Low Winter Sun 1x09

Warum nicht gleich so? Low Winter Sun wurde bekanntlich von Beginn an von Zuschauern und Kritikern verschmäht. In der vorletzten Episode Ann Arbor entfaltet die Serie endlich ihr volles Potential. Dies gelingt ihr, indem sie gänzlich neue Töne anschlägt. Die gesamte Episode gerät zur One-Man-Show, zu einer Charakterstudie Frank Agnews (Mark Strong). Er erlebt einen wahren Zusammenbruch, einen innerlichen und äußerlichen Niedergang, bekommt neue, düstere Charaktereigenschaften. Am Ende kann man sich als Zuschauer kaum noch sicher sein, ob Frank sich überhaupt noch in der realen Welt bewegt oder längst in seine ganz eigene Realität abgedriftet ist.
What I want to do before I die...
Unterstrichen wird das alles von der technischen Umsetzung der Episode, die ebenfalls einige Neuerungen birgt. Der Musikeinsatz schwingt sich plötzlich zu neuen Höhen auf. Parallel zu der Handlung werden auch die Bilder düsterer, abgründiger. Zwar war Low Winter Sun nie von besonders viel Helligkeit durchdrungen, die neuen Bilder sorgen jedoch für gesteigerte Dramatik und unterstreichen so den rasanten Niedergang des wichtigsten Protagonisten Agnew. Als seien dies noch nicht genug Überraschungen, kommt es am Ende sogar noch zu einer weiteren Wendung, die den Zuschauer mit einem grandiosen Cliffhanger aus der Episode entlässt.

Einer der interessantesten Charaktere der ganzen Serie, Sean Foster (Trevor Long), bekommt zudem rückwirkend seine Daseinsberechtigung. Bisher war er lediglich als comic relief und Sidekick für Agnew porträtiert worden. Über den gesamten Verlauf der Staffel kam immer wieder die Frage auf, welche dramaturgische Funktion diese Figur erfüllen sollte. Nun wissen wir es. In einem einzigen Handstreich sucht Foster Erlösung für sein gesamtes vermasseltes Leben. Foster hatte in Abwesenheit der Zuschauer einen ähnlich radikalen Zusammenbruch erlebt wie Agnew und wurde in Low Winter Sun als gebrochener Charakter eingeführt, der ein hundsmiserables Leben auf den Straßen Detroits fristete.
Nun sieht er eine Möglichkeit, diesem Leben neuen Sinn zu verleihen. Zuerst ist er Frank dabei behilflich, dessen Beschattung durch das Detroit Police Department zu umgehen und wichtige Unterlagen aus seinem Haus zu besorgen. Diese braucht Frank, um in einem letzten Aufbäumen das gesamte verrottete, bis ins Mark korrupte Morddezernat auffliegen zu lassen. Bis auf Dani Khalil (Athena Karkanis) haben sämtliche Hauptfiguren Dreck am Stecken. Wie schmutzig Joe Geddes (Lennie James) ist, muss hier nicht weiter erläutert werden. Doch auch der Leiter des Dezernats, Charles Dawson (Ruben Santiago-Hudson), hat sich - entweder durch Inkompetenz oder wohl wissend - schuldig gemacht. Er winkte sämtliche durch Skelos (Alon Aboutboul) angeordnete Morde als Selbstmorde durch. Eine Praxis, die die durch Skelos bestochenen McCann und Geddes eingeführt hatten.
Als Frank also erfährt, dass seine geliebte Katia (Mickey Sumner) ermordet wurde, brennen bei ihm alle Sicherungen durch. Fortan hat er nur noch zwei Ziele im Kopf: das „DPD“ in die Knie zwingen und sich aus dem Staub machen. Seine Handlungen werden zunehmend irrational, er leidet unter Schlafmangel, seinen eigenen Verfehlungen und der bitteren Erkenntnis, sein Leben verpfuscht zu haben. So nimmt er sich trotz des enormen Drucks mehrere kleine Auszeiten. Einmal kehrt er an den Ort zurück, an dem er und seine Exfrau am glücklichsten waren. Ein anderes Mal legt er sich mit Bauarbeitern an, die gerade mit dem Abriss eines Nachbarhauses beschäftigt sind: „Keep rippin' 'em down. Misery's money, right?“
Being alive is hard
Mark Strong liefert auf diesem Parforceritt eine grandiose schauspielerische Leistung ab. Die Kamera verbringt viel Zeit damit, auf seinem Gesicht zu verharren. Sein Ausdruck pendelt zwischen Angst, Verwirrung, Verzweiflung und - ja, durchaus - blankem Wahnsinn. Nachdem er die Hinterbliebenen von Skelos' Mordopfern mit den nötigen Informationen für eine Wiedereröffnung der Fälle versorgt hat, widmet sich Frank der Organisation seiner Flucht nach Deutschland. Warum Deutschland? „Because it is far away.“ Auf dem Weg zum Flughafen erleidet Frank einen Nervenzusammenbruch oder gar einen Herzinfarkt - so genau kann das nicht bestimmt werden.

Irgendwie verleitet ihn dieses Erlebnis dazu, seine Flucht abzubrechen und zu seiner Exfrau nach Ann Arbor zu fahren. Dieser Charakter kommt zum ersten Mal vor, spielt in Franks Leben jedoch scheinbar eine immer noch gewichtige Rolle. Hier driftet die Episode endgültig vom bisher eingeschlagenen Pfad ab - und dürfte damit seine verbliebene Zuschauerschaft spalten. Ich gehöre zu der Fraktion, die diese überraschende Wendung uneingeschränkt begrüßt - ganz einfach deswegen, weil Low Winter Sun dadurch zum ersten Mal zu „Edge-of-the-seat-television“ wird.
Völlig verstört überrumpelt Frank da seine Exfrau in deren Haus, zu keinem Zeitpunkt können wir uns sicher sein, ob er ihr etwas antut und was genau seine Absichten sind. Offensichtlich braucht er ihre Nähe, hat die Trennung von ihr nie richtig überwunden. Wir erfahren, dass sie vor Jahren bereits eine Klage gegen ihn eingebracht hat, damit er sich ihr nicht mehr nähern darf. Noch einmal macht sie ihm die gleichen Vorwürfe, die sie ihm wohl damals schon gemacht hatte: „There is something horribly wrong with you.“ Und, als niederschmetterndes Fazit: „You are death.“ Daraufhin schnappt Frank völlig über, will sich umbringen, hat die Waffe schon am Hals - Hochspannung beim Publikum! Seine Exfrau schafft es jedoch, ihn vom Selbstmord abzubringen. Sie ruft die Polizei, er wird nach Detroit zurückgebracht. Dort erwartet ihn und die Zuschauer schließlich die größte Überraschung der gesamten Serie.
Fazit
Nach dieser Episode dürfte sich die ohnehin überschaubare Anhängerschaft von Low Winter Sun in zwei Lager geteilt haben. Zu überraschend, zu kontrovers, zu verblüffend ist der Verlauf von Ann Arbor.
Von mir gibt es uneingeschränkt Applaus für dieses Meisterwerk einer Charakterstudie. Mark Strong begibt sich als gebrochener Mordermittler Frank Agnew auf eine Tour de Force durch sein eigenes, verpfuschtes Leben.
Die Ensembleserie wird zur reinen One-Man-Show, einzelne Nebencharaktere haben nur kleine Auftritte, Agnew drückt dieser Episode seinen mächtigen Stempel auf. Kompliment an Autoren- und Produktionsteam, sich auf ein solch riskantes Unterfangen einzulassen. Interessant wäre zu wissen, ob die Episode von Beginn an so geplant war oder ob dies als letzte, fatalistische Reaktion auf die schwachen Einschaltquoten zu verstehen ist.
So oder so - Low Winter Sun liefert mit Ann Arbor seine bislang stärkste Episode ab. Die Dunkelheit von Detroit hat sich längst auf das Seelenleben Agnews übertragen. Dies geht sogar so weit, dass man sich als Zuschauer kurz unsicher ist, ob der Katia-Charakter wirklich existiert hat oder ob sie nur ein Produkt von Franks Wahnvorstellungen ist. Verwirrung, Überraschung, Dunkelheit: „Low Winter Sun“ macht hier alles richtig.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 13. Oktober 2013(Low Winter Sun 1x09)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x09
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