Low Winter Sun 1x01

Low Winter Sun 1x01

Düstere Charaktere, heruntergekommene Stadtviertel, Korruption und moralischer Verfall. Low Winter Sun porträtiert Leben und Arbeit von Polizisten und Kriminellen in Detroit. Vor allem aber ist die Serie das Porträt einer sterbenden amerikanischen Großstadt.

Joe Geddes (Lennie James) macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Karriere als Detective. / (c) AMC
Joe Geddes (Lennie James) macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Karriere als Detective. / (c) AMC

Keine vier Wochen ist es her, dass die einstige amerikanische Industriemetropole Detroit, wegen der dort angesiedelten Automobilindustrie im Volksmund „Motor City“ genannt, Insolvenz anmelden musste. Die öffentlichen Kassen sind leer, seit dem Ende der Industrialisierung hat die Stadt mehr als die Hälfte seiner Einwohner verloren. Mit der Bankrotterklärung ist Detroit die größte amerikanische Stadt, die jemals offiziell ihre Zahlungsunfähigkeit eingestehen musste.

Folks talking about morality like it's black and white

Der materielle Verfall lässt sich beinahe an jeder Straßenecke, vor allem in Downtown Detroit, beobachten. Besonders eindrucksvoll haben dies die beiden französischen Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre in ihrer Fotoreportage The Ruins of Detroit festgehalten. Die ganze Stadt scheint ein Symbol für die Hybris des amerikanischen Kapitalismus zu sein. Sie ist ein Abenteuerspielplatz für Industrieromantiker, ein archäologisches Relikt aus einer scheinbar unendlich weit entfernten Epoche.

Kathedrale des Verfalls: der ehemalige Hauptbahnhof von Detroit; %26bdquo;Michigan Central Station%26ldquo;. © Yves Marchand/Romain Meffre
Kathedrale des Verfalls: der ehemalige Hauptbahnhof von Detroit; %26bdquo;Michigan Central Station%26ldquo;. © Yves Marchand/Romain Meffre

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Detroit eine blühende Industrie beheimatete. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dann die strategische Entscheidung getroffen, die Automobil- und Waffenproduktion zu dezentralisieren, woraufhin noch mehr Arbeitsuchende in den aufkeimenden Vororten der Stadt eintrafen. Die Unruhen im Zuge der Bürgerrechtsbewegung während der 1960er Jahre trafen die Stadt besonders schwer, danach sorgten die aufkommende Globalisierung und eine sinkende Nachfrage nach amerikanischen Automobilerzeugnissen für den weiteren Niedergang. Gut bezahlte Industriejobs wurden einer nach dem anderen ins Ausland verlagert, die amerikanische Mittelschicht immer weiter marginalisiert.

Ähnliche Schicksale sind in anderen amerikanischen Großstädten zu beobachten, in Baltimore, Chicago, Pittsburgh oder Cleveland. Diese ehemaligen Industriekonglomerate waren einst unter dem Begriff „Manufacturing Belt“ zusammengefasst. In bitterer Ironie wird die Region heutzutage nur noch „Rust Belt“ genannt. Zwei Faktoren befeuerten den Untergang Detroits jedoch weiter. Zum einen pressten korrupte Stadtoberhäupter und selbst ernannte „Reformer“ die Stadt aus wie eine Zitrone, indem sie in die eigene Tasche wirtschafteten. Zum anderen war ein Großteil der Detroiter Immobilien aus Holz gefertigt, was zu einem schnelleren Verfall führte als in Baltimore oder Washington, D.C., wo Backsteinhäuser vorherrschen.

Low Winter Sun gesellt sich nun zu den amerikanischen TV-Serien, die den Niedergang ehemals bedeutender Großstädte porträtieren, wie The Wire (Baltimore) oder Treme (New Orleans). Kein Wunder also, dass sich mit James Ransone und David Costabile zwei Veteranen dieser anspruchsvollen Serienproduktionen in Hauptrollen wiederfinden. Zu ihnen gesellt sich Detroit als heimlicher Hauptdarsteller. In langen Einstellungen, in Totalen und Halbtotalen wird der allgegenwärtige Verfall mit der Erzählung verschnitten. Das Gegenbild zum materiellen Niedergang in der Stadt wird indes vom moralischen Verfall innerhalb ihrer Institutionen dargestellt.

Let the cops do our dirty work

Die Pilotepisode eröffnet mit einer Nahaufnahme des Gesichts von Hauptcharakter Frank Agnew (Mark Strong). Langsam rollt eine Träne seine prägnanten Wangenknochen herunter. Er weiß, dass die nächsten Minuten sein ganzes Leben auf den Kopf stellen werden und er an einem Punkt angelangt ist, von dem er nie wieder wird umkehren können. Zusammen mit seinem Polizeikollegen Joe Geddes (Lennie James) ermordet er den verhassten und korrupten Polizisten Brendan McCann (Michael McGrady). Gemeinsam ertränken sie ihn in der Küche eines Restaurants, nachdem sie sich die Schlüssel vom befreundeten Besitzer haben aushändigen lassen. McCann kann sich kaum wehren, er ist schwer betrunken.

Simon Boyd (David Costabile) war hinter Brendan McCann her; fortan widmet er sich Agnew und Geddes. © AMC
Simon Boyd (David Costabile) war hinter Brendan McCann her; fortan widmet er sich Agnew und Geddes. © AMC

Im Folgenden lassen sie sich auf ein gefährliches Spiel ein. Sie wollen den Tod McCanns wie einen Selbstmord aussehen lassen und versenken ihn in seinem Wagen im Detroit River. Auch an die Überwachungskameras vor McCanns Haus haben sie gedacht. Erfolgreich gelingt es ihnen, die Aufnahmen so zu manipulieren, dass sie vorerst nicht als Verdächtige in Frage kommen. Was sie jedoch erst am nächsten Morgen herausfinden: McCann befand sich im Fadenkreuz der internen Revision unter der Leitung von Simon Boyd (Costabile, auch bekannt als schrulliger Chemiker Gale Boetticher in Breaking Bad).

McCann selbst schwadronierte in seiner Todesnacht über einen bevorstehenden „großen Tag“ und dass er bald von den „Ratten“ aufgesucht werden würde. Boyd und Kollegen hatten wohl hinreichende Beweise für seine Verwicklung mit Figuren aus der lokalen Unterwelt zusammengetragen und wollten ihn just am nächsten Tag mit ihren Ermittlungsergebnissen konfrontieren. Tatsächlich war der korrupte McCann mit dem aufstrebenden Gangster Damon Callis (Ransone) in unheiliger Allianz verbunden. Wann immer McCann ein Drogendepot aushob, trat er einen Großteil des Drogenfundes an Callis und seine Bande ab - wahrscheinlich, um später an den Einnahmen der Drogengeschäfte beteiligt zu werden.

Im wahrlich heruntergekommenen Polizeidezernat löst die Nachricht von McCanns Tod und den Ermittlungen gegen ihn große Hektik und Empörung aus. Joe Geddes hat einerseits die berechtigte Sorge, er könne nun als ehemaliger Partner von McCann ebenfalls verdächtigt werden. Andererseits wundert sich Agnew, ob Geddes nicht ein falsches Spiel mit ihm spielt und seinen grenzenlosen Hass auf McCann - dieser hatte wohl etwas mit dem Tod einer ehemaligen Geliebten Agnews zu tun - ausnutzte, um sich seines Partners auf die denkbar einfachste Art zu entledigen.

Verräterisch für Geddes ist auch die Tatsache, dass sämtliche Daten auf dem Laptop McCanns unwiderruflich gelöscht wurden. Agnew verdächtigt sogleich Geddes, weil McCann selbst kaum gewusst habe, wie man einen Laptop überhaupt einschaltet. Im Laufe der Episode wird offenbar, was sich wohl über die gesamte erste Staffel hinziehen wird: Hier arbeitet jeder gegen jeden. In dieser sterbenden Stadt sind es vor allem die Einwohner, die für den langsamen Tod ihrer Heimat verantwortlich sind.

Fazit

Hauptcharakter Frank Agnew ist ein gebrochener Mann in einer gebrochenen Stadt, der immer weiter in einen Abgrund aus moralischem Verfall, Betrug und Verrat schlittert. Der britische Schauspieler Mark Strong hat diesen Charakter schon in der gleichnamigen britischen Originalversion, einer Miniserie aus dem Jahre 2006, verkörpert.

Chris Mundy (Criminal Minds, Hell on Wheels) hat den Stoff nun für den amerikanischen Fernsehmarkt adaptiert und die Handlung aus dem schottischen Edinburgh nach Detroit verlegt. Dabei könnte Low Winter Sun glatt als eine Art Fortsetzung von The Wire gesehen werden, die apokalyptischen Bilder aus der postindustriellen Großstadt erinnern bisweilen sogar an die verwüsteten Landschaften aus The Walking Dead.

Regisseur Ernest Dickerson (Treme, Dexter, The Walking Dead) setzt dabei auf einen filmischen Retrostil. Er fängt die weiten, verfallenen Großstadtpanoramen so grandios ein, dass die Akteure im Vergleich beinahe zu winzigen Tieren verkümmern, die sich in den Ruinen um die letzten Brotkrumen balgen. In jedem Detail steckt der Verfall, die Abnutzung, der Dreck.

Bisweilen belegen die Darsteller ihr Spiel jedoch mit zu viel Bedeutungsschwere. Ganz so, als könnte jedes ausgesprochene Wort den Lauf ihres ganzen Lebens ändern. Dies dürfte auch dem großzügigen Einsatz von two shots (Einstellungen mit zwei Personen im Bild) geschuldet sein. Vor allem James und Strong fallen in diese Kategorie. Costabile sorgt unterdessen mit seinen weichen Zügen und der hellen Stimme für Abwechslung.

Zusammen schaffen sie es jedoch, die düstere Grundstimmung dieses Copthrillers erfolgreich zu etablieren. Low Winter Sun startet ambitioniert und lässt auf weitere spannende Geschichten aus dieser untergegangenen Metropole hoffen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 13. August 2013
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Low Winter Sun 1x01)
Deutscher Titel der Episode
24 lange Stunden
Titel der Episode im Original
Pilot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 11. August 2013 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 16. Januar 2014
Regisseur
Ernest R. Dickerson

Schauspieler in der Episode Low Winter Sun 1x01

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