Low Winter Sun 1x02

Ob wir als Zuschauer in dem heutigen „Golden Age of Television“ einfach zu verwöhnt sind? Anders lässt es sich kaum erklären, dass bei Low Winter Sun der Funke nicht so richtig überspringen will. Mit The Goat Rodeo haben wir nun zwar erst die zweite Episode gesehen, die Geschichte fühlt sich aber merkwürdigerweise fast schon so an, als wäre sie bald aus erzählt. Dabei haben die Verwicklungen rund um die beiden zentralen Charaktere Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) doch gerade erst begonnen.
As far as I'm concerned, Joe Geddes is the investigation
Trotzdem hat man schnell den Eindruck, als gebe es nicht mehr viel zu entdecken im heruntergekommenen Detroit. Die Rollen waren bereits nach der Auftaktepisode klar verteilt und werden in der neuen noch einmal bestätigt. Schnell stellt sich heraus, dass Frank Agnews Vermutungen gegenüber Geddes begründet waren. Der eigentlich als Antiheld eingeführte Agnew verblasst etwas gegen die Skrupellosigkeit von Geddes. Der bewegt sich scheinbar mühelos in der Halbwelt zwischen Gesetzeshütern und Kriminellen. Dabei missachtet er direkte Befehle seines Vorgesetzten Charles Dawson (Ruben Santiago-Hudson), kanzelt seine Kollegen ab und trifft sich in aller Öffentlichkeit mit stadtbekannten Kriminellen.

Eigentlich hätte er jedoch allen Grund, sich etwas unauffälliger zu verhalten. Schließlich steht er im Mittelpunkt der von Simon Boyd (David Costabile) angeführten Ermittlung der internen Revisionsabteilung. Wie Frank Agnew herausfindet, war nicht der ermordete Brendan McCann (Michael McGrady) die Zielperson von Boyds Ermittlungen, sondern Geddes. Schnell geht ihm ein Licht auf: Er wurde von Geddes manipuliert, um sich McCann entledigen zu können. Da Geddes Agnew zum Mord an McCann mit dem Argument überredet hatte, McCann habe Agnews Freundin Katia (Mickey Sumner) umgebracht, steht diese Theorie für Frank natürlich auch wieder zur Disposition.
Das alles sind Enthüllungen, die sich andere Dramaserien für ihr Staffelfinale aufheben - die Autoren von Low Winter Sun verpulvern solche kostbaren plot points jedoch schon zum Auftakt der Staffel. Als natürliche Folge davon erwarten wir ein erhöhtes Erzähltempo, was ja auch gegeben ist. Paradoxerweise reißt uns dieses aber nicht wirklich mit. Zu schnell wandeln sich Agnew und Geddes von Komplizen zu Gegenspielern, zu harsch rebelliert sich Joe Geddes durch die Episode. Eigentlich wirkt seine Figur wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Warum es sich für ihn lohnt, trotzdem weiter seine Versteckspielchen aufrechtzuerhalten, wird zu keinem Zeitpunkt ersichtlich.
Bei Frank verhält es sich ähnlich. Der Zuschauer erfährt lediglich in sehr kurzen Rückblenden, dass er seiner verschwundenen Freundin Katia hinterher trauert. Dabei machen es sich die Macher sehr einfach, indem sie schlicht die gleiche Rückblende verwenden wie in der Auftaktepisode. Darin haucht Katia ihrem Frank verschwörerisch zu, dass er gar nicht alles über sie wissen müsse. Warum er sich also wegen ihr zu einem Mord hat hinreißen lassen, wird gar nicht herausgearbeitet. Es scheint jedenfalls nicht so, als hätten sich die zwei Liebhaber schon sehr lange gekannt. Sonst müsste Frank ja nicht fragen: „I want to know everything about you.“
We all go out like a bitch
Die Antihelden der Film- und Seriengeschichte berufen sich ja oftmals auf ihre Familie. Diese bedeutet ihnen meistens mehr als das eigene Leben, sie würden sich ohne Zögern selbst opfern, um ihre Geliebten zu retten. Eigentlich ist es eine willkommene Abwechslung, dass Low Winter Sun auf diese recht ausgelutschte Motivation verzichtet. Der Ersatz, den sich Autor Chris Mundy ausgedacht hat, will aber auch nicht so richtig überzeugen. Hätte Agnew seinem Kollegen - er war nicht einmal sein Partner - einfach glauben dürfen? Lässt sich ein gestandener Cop wirklich aus Liebe zu einer Prostituierten zu einem kaltblütigen Mord hinreißen? Die Prämisse der Serie gerät hier zum ersten Mal ins Wanken.

Außerdem hat das Drehbuch zum Ende der zweiten Episode schon alle seine Karten auf den Tisch gelegt. Geddes ist der schmutzigste Hund von allen, Boyd ist hinter ihm her, Frank steht da wie ein begossener Pudel, Katia lebt noch und Damon Callis (James Ransone) ist immer noch ein kleiner Fisch. Seinem Handlungsstrang lassen sich immerhin einige positive Aspekte abgewinnen - abseits der Tatsache, dass der Rezensent ein großer Ransone-Fan (hach, Ziggy) ist.
Damon und seine Ehefrau Maya (Sprague Grayden) haben große Ambitionen. Mit McCann waren sie einen Tauschhandel eingegangen. Er verschaffte ihnen Zugang zu diversen Drogenlagern der Konkurrenz, dafür lieferten sie einen der mächtigsten Drogenbosse der Stadt, den bisher ohne Auftritt gebliebenen „Skelos“, an ihn aus. Nun, da McCann tot ist, hat sich dieser Deal natürlich in Luft aufgelöst. Geddes, der davon wusste, jedoch nicht direkt involviert war, macht Damon unmissverständlich klar, dass es mit ihm keine neuen Geschäfte gebe. Nun sitzen die Kleinganoven also auf einem großen Haufen Koks und wissen nicht, wie sie dieses an den Mann bringen sollen.
Erfrischend an dem Porträt der Gangsterbande ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um völlig skrupellose Schwerkriminelle handelt. Michael (James Harvey Ward) will beispielsweise das erbeutete Kokain erst einmal ein halbes Jahr verwahren, um bei der Konkurrenz keine unnötigen Fragen aufzuwerfen. Damon jedoch sieht bereits große Gewinnmargen und einen schnellen Aufstieg vor sich und plant deshalb, die Drogen gemeinsam mit Prostituierten in einer verlassenen Hausruine anzubieten. Wieder fragt er den örtlichen Bandenboss ganz untertänig um Erlaubnis. Einigen Zuschauern dürfte dieses etwas naive Porträt wenig gefallen, an dieser Stelle wird es jedoch als willkommene Abwechslung aufgefasst.
Fazit
Low Winter Sun legt sehr schnell die Karten auf den Tisch. Hierbei stellt sich die Frage, woher jetzt noch die Spannung kommen soll. Übrig bleiben momentan nur noch die Jagd Boyds auf Agnew und Geddes und das Rätsel um den Verbleib Katias. Dem Handlungsstrang rund um Damon Callis wurde ebenfalls etwas die Brisanz genommen, da es sich bei den Ganoven doch um sehr kleine Fische zu handeln scheint.
Strong und James spielen ihre Rollen weiterhin mit großer Intensität. Zeitweise schießen sie leider etwas über das Ziel hinaus. Natürlich stehen beide Figuren vor den Trümmern ihrer Existenz. Ob dabei jedoch jedes einzelne Wort mit Pathos und Bedeutungsschwere aufgeladen sein muss, bleibt trotzdem fraglich. Der Serie fehlt eine leichtere Komponente, die den Zuschauer auch einmal durchatmen lässt.
Während also der dramaturgischen Ausrichtung der Feinschliff fehlt, befindet sich die technische Umsetzung weiterhin auf hohem Niveau. Regisseur Ernest Dickerson taucht die Geschichte in dunkle Töne, setzt natürliches ebenso wie künstliches Licht geschickt ein. Ein weiteres Highlight ist der Vorspann, der mit einem großartigen Song und tollen Aufnahmen von Detroit den Zuschauer sogleich in die angemessene düstere Stimmung versetzt.
Die Geschichte wird vor dem Hintergrund einer zerfallenen Stadt erzählt. Die Kaputtheit der einstigen Industriemetropole scheint auf die Charaktere übergesprungen zu sein. Vielleicht hat man sich deshalb dazu entschieden, auf narrative Lichtblicke weitgehend zu verzichten. Es sieht sehr düster aus für Detroit und seine Bewohner.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 22. August 2013(Low Winter Sun 1x02)
Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x02
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