Low Winter Sun 1x06

Nachdem sich die Autoren von Low Winter Sun in der letzten Ausgabe einige Momente des comic relief erlaubt hatten, kehren sie in The Way Things Are wieder zur altbewährten düsteren Dramaturgie zurück. Die Serie schafft es überdies besonders gut, die trostlose Großstadt Detroit als Protagonisten in der Geschichte zu etablieren. Nicht selten bekommen Szenen lange establishing shots vorangestellt, um noch einmal zu visualisieren, was die Figuren alleine nicht transportieren können. Charaktere und Zuschauer bewegen sich in einer sterbenden Stadt, in der sich die Verbliebenen um die letzten Krumen streiten.
Things are probably going to get worse before they get better
Low Winter Sun atmet diese Vorstellung aus jeder einzelnen Pore. Seine Figuren sind Geschlagene, Verzweifelte, Aufgegebene. Ob dies nun der Mordermittler Frank Agnew (Mark Strong) ist, der zwar scherzhaft, aber durchaus ernst gemeint erzählt, dass die Polizei kein Geld für die Ausstellung von Durchsuchungsbefehlen habe. Oder ob die ambitionierte junge Mordermittlerin Dani Khalil (Athena Karkanis) von ihrem Kollegen Joe Geddes (Lennie James) in die unmoralischen Verstrickungen innerhalb der Abteilung eingeführt wird. Andere Beispiele wären die Prostituierte Katia (Mickey Sumner), die ihren ehemaligen Geliebten eiskalt abblitzen lässt oder Damon Callis (James Ransone), der mit der unterlassenen Hilfeleistung gegenüber seinem sterbenden Freund Michael nicht klarkommt. Sie alle eint ein fatalistischer Gedanke: The Way Things Are.

Änderungen am Status Quo sind nicht vorgesehen, nicht gewünscht, nicht finanzierbar. Also wandern die Protagonisten weiter auf ihrem Pfad der Unaufrichtigkeit. Frank versucht seine Schuldgefühle für den Mord an McCann mit der Suche nach seiner ehemaligen Freundin Katia zu kompensieren. Die lebt in einer völlig heruntergekommenen Absteige in Chicago, wo sie zahlungswilligen Internetkunden vor der Webcam die sexuellen Fantasien befriedigt. Sogar auf der Toilette ist eine Kamera installiert. „Why some pervert wanna watch me piss anyways?“ Tja, liebe Katia, „The Way Things Are“. Als Frank sie findet, reagiert sie jedoch völlig anders als erwartet: „You are a good man, Frank. But you are a trick.“ Sie habe ihm lediglich das Gefühl gegeben, geliebt zu werden. Dies sei ihr Job. Im Übrigen sei „Katia“ nicht mal ihr wirklicher Name: „The Way Things Are“.
Der völlig desillusionierte Frank kehrt nach Detroit zurück und stattet Dani Khalil am späten Abend einen Hausbesuch ab. Am Ende der letzten Episode hatte sie noch versucht, ihn zu küssen. Nun ist sie es, die Vorhaltungen gegen seine offensiven Avancen hat. Dann jedoch lässt sie es geschehen, nur, um am nächsten Morgen die erwartete Enttäuschung zu kassieren: „The Way Things Are“. Vielleicht ist es ja genau diese Ablehnung, die Dani nun wieder auf die Ermittlungen im Mordfall an Brendan McCann konzentrieren lässt. Jedenfalls äußert sie Geddes gegenüber erste Zweifel über seine Theorie, der Mörder von Brendan McCann und Anton Bobek sei derselbe wie der von Billy Hobson. Später erhärtet sich ihr Verdacht, als sie den einzigen Augenzeugen befragt, der Agnew und Geddes dabei beobachtet hatte, wie sie die Leiche McCanns in dessen Auto verfrachteten und dieses im Detroit River versenkten.
Obwohl die Situation für die beiden korrupten Bullen also noch lange nicht ausgestanden ist, finden sie die Zeit, sich verstärkt um Privatangelegenheiten zu kümmern. Agnews Suche nach Katia wurde bereits skizziert, auch Geddes hat an der Heimatfront einiges zu tun. Ihm gelingt es doch tatsächlich, seine renitente Tochter in die gleiche katholische Schule zu verfrachten, die er als Teenager auch besucht hatte. Dabei erntet er gleich wieder Misstrauen, weil er das horrend hohe Schulgeld in einem Streich bezahlt. Woher kommt das Geld? Sicher nicht von seiner Besoldung als Kriminalbeamter des insolventen Detroit...
She's a better person than me
Während Agnew und Geddes also zumindest den Anschein erwecken, als hätten sie ihre missliche Lage unter Kontrolle, eskaliert die Situation um die Callis-Crew völlig. Damon und Maya (Sprague Grayden) waren zuvor eine unheilvolle Allianz mit der Lowdown-Crew um „Reverend“ Isaiah eingegangen. Mit diesem neuen Verbündeten an ihrer Seite wollten sie sich vom Herrscher von Greek Town, Alexander Skelos (Alon Aboutboul), emanzipieren. Am Ende der letzten Episode kam es jedoch ganz anders. Die Lowdown-Crew sah Callis und Konsorten als das, was sie waren, nämlich leichte Beute. Also kündigten sie ihre Loyalität einseitig auf und überfielen kurzerhand das „Blind Pig“, wo Damon illegales Glücksspiel, Prostitution und sonstige einträgliche Aktivitäten betrieb.

Der anschließenden Schießerei fiel Michael (James Harvey Ward) zum Opfer. Damon, Maya und Nick Paflas (Billy Lush) verweigerten ihm schließlich einen Transport zum Krankenhaus und ließen ihn elendig verrecken. Damon leidet danach am meisten unter seiner Beihilfe zum Mord und beschließt, diesen Mord rächen zu müssen. Also setzt er den schwer traumatisierten, alkohol- und tablettenkranken Nick auf den Anführer der Lowdown-Crew, „Poppa T“, an. Der Plan geht auf, Michaels Tod wird erfolgreich gesühnt. Die Kosten dieser Racheaktion sind jedoch verheerend. Bei einem Friedensgipfel zwischen Skelos, Isaiah und dem Ehepaar Callis teilen die beiden erstgenannten sämtliche Geschäfte von Damon und Maya unter sich auf.
Callis wurde von Skelos gnadenlos ausgetrickst. Skelos suchte in der Vergangenheit nach einem Grund, seine Loyalität zu Damons Vater zu durchbrechen. Nun hat Damon selbst ihm gleich mehrere geliefert. Auch Mordermittlerin Dani Khalil wird ihre eigenen Loyalitäten bald neu justieren müssen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis sie Agnew und Geddes auf die Schliche kommt: „Looked like two men. One dark, one light.“
Fazit
Nach den kurzen Aufhellungen der letzten Episode stürzt Low Winter Sun seine Zuschauer in The Way Things Are gleich wieder zurück in diesen Moloch aus Niederträchtigkeit, Ausweglosigkeit und moralischem Bankrott.
Dieser Fatalismus, der so viele Figuren der Serie ergriffen hat, ist geradezu niederschmetternd. Nicht dass man mit Damon Callis und seiner Crew unbedingt Mitleid haben müsste, aber wie sie in dieser Episode einmal durchgekaut und wieder ausgespuckt werden, das geht schon nah ran an die Schmerzgrenze.
Und was machen die Protagonisten? Sie ergeben sich ihrem Schicksal und kommentieren dies - wenn überhaupt - zutiefst zynisch. Auffallend an dieser Episode war auch, dass weder der Vorgesetzte der beiden Mordermittler, Dawson (Ruben Santiago-Hudson), noch der Ermittler der internen Revision, Simon Boyd (David Costabile), einen Auftritt hatten.
Joe und Frank werden wohl von einer der ihren an die Kandare genommen. Mit Dani Khalil wird dies folgerichtig auch eine der wenigen Figuren sein, der noch keine dunkle Schattenseite zugeschrieben wurde. Ansonsten scheint in Detroit das meiste mehr schwarz als weiß zu sein.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 20. September 2013(Low Winter Sun 1x06)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x06
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