Low Winter Sun 1x07

„I made a deal with the devil. And he doesn't let you walk away.“ Joe Geddes (Lennie James) glaubt sein Schicksal zu kennen. Er hat dafür auch eine einfache Erklärung: „I am a weak man.“ Die meisten Zuschauer dürften schon vor der Konfrontation zwischen Geddes und seinem Kollegen Frank Agnew (Mark Strong) am Ende von There Was a Girl registriert haben, dass Joe Geddes über keinen eindeutigen moralischen Kompass verfügt. Für alle anderen wird dies hier noch einmal wortreich dargelegt.
We're murderers Frank. It never ends.
In der neuen Episode wird vollends zur Gewissheit, was sich über den Verlauf der ersten Staffel von Low Winter Sun bereits angekündigt hatte. Das AMC-Drama ist immer dann am stärksten, wenn es die Feinheiten polizeilicher Ermittlungsarbeit porträtiert - und immer dann am schwächsten, wenn es versucht, durch Dialoge wie dem erwähnten zwischen den beiden Polizistenmördern besondere Dramatik, besondere Brisanz zu generieren. Das Drehbuch wird hier leider nicht seinen eigenen Ansprüchen gerecht. Zu wenig innovativ, zu offensichtlich, zu aufgesetzt klingen vor allem Geddes‘ pathosschwangere Auswürfe.

Dies ist denn auch der größte Kritikpunkt, den sich die Serie gefallen lassen muss. Die Atmosphäre im heruntergekommenen Detroit ist schon düster genug, da muss nicht auch noch jedes Wort der Protagonisten mit größtmöglicher Bedeutung aufgeladen werden. Geddes sollte durch seine rechtfertigenden Tiraden keine Selbstgenügsamkeit erfahren. Seine Taten, sein Verhalten stehen für sich und zeigen eindringlich, auf welch dunklen Pfad er sich begeben hat. Es hilft der Dramaturgie der Serie nicht weiter, wenn er selbst dies alles in einem vermeintlich selbstreflexiven Wutanfall verbalisiert. Im Gegenteil, solche Offensichtlichkeiten nehmen Low Winter Sun einen Teil seiner düsteren Faszination.
Frank Agnew bekommt am Ende der Episode Gewissheit darüber, was er - und nicht nur er - schon lange vermutet hatte. Seine unbeherrschter neuer Partner Joe Geddes steckt noch viel tiefer im Sumpf aus Korruption, Verbrechen und Gewalt als bisher angenommen. Der von ihnen ermordete Brendan McCann (Michael McGrady) war für Gangsterboss Alexander Skelos (Alon Aboutboul) dafür zuständig, dessen Morde zu vertuschen, sie als Selbstmorde deklarieren zu lassen. Irgendwann habe McCann sogar Auftragsmorde für Skelos übernommen. Geddes‘ Aufgabe sei danach die Vertuschung dieser Morde gewesen. Deshalb habe McCann auch mit letzter Konsequenz aus dem Verkehr gezogen werden müssen: „Brendan had to die. World is a better place without him.“
Zu diesem späten Offenbarungseid kommt es erst, weil Geddes sich bei der Vernehmung von Damon Callis (James Ransone) vollends zum Verdächtigen gemacht hat. Um diesen davon abzuhalten, sich mit dem Verrat an Skelos - und damit auch an Geddes - einen Deal zu erkaufen, täuscht er einen Wutanfall an und fängt an, wahllos auf Callis einzuprügeln mit dem Vorwand, den Mörder seines Partners McCann vor sich zu haben. Der improvisierte Plan von Geddes und Agnew war es schließlich, die Morde an McCann, Anton Bobek und Billy Hobson allesamt Damon Callis in die Schuhe zu schieben.
He wants me where he can get me. On the street.
Eine Kooperation von Callis mit der Polizei gegen Skelos hätte diesen Plan natürlich zunichte gemacht. Nun ist der Plan trotzdem hinfällig, was Geddes seinem aufbrausenden Temperament zu verdanken hat. Von seinem Vorgesetzten Charles Dawson (Ruben Santiago-Hudson) bekommt er prompt die Quittung verpasst: Eine zweiwöchige Suspendierung. Seine letzte Option ist also Skelos selbst. Er sucht ihn auf und verlangt von ihm ganz unverblümt den Mord an Damon Callis. Er müsse verschwinden, damit ihre gemeinsame Operation nicht auffliege. Skelos springt jedoch nicht darauf an, er will keine weitere Gewalt.

Wie dünn das Eis sowieso schon ist, auf dem sich Geddes bewegt, bekommt er wiederum im Gespräch mit Agnew mitgeteilt. Der eröffnet ihm, dass Dani Khalil (Athena Karkanis) ihm dicht auf der Spur sei, ihn sogar des Mordes an McCann verdächtige. Dieser Verdacht erhärtet sich, als der Ermittler der internen Revision, Simon Boyd (David Costabile), Khalil einen spätabendlichen Besuch bei ihr zu Hause abstattet. Dabei schwärzt sie Joe Geddes an und versucht gleichzeitig, Frank Agnew in Schutz zu nehmen. Als ihr die Anschuldigungen gegen ihren One-Night-Stand Frank zu bunt werden, fordert sie Boyd zum Verlassen ihres Hauses auf. Der etwas eigenwillige Ermittler lässt sich nicht lange bitten: „I respect that. Bonsoir.“
Boyd ist jedoch schon einen Schritt weiter als Khalil. Er glaubt, genügend belastendes Material gegen Geddes und Agnew gesammelt zu haben, um bei der zuständigen Staatsanwältin einen Antrag auf Observation der beiden zu stellen. Gegenüber Geddes' Schuld hegt die Staatsanwältin keinerlei Skepsis, bei den Anschuldigungen gegen Agnew stutzt sie jedoch: „(He) has an impeccable record. Why would he do this?“ Boyd weiß auch darauf die passende Antwort: „There was a girl.“
Fazit
Was in dieser Review außer mit einer kurzen Erwähnung beinahe außen vorgelassen wurde, war das dramaturgische Mittel, das die Episode am meisten auszeichnete. Die detaillierte Darstellung der Verhöre der Mitglieder von Damon Callis‘ Straßencrew erinnerten in ihren besten Momenten an die akribische Darstellung der mühsamen Polizeiarbeit in The Wire.
Schnell wird dem geübten Zuschauer bewusst, dass er dabei einer äußerst realistischen Darstellung von polizeilicher Ermittlungsarbeit beiwohnt - fernab von High-Tech-Instrumenten und fortschrittlicher Ermittlungsmethoden. Das Detroit Police Department kann sich schlicht nicht mehr leisten, als ihre Ermittler mit den Verdächtigen in ein heruntergekommenes Verhörzimmer zu stecken und sie dort ihrem Instinkt nachgehen zu lassen.
Wie in Baltimore ist es auch in Detroit die Kunst der Befragung, die in den meisten Fällen zum Ermittlungserfolg führt. Dazu müssen die Ermittler über eine spezifische Gerissenheit, eine besondere List, ein gekonntes Pokerface verfügen. Aber dass Agnew und Geddes begnadete Lügner sind, steht ja außer Frage.
Trotz der etwas dürftigen Drehbuchvorlage sind die darstellerischen Leistungen auch in dieser Episode wieder vorzüglich. Hier sei zum wiederholten Male auf die Großartigkeit von Trevor Long als Sean Foster hingewiesen. Seine Figur hat zwar immer noch nicht wirklich ihren berechtigten Platz in der Geschichte gefunden, dient aber bei nahezu jedem Auftritt als dringend benötigter Comic Relief.
Jedes Mal, wenn ich eine Episode von Low Winter Sun gesichtet habe, hinterlässt mich dies mit einem unbestimmten Gefühl. Ich mag die Serie, ich mag ihre Charaktere, ich mag die Darstellung von Detroit, ich mag das Dunkle, Dreckige, das irgendwie Böse. Trotzdem fehlt mir etwas, das ich leider nicht spezifisch benennen kann. Vielleicht ist „LWS“ einfach eine dieser Serien, die man gerne schaut, bei der man sich aber gleichzeitig nicht wirklich wünscht, dass sie um eine weitere Staffel verlängert wird.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 28. September 2013(Low Winter Sun 1x07)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x07
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