Low Winter Sun 1x04

Detroit ist dunkel, Detroit ist schlecht. Zumindest der Ausschnitt, den die Zuschauer von Low Winter Sun präsentiert bekommen. Wie korrupt die im Mittelpunkt stehenden Bullen Joe Geddes (Lennie James) und Frank Agnew (Mark Strong) dabei wirklich sind, das wird in jeder neuen Episode auf unterschiedliche Weise dargelegt. So verharrt dieses neue, äußerst düstere AMC-Drama etwas zu lange in seinem selbst gebauten, gemütlichen Erzählnest.
Home of the automobile and nobody's got a clue
Dies hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl beim Rezensenten. Einerseits ist es angenehm erfrischend, wie wenig prätentiös und unaufgeregt diese Geschichte erzählt wird. Es fehlt fast gänzlich an Schockmomenten oder überraschenden Wendungen. Andererseits wird bei der Charakterisierung der Figuren oft in die gleiche Kerbe geschlagen, wodurch diese bisweilen schablonenhaft wirken. Aufgefangen wird dies jedoch von den ausgezeichneten Leistungen der Schauspieler, was im Übrigen auch für die Nebendarsteller gilt.

Erweitert wird diese bad cop-Routine in Catacombs für Geddes und Agnew durch familiäre und quasifamiliäre Entwicklungen. Auf der Suche nach seiner verschollenen Freundin Katia (Mickey Sumner) treibt es Agnew in die grenznahe kanadische Stadt Windsor, in die er sich ohne diesen triftigen Grund wohl eher nicht verirren würde: „Windsor? For what? There's nothing but Canadians up there.“ Nachdem er sich bereits erfolglos eine angebliche „Katia“ hat vorführen lassen, findet er nach Ermittlungen im heimischen Rotlichtmilieu eine weitere falsche „Katia“. Sie muss ihre Dienste in einem Laden namens „Catacombs“ verrichten, dem „last stop on the pervert train.“
Schon bei der ersten war es ihm schwergefallen, ihren Avancen auszuweichen, nun lässt er sich einfach fallen und öffnet sich dieser Zwangsprostituierten, zeigt ihr sein ramponiertes Innenleben: „I want you to be someone else. I don't want to be who I am.“ Es folgt eine lange Montage, die nur Agnews versteinerte Miene auf dem Rückweg nach Detroit zeigt. Ein schöner Episodenabschluss. Schade ist nur, dass immer noch nicht herausgearbeitet wurde, warum Agnew dieses brennende Verlangen nach Katia verspürt. Bisher hatte es nämlich eher den Anschein, als habe sie ihn nie wirklich an sich herangelassen.
Auch die Schlusssequenz zwischen Frank und dem neu eingeführten Sean Foster (Trevor Long) bringt keinen Aufschluss über Agnews Vorgeschichte. Wenngleich mit Foster ein großartiger Charakter in die Geschichte eingeführt wird, bleibt unklar, wozu er überhaupt dienen soll. Als Excop und Alkoholiker fristet er ein tristes Dasein auf den Straßen Detroits. Er dient Frank nicht einmal als Informant, lediglich als Zeitvertreib. Die Figur ist wohl für den comic relief zuständig und bislang hat sie diese Rolle hervorragend ausgefüllt. Vielleicht kommt ja noch mehr.
I'm happy now
Während Frank und Joe Geddes also alles daran setzen, die Mordermittlungen rund um Brendan McCann und der Leiche aus dessen Kofferraum, Anton Bobek, zu behindern, macht Dani Khalil (Athena Karkanis) erste Ermittlungsfortschritte, wofür sie von Geddes sogleich mit einer Aussicht auf Beförderung belohnt wird. Sie ermittelt im Mordfall am jungen Billy Hobson, der in der Auftaktepisode von Damon Callis (James Ransone) bei einem schiefgelaufenen Drogenraub kaltblütig erschossen wurde. Ihre Spur führt sie zu Darryl Singers, der seine neu gegründete Kirche und seine Rolle als geläuterter Exdealer nutzt, um weitgehend unerkannt im Drogengeschäft mitzumischen.

Diese Spur führt sie wiederum nach „Greek Town“, einem von griechischen Einwanderern bewohnten Stadtviertel Detroits, zu Anton Bobek („Fat ugly white dude. Ran outta Greek Town. Billy and him, they was real tight.“) und schließlich zum örtlichen Unterweltkönig Alexander Skelos. Letztgenanntem blüht also fortan neben der Konkurrenz durch Callis auch die Ermittlung der Behörden. In der neuen Episode kommt es jedenfalls zum ersten Mal zur direkten Konfrontation der beiden Heißsporne. Es bleibt jedoch beim freundlichen Austausch gegenseitiger Drohungen.
Callis' Geschäftspartner fordert jedoch ein härteres Vorgehen gegen Skelos. Die Mordermittlung um Billy Hobson ist also nicht Damons einziges Problem. Einen letzten Funken Berufsethos in seinen Adern spürend, muss er auch dafür sorgen, dass fortan keine minderjährigen Prostituierten mehr in seinem Etablissement anschaffen. Würde seine Ehefrau Maya (Sprague Grayden) davon Wind bekommen, sie würde ihm seine Männlichkeit auf einem Tablett servieren. Über sie kommt dann wiederum eine Verbindung zu Sean Foster zustande. Sie ist seine Ex, er scheint die Trennung nicht gut überwunden zu haben.
Mit der Exfrau hat auch Joe Geddes einige Probleme. Er darf sich mit seiner minderjährigen, renitenten und straffällig gewordenen Tochter herumschlagen. Ihre Mutter ist wohl am Ende mit ihrem Erziehungswillen und überlässt das Mädchen einfach ihrem Vater. Der versucht schon vor dem ersten gemeinsamen Abend, seine künftige Abwesenheit zu entschuldigen: „Tough case, lot of hours.“ Sie kontert mit der sehr schlagkräftigen Replik: „I guess you been on it the last thirteen years.“ Geddes ist eben ein harter Hund, da fällt der Apfel wohl nicht weit vom Stamm. Dies bekommt auch Simon Boyd (David Costabile) zu spüren, der dauerpräsente Ermittler der internen Revision: „You're a weird dude.“
Fazit
Allzu „weird“ sind die Figuren aus dem Low Winter Sun-Kosmos eigentlich gar nicht. Ein gebrochenes System gebärt eben gebrochene Seelen, so viel ist spätestens jetzt klar. Dass in der neuen Episode Catacombs nun einige neue gebrochene Charaktere hinzukommen, ist überaus erfreulich.
Weiterhin wäre begrüßenswert, wenn die Vorgeschichte der Protagonisten etwas erhellt werden würde. Wir wissen nun, dass Agnew und Geddes harte Knochen sind. Warum sie das sind, wissen wir noch nicht. Damit die Figuren also in Zukunft nicht weiter in ihren vorgezeichneten Charakterschablonen verharren, sollten ihnen plausible Motivationen zugeschrieben werden.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte gelingt es der Crimeserie jedoch, seine Zuschauer weiterhin bei der Stange zu halten. Dies ist vor allem den ausgezeichneten Nebenfiguren zu verdanken. Low Winter Sun macht einiges richtig. Bald könnte es alles richtig machen.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 3. September 2013(Low Winter Sun 1x04)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x04
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