Low Winter Sun 1x05

Müssen wir bei zukünftigen Episoden von Low Winter Sun davon ausgehen, dass, immer wenn zu Beginn eine lockere, heitere Szene den Anfang macht, am Ende einer der sympathischsten Charaktere stirbt? In Cake on the Way lüften die Autoren erstmals den düsteren Schleier, der die ehemalige Industriemetropole Detroit pausenlos zu umhüllen scheint. Dann darf die Callis-Crew sich gegenseitig piesacken und sorglos die „Einnahmen“ der vergangenen Nacht bejubeln. Ebenso dürfen sich Frank Agnew (Mark Strong) und Dani Khalil (Athena Karkanis) bezirzen und gegenseitig über die familiären Umstände des jeweils anderen ausfragen.
We're trying to force a square piece of crap down a round toilet
Ich hatte zu Beginn dieser Episode das Gefühl, als hätten die Autoren eine Pause gebraucht vom immer dunklen, immer schlechten, immer korrupten Detroit. Doch mit schöner Beständigkeit kommen sie am Ende wieder zurück zu ihrer üblichen, dunkel-pessimistischen Sichtweise auf diese verfallene Großstadt. Trotzdem funktioniert die Episode sehr gut. Man merkt ihr an, dass die Autoren zu einem eingespielten Team zusammengewachsen sind, dass sie eine genauere Vorstellung davon entwickeln, wozu sich Low Winter Sun entwickeln soll. Sie haben größeres Selbstbewusstsein, trauen sich zu, schärfere Dialoge zu schreiben. Das Drehbuch wird von Episode zu Episode ausgereifter, erwachsener.

Die Gleichzeitigkeit von Erfolg und Scheitern spiegelt sich in den beiden großen Handlungsbögen wider. Die Story um die korrupten Bullen Agnew und Geddes (Lennie James) wird zwischendurch von einem mitreißend inszenierten Boxkampf begleitet. Dieser drückt im Kleinen aus, was die Serie im Großen erzählen will: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Aber am Ende ist es immer wichtig, dass man wieder aufsteht. Sonst endet man so wie Sean Foster (Trevor Long), der Exbulle und Exfreund von Maya Callis (Sprague Grayden), dessen Rolle in dieser Erzählung noch nicht wirklich definiert ist. Gewissermaßen dient seine Figur als comic relief - oder besser: als tragic relief.
Die Antwort seiner Bekannten auf den sich verschlechternden Zustand Fosters ist jedenfalls genau die falsche. Maya steckt ihm ein kleines Päckchen Dope zu. Er will es erst nicht annehmen, greift dann aber doch zu. Genauso verhält es sich mit Agnew. Als der das Gebrabbel seines ehemaligen Kollegen nicht mehr erträgt, speist er ihn kurzerhand mit einem Geldschein ab: „That's our bat signal. True friend, Frank.“ Genau das ist Frank in dem Moment aber nicht. Er und Maya machen es sich denkbar einfach. Sie bedienen Sean mit den beiden Dingen, zu denen er eigentlich keinen Zugang haben sollte: Geld und Drogen. Nur Michael (James Harvey Ward) scheint sich ernsthaft um Foster zu sorgen und bietet Maya die Hilfe seines Cousins an, der ein Entzugsheim leitet.
Die Botschaft, die Low Winter Sun daraufhin aussendet, ist eine zutiefst tragische. Michael wird am Ende der Episode angeschossen. Der Bauchschuss gibt ihm geringe Überlebenschancen. Doch statt ihn wenigstens in ein Krankenhaus zu bringen, lassen Damon (James Ransone), Maya und Nick (Billy Lush) ihn auf dem Rücksitz ihres Wagens einfach elendig verrecken. Die Szene entwickelt eine bisher ungekannte Drastik, weil die Callis-Crew zuvor eher als eine Bande gutherziger Kleinkrimineller beschrieben wurde. Mit dieser kaltblütigen unterlassenen Hilfeleistung stellt sie sich jedoch auf die gleiche Stufe wie die meisten anderen niederträchtigen Charaktere.
Little blood. Little brew. Fine-ass woman in between the rounds.
Geddes und Agnew feilen unterdessen weiter an der Vertuschung ihres Mordes an Brendan McCann (Michael McGrady). Bei der Untersuchung des Tatorts, an dem Billy Hobson ermordet wurde, kommt Geddes ein zündender Einfall, wie man alle bisherigen Morde miteinander verknüpfen könnte. Der Tatort war eine verlassene Hausruine, die als Drogenumschlagplatz diente. Billy Hobson, der (und das wissen nur wir Zuschauer) von Damon Callis ermordet wurde, war ein mid-level-player. Er erhielt die Ware von der Griechen-Crew um Alexander Skelos (Alon Aboutboul), namentlich von dessen Handlanger Anton Bobek, dessen Leiche in McCanns Kofferraum gefunden wurde. Dann verteilte Billy die Drogen wiederum an seine Straßendealer.

Vom ehemaligen Drogendealer und jetzigen Kirchenvorsteher Daryl Singer erfährt Geddes, dass Billy mit seiner Rolle unzufrieden war und deshalb mit Anton im Clinch lag. Als Geddes also am Tatort ein funktionierendes, für einen Mord ausreichend großes Waschbecken findet, kommt ihm der zündende Einfall. Gemeinsam mit Agnew entwickelt er in einer durchzechten Nacht die Theorie, dass Billy Hobson gemeinsam mit einem unbekannten Komplizen geplant habe, Anton Bobek zu ermorden. McCann sei Kollateralschaden, sein Auftauchen nicht geplant gewesen. Bobek hatte als Informant für Simon Boyd (David Costabile), den Ermittler der internen Revision, gearbeitet und habe McCann mit einer Einbindung in den nächsten Drogendeal weiter belasten wollen.
Billy und sein Komplize hätten danach die Leichen der beiden Ermordeten im Fluss entsorgt und wären zum Drogenversteck zurückgekehrt. Dabei habe der unbekannte Komplize Billy erschossen und sei mit der Beute abgehauen. Die beiden Ermittler wissen bei der Formulierung ihrer falschen Hypothese gar nicht, wie nah sie damit der Wahrheit kommen. Unbewusst heften sie sich an die Fersen von Damon Callis, denn: „If we find his killer, we solve all three homicides.“ Der Bürgermeister und seine Assistentin, denen sie diese Theorie auftischen, lassen sich vorerst damit abspeisen. Simon Boyd und Dani Khalil bleiben jedoch skeptisch. Was letztgenannte aber keinesfalls davon abhält, für Agnew romantische Gefühle zu entwickeln... Der immer coole Detective lehnt allerdings dankend ab.
Fazit
Low Winter Sun verfolgt einen radikalen Ansatz, indem es seinen Charakteren kaum Chancen gibt, beim Publikum Beliebtheitspunkte zu sammeln. Cake on the Way ist die erste Episode, in der dieses Vorhaben - wenn es ein solches überhaupt gibt - durchbrochen wird.
Wir Zuschauer bezahlen dafür jedoch einen hohen Preis. Über den größeren Teil der Episode werden wir in Sicherheit gewogen, erfreuen uns an den witzigen und charmanten Passagen, zum Beispiel innerhalb der Callis-Crew oder zwischen Agnew und Khalil. Der zweite Teil der Episode holt uns dann jedoch schnell auf den harten Boden der Realität zurück. Detroits porträtierte Einwohner sind düstere Zeitgenossen, die vor keinem Mittel zurückschrecken, um ihr persönliches Fortkommen zu sichern.
Da helfen auch alle humoristische und lockere Einlagen nichts, die Serie bleibt ein bleischweres, dunkles Epos über Kriminalität im deindustrialisierten Amerika. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren, kein Spieler kann sich jemals sicher sein, ob er nicht von seinen Geschäftspartnern hintergangen wird. Diese traurige Tatsache dürfen schließlich Damon und Maya sehr schmerzhaft kennenlernen. Doch die beiden sind selbst keinen Deut besser.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 13. September 2013(Low Winter Sun 1x05)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x05
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