Low Winter Sun 1x08

Am Ende der neuen Episode von Low Winter Sun findet das langsame Auseinanderdriften der beiden durch einen gemeinsamen Mord verbundenen Mordermittler Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) seine Vollendung. Was ist schon ein weiterer Mord, wenn man sowieso schon einen begangen hat? So oder so ähnlich muss Geddes gedacht haben, als er beschloss, sich seines größten Problems - Katia (Mickey Sumner) - auf die einfachste und gleichzeitig brutalstmögliche Art und Weise zu entledigen.
We all protect what we love
Die gesamte Geschichte scheint auf diesen Moment ausgerichtet zu sein. Hier kommt eine Entwicklung zu ihrem Ende, die in der ersten Episode begonnen hatte. Im Staffel- und vermutlich auch Serienfinale wird es folglich zur endgültigen Konfrontation zwischen den großen Antagonisten der Serie kommen. Agnew wird Jagd auf Geddes machen, weil der die große Liebe seines Lebens geopfert hat, um sich selbst zu retten. Sobald Simon Boyd (David Costabile) und Dani Khalil (Athena Karkanis) vom Mord an Katia erfahren, dürften auch sie keinen Zweifel mehr an Geddes' Schuld haben.

Dabei könnte auch der Chef des Morddezernats, Charles Dawson (Ruben Santiago-Hudson), ins Visier der Ermittler geraten, hat er doch - unwissentlich - Brendan McCanns Praxis gedeckt, die von Alexander Skelos (Alon Aboutboul) angeordneten Morde als Selbstmorde zu deklarieren. Mehr als in jeder anderen Episode wird in Revelations klar, wie verworren das Netz aus Lügen und Intrigen ist, das sich um das Detroit Police Department gesponnen hat. Sehr deutlich zeigt sie auch, wie einfach sich eigentlich rechtschaffene Polizisten in diesem Netz verfangen können.
Zu Beginn der Episode bereitet sich Agnew auf einen bevorstehenden Gerichtstermin vor, bei dem er als Zeuge gegen einen Mordverdächtigen aussagen muss. Der Fall taucht urplötzlich auf und hat augenscheinlich nichts mit der bisherigen Erzählung zu tun. Wozu die Thematisierung eines alten Mordfalls dienen soll, ist mir bis jetzt immer noch nicht klar. Vielleicht hat es ja ein Leser verstanden? Falls dem so ist, bitte in den Kommentaren posten! Der kleine dramaturgische Ausflug wird jedenfalls als Aufhänger für eine kurze Verschnaufpause innerhalb der Episode genutzt. Da vertragen sich Dani Khalil und Agnew nach kurzem Streit wieder. Er gibt ihr die Gelegenheit, ihm ihre Bewunderung auszusprechen. Balsam auf der Seele des geschundenen Polizisten.
Khalil ist es auch, die gegenüber Boyd, dem Ermittler der internen Revision, jeden Verdacht von Agnew ablenken will. Trotzdem scheut sie nicht davor zurück, ihm Informationen über Katia zu entlocken, welche Boyd als fehlendes Puzzlestück für die Lösung des Falls erachtet. Boyd selbst ist mit seinen Ermittlungen schon sehr weit. Dawson lotst er mit einer Einladung zum Abendessen („Why am I here, you peculiar little prick?“) in das Restaurant und an den Ort, wo Brendan McCann von Agnew und Geddes ermordet wurde. Wie Boyd so schnell den Tatort ausfindig machen konnte, bleibt jedoch im Ungewissen.
It's a new life
Während Geddes also gleichzeitig versucht, seine Familie aus der Schusslinie zu bringen und in Chicago ein Treffen mit Katia zu organisieren, findet Frank über seinen IT-Kumpel heraus, dass seine gesamte Kommunikation überwacht wird und seine Verfolger vermutlich über ihn an Katia herankommen wollten. Sehr wahrscheinlich steckt Geddes hinter dieser Abhöraktion - wie sonst hätte er Katia lokalisieren sollen? Unklar bleibt jedoch, ob Geddes Mitwisser und Helfer hat. Hier können wir uns auf ein spannendes Finale mit überraschenden Enthüllungen einstellen. Irgendein dunkles Geheimnis schwelt anscheinend noch unter der Oberfläche von Low Winter Sun.

Auch die Callis-Crew steht vor einer Zerreißprobe. Ihr Gegenspieler Skelos hatte in der letzten Episode den Hochmut bewiesen, die Kaution für die Haftentlassung von Damon Callis (James Ransone) zu übernehmen, und kehrt nun wieder in die Callis-Schaltzentrale, das „International“, zurück. Doch hat er eine böse Drohung im Gepäck: Sollte Callis irgendwelche Schritte gegen ihn unternehmen oder ihn gegenüber den Behörden anschwärzen wollen, würde er Mayas (Sprague Grayden) Kinder angreifen. Die Nachricht kommt an - und führt zu unterschiedlichen Reaktionen. Maya lässt sich einschüchtern und will sich alsbald aus dem Staub machen, um ihre Kinder zu schützen. Damon jedoch will sich Skelos stellen und ihm bei nächster Gelegenheit eine Kugel in den Kopf jagen.
Der Vater von Mayas Kindern - die gar nicht mehr bei ihr leben - ist Sean Foster (Trevor Long), jener Ex-Bulle, der keine echte Funktion für die Geschichte hat, außer des bitter benötigten comic relief. Immer tiefer scheint Sean zu fallen, bis ein fauler Zahn droht, das gesamte menschliche Wrack endgültig einzureißen. In einer denkwürdigen Szene reißt Agnew seinem Kumpel den faulen Zahn mit einer Beißzange heraus - eine vor Metaphorik nur so strotzende Szene. Genau wie die Szene, in der Agnew im Zeugenstand die Aussage seines zwischenzeitlich verstorbenen Kronzeugen verteidigt: „He had a motive: Sinnerman who tried to save his soul.“
Fazit
Die neue Episode von Low Winter Sun ist die bisher dramatischste der ersten Staffel. Teilweise machen es sich die Autoren jedoch zu einfach. Wichtige Ermittlungsergebnisse werden nicht dokumentiert, der Erkenntnisgewinn von Simon Boyd findet zum größten Teil in Abwesenheit der Zuschauer statt.
Gleichzeitig bleibt die Handlung der Serie äußerst komplex. Alles scheint irgendwie zusammenzuhängen. Um jedoch ein stimmiges Bild der diversen Verflechtungen erhalten zu können, müsste man sich als Zuschauer wohl ein Schaubild zusammenbasteln, das dem in Frank Agnews Wohnzimmer ähneln würde.
Vielleicht ist darin auch der Grund für das durchweg niedrige Zuschauerinteresse zu verorten. Hinzu kommt eine überaus anspruchsvolle Charakterzeichnung. Kaum eine Figur schafft es, die Sympathien der Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen. Als einziges, leuchtendes Beispiel könnte hierfür nur Dani Khalil herangezogen werden, die sich jedoch von ihrer Zuneigung zu Frank Agnew allzu oft blenden lässt.
Ein weiterer Lichtblick ist Sean Foster. Seine Figur hat jedoch das Problem, dass sie keinen echten Bezug zur Geschichte hat. Von allen außer Frank alleingelassen, fristet er ein erbärmliches Dasein auf den Straßen Detroits. Foster kann durchaus als Metapher für die ganze Stadt gelesen werden. Hoffnungslos heruntergekommen, innerlich aufgefressen, von äußeren Einflüssen und eigenem Verschulden gebeutelt: Detroit, du dunkler, du von allen Göttern verlassener Moloch!
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 12. Oktober 2013(Low Winter Sun 1x08)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?