eigene dramaturgische Stoßrichtung zu finden und irgendwann zu etablieren.

The city don't give nothing back, it just takes

Die äußerst grimmige Serie Low Winter Sun macht mit der Episode No Rounds erste Schritte in die richtige Richtung. Erstmals schafft sie es, den düsteren Grundton durch selbstironische und humorvolle Szenen zu durchbrechen. Gleichzeitig gelingt es, das Erzähltempo auf einem angemessenen Niveau einzupendeln und dabei eine spannende Geschichte um die zwei korrupten Bullen Joe Geddes (Lennie James) und Frank Agnew (Mark Strong) zu entspinnen.

Geddes (Lennie James; l.) und Agnew (Mark Strong) streiten über die weitere Vorgehensweise - und den besten Hotdog der Stadt. © AMC
Geddes (Lennie James; l.) und Agnew (Mark Strong) streiten über die weitere Vorgehensweise - und den besten Hotdog der Stadt. © AMC

Zum ersten Mal wird dabei eine ausführlichere Rückblende eingesetzt. Geddes und Agnew hatten zuvor ihren Kollegen Brendan McCann (Michael McGrady) ermordet und dessen Leiche am Fahrersitz seines Wagens im Fluss versenkt. Als das Fahrzeug geborgen wurde, entdeckte man im Kofferraum eine weitere Leiche, die des Kriminellen Anton Bobak, der zur Crew von Alexander Skelos (Alon Moni Aboutboul) gehörte. In der Rückblende wird nun gezeigt, wie Bobak zu Tode gekommen war und welche weiteren Zusammenhänge mit seinem Tod einhergingen.

McCann versucht vor den Augen Geddes‘, den Leichnam Bobaks mit einer gewöhnlichen Säge zu zerstückeln. Daneben sitzt - gefesselt, geknebelt und voller Todesangst - die Prostituierte Katia (Mickey Sumner). McCann weist Geddes an, sie zu ermorden und ihre Leiche im Fluss zu versenken, denn: „She lives, we die.“ Geddes, mit einer letzten Portion Würde und Anstand ausgestattet, entscheidet sich jedoch dagegen und bringt Katia über die naheliegende Grenze nach Kanada. Dort bedenkt er sie mit einer letzten Warnung, bevor er sie laufen lässt: „If I ever hear your whore name again, I will find you and I will finish this.

Am Ende der letzten Episode The Goat Rodeo eröffnete Geddes Agnew, seinem Kollegen aus dem Morddezernat, dass er Katia das Leben gerettet habe. Bis dahin war Agnew, der mit Katia eine Beziehung führte, davon überzeugt, dass McCann sie ermordet habe. Nur unter dieser Prämisse konnte Geddes ihn dazu überreden, ihm beim Mord an McCann behilflich zu sein. Schon da deutete sich an, wie komplex das Netz aus Lügen und Intrigen war, in dem sich Geddes verfangen hatte.

It's not going to end well

Leider wurde bisher nicht hinreichend geklärt, wieso sich Geddes überhaupt auf diese dreckigen Deals mit McCann, Skelos und Konsorten eingelassen hatte. Auch die neue Episode verschafft darüber keine weitere Aufklärung, zumindest nicht für diesen expliziten Fall. In mehreren kurzatmigen Unterredungen zwischen Agnew und Geddes wird jedoch deutlich, wie offen die Korruption in der Detroiter Polizeibehörde wuchert. Beide haben sie Dreck am Stecken. Gleichzeitig haben sie keinerlei Problem damit, offen darüber zu sprechen: „Everyone's got their hand out. What, you never got paid, you holier-than-thou-prick?

Ein Drink mit dem Rivalen: Maya Callis (Sprague Grayden) genehmigt sich einen Kurzen mit Alexander Skelos (Alon Moni Aboutboul). © AMC
Ein Drink mit dem Rivalen: Maya Callis (Sprague Grayden) genehmigt sich einen Kurzen mit Alexander Skelos (Alon Moni Aboutboul). © AMC

Eine weitere Erklärung für das Unwesen der Korruption liefert der zum Verhör geladene Skelos, bevor er Agnew mit einer kurzen Geste das ganze Ausmaß der Verwicklungen zwischen Geddes und der Detroiter Unterwelt klarmacht: „You do very dangerous work for very little. Isn't it so, Joseph?“ Agnew weiß also - auch dank Geddes‘ Offenheit - wie tief dieser in kriminelle Machenschaften verwickelt ist. Trotzdem bleibt ihm nichts anderes übrig, als ihm bei der Vertuschung des Mordes an McCann zu helfen - schließlich war er selbst daran beteiligt.

Beiden im Nacken sitzt der Ermittler der internen Revision, Simon Boyd (David Costabile). Agnew will ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren. Ihr Plan sieht vor, dass Agnew Geddes wegen kleinerer Vergehen anschwärzt, um so eine Vertrauensbasis zwischen ihm und Boyd zu schaffen. Die dadurch erlangten Informationen gibt er an Geddes weiter, damit sie gemeinsam die weitere Vorgehensweise abstimmen können. Boyd gibt sich jedoch keinesfalls mit seiner eigenen Ermittlung zufrieden, er will auch Teil der Mordermittlung sein, weil dieser Fall unweigerlich mit dem seinen verbunden sei.

Agnew versucht natürlich, ihn, wann immer möglich, zu missachten und jeden seiner Forderungen abzublocken. Seine Taktik sieht vor, die Mordermittlung so lange ergebnislos hinauszuzögern, bis sie eine Einstufung als „Cold Case“ erhält und eingestellt wird. Geddes geht da schon einen Schritt weiter. Er will eine dritte Person für die Tat anschwärzen. Vorerst kann sich Agnew mit seinem Plan durchsetzen: „No one goes down for what we did.

Dann taucht ein Zeuge auf, der beobachtet haben will, wie zwei Personen sich der Leiche McCanns entledigt hätten. Agnew und Geddes übernehmen das Verhör des Mannes. Überraschend detailliert schildert er den Vorgang, er kann sogar die Hautfarben der beiden Täter und die Fahrzeugmarken identifizieren. Er erkennt jedoch nicht, dass er genau den beiden Personen gegenübersitzt, die er da gerade beschreibt. Agnew und Geddes versuchen, ihn einzuschüchtern, nehmen ihn in die Mangel, drohen ihm mit Anklage wegen kleinerer Vergehen. Der Mann lässt sich jedoch nicht einschüchtern, auch ihr Vorgesetzter Dawson (Ruben Santiago-Hudson) will die heiße Spur nicht aufgeben. Das auf sein Geheiß angefertigte Phantombild der Täter zaubert schließlich ein Lächeln auf Geddes‘ Gesicht: Das Bild ähnelt weder ihm noch Agnew.

Relativ ungestört bastelt derweil Damon Callis (James Ransone) an seinem Aufstieg zum örtlichen Unterweltkönig. Im Weg steht ihm dabei nur noch sein Rivale Skelos: „You got to give me a few weeks and I'll be Skelos.“ Seine stets besorgte, aber ehrgeizige Freundin Maya (Sprague Grayden) stachelt ihn dabei weiter an: „You want to be Skelos? You can. But he's got to be gone. That's how we stay safe.

Fazit

Die dramatischen Geschichten aus Detroit sind kein dramaturgisches Neuland. Dennoch schafft es Low Winter Sun, den Zuschauer bei der Stange zu halten. Dies gelingt vor allem durch das atmosphärische Setting und das gekonnte Locationscouting. Die Bilder aus Detroit sind nach wie vor faszinierend.

Zum ersten Mal wird in No Rounds die allumfassende Dunkelheit durch einen kleinen humoristischen Lichtblick gebrochen. Der Streit zwischen Agnew und Geddes um den besten Hotdog der Stadt („American Coney Island“ oder „Lafayette Coney Island“?) regt zum Schmunzeln an und sorgt für den schon nach zweieinhalb Episoden bitter nötigen comic relief.

Außerdem nimmt sich die Serie kleinere und größere Anleihen bei The Wire. Natürlich ist die Geschichte nicht darauf ausgelegt, quasi-dokumentarisch wie beim großen Vorbild erzählt zu werden. Die Ausflüge ins Boxgym, der Polizeislang, die ständige Präsenz der chain of command oder einzelne Figuren wie der Zeuge, der symbolisch für den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse steht, sind jedoch deutliche Referenzen an den unbestrittenen König aller Crimeserien.

Low Winter Sun befindet sich auf einem guten Weg, auch wenn die amerikanischen Zuschauer das momentan noch nicht honorieren „ 52615“.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 29. August 2013
Episode
Staffel 1, Episode 3
(Low Winter Sun 1x03)
Deutscher Titel der Episode
Tote Seelen
Titel der Episode im Original
No Rounds
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 25. August 2013 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 30. Januar 2014
Autor
Dave Erickson
Regisseur
Andrew Bernstein

Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x03

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?