Low Winter Sun 1x10

„It's over. We got 'em.“ Selbst wenn Low Winter Sun zu keinem Zeitpunkt an die dramaturgische Genialität von The Wire herankommt, so hinterlässt uns die Serie doch mit dem gleichen Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der unguten Gewissheit, dass viel zu oft nicht etwa Gerechtigkeit, sondern das Recht des Stärkeren obsiegt. Nach der One-Man-Show in Ann Arbor kehrt die Serie im zweiten Teil des Staffelfinales zum business as usual zurück. Bisher hat der ausstrahlende Sender AMC noch keine offizielle Entscheidung über das weitere Schicksal der Serie verlautbaren lassen. Jedoch fühlte sich dieses Finale doch sehr wie ein Serienabschluss an.
You and me, we played and lost
Die Nachricht über eine Verlängerung wäre also geradezu eine Sensation - und das im negativen Sinne. So packend der Stoff auch war: Für mehr als eine aufgestockte Miniserie reicht das Material einfach nicht. Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) sind mit der Lüge ihres Lebens davongekommen. Hierfür kann es keine Wiedergutmachung geben. Geddes sprach in der ersten offenen und ehrlichen Konfrontation zwischen den beiden davon, einen Deal mit dem Teufel eingegangen zu sein. Dieser Prozess ist nun vollends abgeschlossen. Die beiden hätten mit einer Rettung des sich selbst opfernden Sean Foster (Trevor Long) ihre Restwürde behalten können. Sie entschieden sich dagegen.

Diese Entscheidung haben sich die Drehbuchautoren sicherlich nicht leicht gemacht. Man muss jedoch festhalten, dass es die richtige Entscheidung war. Sie ist vollkommen kohärent mit den bisherigen Porträts der beiden Charaktere. Außerdem schlägt sie den letzten Nagel in den Sarg, mit dem die Hoffnungen der Zuschauer nun endgültig begraben wurden. Es gibt keine Erlösung, es gibt keine Schuld, es gibt nur diejenigen, die fressen, und diejenigen, die gefressen werden. Genau das will uns Low Winter Sun vermitteln. Da verwundert es kaum, dass die Serie nicht gerade berauschende Zuschauerzahlen für sich verbuchen konnte: zu düster, zu hoffnungslos, zu radikal. Wie The Wire, das ja ebenfalls bei seiner Erstausstrahlung kein großes Publikum erreichte.
Ein großer Unterschied zwischen den beiden Formaten besteht jedoch darin, dass The Wire auf beiden Seiten des Gesetzes von liebevoll modellierten und deshalb auch sympathischen Charakteren bevölkert war. In Low Winter Sun gibt es solche Charaktere nicht - mit Ausnahme vielleicht der wunderbaren Athena Karkanis als Dani Khalil. Doch auch sie bleibt von den monströsen Verwicklungen innerhalb des Morddezernats nicht verschont: „You're a good cop. If I were you, I'd pack my shit up and leave.“ Renn, kleine Dani, renn so schnell du kannst!
Den Mangel an sympathischen Charakteren gleicht Low Winter Sun mühelos mit gebrochenen und verzweifelten Figuren aus. Allzu gut können wir den Wutanfall Simon Boyds (David Costabile) nachvollziehen, als er vor dem Staatsanwalt und der stellvertretenden Bürgermeisterin die Hosen herunterlässt und zwei seiner Kollegen beschuldigt, den Mord an Brendan McCann begangen zu haben - völlig zu Recht natürlich. Mich hätte es nicht gewundert, hätten wir Boyd am Ende der Episode gesehen, wie er sich nach dem Genuss seines (vierfachen?) Wodkas aus dem Fenster stürzt.
You know I'm right
Vielleicht wäre diese Wendung zu viel des Guten (oder Düsteren?) gewesen. Weniger desillusioniert sind wir dadurch jedoch nicht, obwohl in Surrender sämtliche lose Enden zusammengefügt werden. Sean Foster bleibt hartnäckig bei seiner Behauptung, für die Morde an McCann, Billy Hobson und Anton Bobek verantwortlich zu sein. Weder von Frank noch von seiner Exfrau Maya Callis (Sprague Grayden), die ihm ein falsches Alibi anbietet, lässt er sich zu einer Rücknahme seiner Aussage überreden. Irgendwann kommt schließlich auch Frank zu der Einsicht, dass er bei so viel Hartnäckigkeit gleich seinen eigenen Arsch retten könnte. In einer stillen und dafür umso dramatischeren Szene verabschiedet er sich von Sean: „I just wanted to say goodbye.“ Darauf der gebrochene Sean: „I told you: I'm no good.“

Zu diesem Zeitpunkt hat der Rest des Departments den Fall längst abgehakt und beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der vergangenen Ereignisse. Die Details darüber müssen hier nicht einzeln aufgezählt werden, ein Zitat Frank Agnews dürfte ausreichen: „No apologies. Declare victory and move on.“ Keine Entschuldigung, keine Einsicht, keine Reue. Nur Dani Khalil bäumt sich gegenüber Agnew noch einmal auf: „You're a coward. Stop pretending you're some kind of a crusader, too.“
Auch der Handlungsbogen um Damon Callis (James Ransone) und seine Crew findet ein bitteres Ende. Nachdem er seine Ehefrau Maya mit dem Vorhaben, seinen großen Rivalen Alexander Skelos (Alon Aboutboul) zu ermorden, vertrieben hat, setzt er ebenjenes in die Tat um. Gemeinsam mit Nick Paflas (Billy Lush) überfällt er Skelos auf offener Straße und streckt ihn mühelos nieder. Doch die Rache des Skelos-Geschäftspartners „Reverend Lowdown“ (Ron C. Jones) lässt nicht lange auf sich warten. Genauso unglamourös wie Skelos stirbt auch Damon. Paflas kann da nur noch hinterherschauen und der trauernden Witwe Maya in einer großartigen Szene wortlos vom Geschehenen berichten. „There's a legend going 'round the D. White boy thought he could hit me without remuneration.“
Fazit
Low Winter Sun ist eine packende, mitreißend erzählte, abgrundtief düstere Geschichte aus einer zerfallenden Stadt. Die Kulissen sehen teilweise so aus, als würde bald ein Zombie aus The Walking Dead aus ihnen herauskriechen. Doch dies ist keine postapokalyptische Welt. Dies ist Detroit, die größte Stadt Amerikas, die jemals Insolvenz anmelden musste.
Entsprechend gebrochen sind die Figuren, die diese Stadt bevölkern. Die Welt, die hier porträtiert wird, könnte auch als spät- oder gar postkapitalistischer Albtraum beschrieben werden. Darin streiten sich zu viele Menschen um zu wenige Güter. Darin nimmt niemand Rücksicht. Darin existiert keine Nächstenliebe, keine Nachbarschaft, kein Vertrauen. Selbst Charles Darwin würde wohl beim Anblick dieses menschlichen Versagens erschaudern.
Einen Lichtblick suchen die Zuschauer vergebens. Im Finale zementieren die Autoren diese Position in besonderer Radikalität, indem sie eine Welt voll Hoffnungslosigkeit und Zynismus hinterlassen. Will man in eine solche hyperrealistische Welt eintauchen, ist man mit Low Winter Sun gut bedient. Will man den Sieg des Guten - was auch immer das sein soll - miterleben, sollte man von dieser Serie besser die Finger lassen.
Seine Zuschauer konnte AMC jedenfalls nicht überzeugen. Selbst mit dem stärksten vorstellbaren Lead-in, den finalen Episoden von Breaking Bad, schaffte es die adaptierte Dramaserie nicht, eine größere Anhängerschaft zu mobilisieren. Mich wundert das kaum. Ich jedoch mochte die Serie, ihren Look, ihre Kulissen, ihre Charaktere. Trotzdem wünsche ich mir keine Verlängerung. Low Winter Sun ist „Arthouse“-Fernsehen - für wenige gemacht, von wenigen gesehen. So kann es gerne bleiben.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 13. Oktober 2013(Low Winter Sun 1x10)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x10
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