Legion 1x06

© zenenfoto aus der âLegionâ-Episode âChapter 6â / (c) FX
Der wilde und unvorhersehbare Ritt namens Legion geht auch in Chapter 6 unvermittelt weiter. Wie in der vorherigen Episode schon angedeutet, hat Lenny/The Yellow Eyed Devil (Aubrey Plaza) die Kontrolle an sich gerissen und nun die Summerland-Crew sowie The Eye (Mackenzie Gray) ohne deren Wissen zu Patienten im Clockwork gemacht.
So steht der erste Episodenteil auch im Zeichen der einzelnen Therapiesitzungen mit diesen und Lenny als Therapeutin. Melanie (Jean Smart) leidet etwa unter dem Verlust ihres Mannes und bildet sich the frozen man ein, der nie altert und sich nie verÀndert, wÀhrend sie seine Kleidung aufhebt und die Nachricht auf dem Anrufbeantworter behÀlt. Diagnose: Sie ist diejenige, die emotional erfroren ist.
Memory Artist Ptonomy (Jeremie Harris) ist gefangen in dem Moment, in dem seine Mutter von ihm gegangen ist. Der folgenschwere Tag, an dem sie beim BerĂ€umen der SpĂŒlmaschine tot umgefallen ist, lĂ€sst ihm keine Ruhe. Diesen Moment besucht er also immer und immer wieder und hat sich jegliches Detail eingeprĂ€gt. Von seinem Spielen mit Silly Putty und der Zeitung, dem Song â99 Luftballonsâ, der im Radio lief, und dem Fakt, dass sein Vater gerade in Deutschland stationiert war.
Den Geschwistern Kerry (Amber Midthunder) und Cary (Bill Irwin) wird ein ungesund nahes VerhĂ€ltnis diagnostiziert. Es ist interessant, was passiert, wenn man in manchen FĂ€llen die MutantenkrĂ€fte entfernt, denn das, was dann ĂŒbrig bleibt, wirkt tatsĂ€chlich wie eine Geisteskrankheit. Die beiden sind aus dieser Sicht hierfĂŒr ein Paradebeispiel.
The Eye hingegen hören wir - sofern ich mich nicht irre - zum ersten Mal in lĂ€ngeren SĂ€tzen sprechen. Sein Problem: Er war der letzte in seiner Schulklasse, der die PubertĂ€t durchlebte und zum Mann wurde. Vielleicht kann man das auch als Metapher dafĂŒr verstehen, dass seine besondere KrĂ€fte verhĂ€ltnismĂ€Ăig spĂ€t kamen. Allerdings meint er, dass dieser Prozess ohnehin kein Rennen, sondern ein natĂŒrliches Ereignis ist. The Eye bleibt rĂ€tselhaft, ĂŒber seine KrĂ€fte können wir nur spekulieren. Er scheint, Ă€hnlich wie David, Visionen in anderen erschaffen (siehe Chapter 4) und sich auch fĂŒr andere Personen ausgeben zu können. Er benimmt sich von allen âPatientenâ am auffĂ€lligsten und stellt Kerry spĂ€ter auf unheimliche Weise nach.
Sydney bemerkt den Glitch

Sydney (Rachel Keller) bemerkt direkt, dass in dieser LebensrealitĂ€t etwas nicht stimmt. Ihr Vergleich ist ein Traum, bei dem die Details nicht stimmen und man deswegen ahnt, dass es nicht die RealitĂ€t ist. Langsam muss man sich fragen, ob die Serie nach dem Piloten je den ursprĂŒnglichen Handlungsort verlassen hat und sich seitdem ALLES nur in Davids Verstand abspielt... Zuzutrauen wĂ€re es Noah Hawley und seinen Kreativen rund um den Episodenautoren Nathaniel Halpern und dem Episodenregisseur Hiro Murai (Atlanta) durchaus.
Nun zu Therapeutin Lenny. Ein ĂŒberfĂ€lliges Lob ĂŒbrigens auch fĂŒr Plazas grandiose Performance, die die volle Bandbreite von komisch, kumpelig, machthungrig und unheimlich bis hin zu psychotisch abdeckt und inzwischen mit zu dem Besten gehört, was die Serie Woche fĂŒr Woche schauspielerisch in einem ohnehin fantastischen Cast abliefert.
Don't forget to take your meds

Ob der Feind zu gröĂenwahnsinnig ist, um Sydney ernst zu nehmen oder nicht, wird erst spĂ€ter klar. ZunĂ€chst sollen die Medikamente helfen, sie abzulenken und ruhig zu stellen. SpĂ€ter folgen noch rabiatere Mittel, denn Sydney gibt einfach nicht auf, forscht nach und entdeckt eine mysteriöse TĂŒr, hinter der sich dunkle Geheimnisse verbergen. Davids Schwester Amy (Katie Aselton) ĂŒbernimmt in dieser RealitĂ€tsvariante die Rolle der strengen Schwester und Aufseherin, die David und Sydney piesackt. FĂŒr Sydney ist dabei die Körperkontrolle besonders unangenehm und die Szene versprĂŒht auch einen ziemlich komischen Vibe, besonders der Klapps auf den Po, der die Kirsche auf den Ekelkuchen setzt.
David (Dan Stevens) und Ptonomy scheinen derweil keine Ahnung zu haben, dass etwas falsch lÀuft und spiegeln eine Situation aus dem Piloten, nur mit Ptonomy als Lenny. Sydney versucht, bei den beiden Zweifel zu wecken, wird jedoch wieder von Lenny unterbrochen, die ihre Psychospielchen auskostet.
Therapy is in session

David ist als Letzter mit der Therapie dran und gibt dabei zu Protokoll, dass es eine VerĂ€nderung gab. FĂŒr ihn ist die Situation eben auch am angenehmsten, anders als die anderen durchlebt er hier nicht seine schlimmsten und traumatischsten Erinnerungen, denn Lenny ist daran interessiert, ihn zu betĂ€uben und weiter auszunutzen. In der von dem Parasitenmutanten geschaffenen Welt wirkt er tiefenentspannt. Er kann Musik lauschen und sich der Kunst und seiner Liebe zu Sydney hingeben, die er malt. Er hat kein Interesse daran, die Balance in Gefahr zu bringen, die ihm geschenkt wurde. Dennoch ist ihm eins immens wichtig: Sydney. Ohne sie wĂŒrde er auch dieses schöne Leben wahrscheinlich hinter sich lassen.
Das Schlimmste, was David diesmal widerfÀhrt, ist, dass er den Pie nicht essen darf, auf den er sich gefreut hat (herrlich, wie er einen auf beleidigt macht). Sydney möchte ihn den ihren anbieten. Das wird ihr jedoch verboten und bald sieht sie, dass alles Lug und Trug und der schöne Pie voller KÀfer ist. Alles, was der Devil schafft, ist verrottet, man muss nur hinter die Fassade schauen (können).
Feeling Good

Die Serie von wunderbaren Musikmontagen geht auch in der sechsten Episode weiter und das gleich mehrfach. ZunĂ€chst in Form eines Musikvideos mit Lenny und dem Song âFeeling Goodâ in einer Dance-Remix-Variante. Jedes Mal aufs Neue feiere ich es, wenn die Autoren so einen kleinen stylischen Exkurs einstreuen, denn er könnte auch auf MTV gelaufen sein, als dort noch Clips gespielt wurden...
Hier feiert der Schurke des StĂŒcks seinen Triumph ĂŒber seine Gegner und denjenigen, die ihr auf der Spur waren und tanzt quasi in den alten SchauplĂ€tzen und Erinnerungen. Die Welt gehört ihr, doch nicht fĂŒr immer. Im Hintergrund formiert sich eine Opposition, bei der der frozen man eine groĂe Rolle spielt. Die TĂŒr, die Sydney entdeckt hat, könnte die Schwachstelle sein, denn hier lagern die alten und eventuell wahren (wer weiĂ das bei dieser Serie schon?) Erinnerungen...
Feeling Bad
Sydney kann ihr GefĂŒhl nicht abschĂŒtteln und trĂ€umt von dem jĂŒngst erlebten. Sowohl vom Schuss auf sie und David durch The Eye - lief das vielleicht anders ab, als uns gezeigt wurde? - als auch vom Angriff des Devils in seiner adipösen Form. Dazwischen reihen sich auch schöne Erinnerungen, etwa aus dem White Room. Die beiden scheinen Anker fĂŒreinander zu sein. So besucht er sie auch mit dem inzwischen fĂŒr ihre Beziehung charakteristischen Trennkissen. Dabei bleibt Sydney mit ihren Ausbruchsgedanken am Ball, mit denen sie David anstecken will. Doch der bittet sie, fĂŒr ihn dazubleiben. Der Einfluss von Lenny-Devil ist unglaublich stark.
Mentales Schach
Sydney hat in dieser Episode quasi Davids Rolle aus dem Piloten ĂŒbernommen. Sie ist diejenige, die wittert, dass etwas falsch lĂ€uft, die eine Verschwörung und Inszenierung riecht und die sich nicht sicher sein kann, ob sie ein Spielball von höheren MĂ€chten ist. Kerry und Cary versuchen mit einem Brettspiel, ihr Hirn wachzuhalten, wĂ€hrend Sydney versucht, die TrĂ€ume der anderen zu deuten und zu hoffen, dass es ihnen Ă€hnlich geht. Die ominöse TĂŒr scheint derweil bisweilen zu verschwinden, was Sydney an sich zweifeln lĂ€sst.
Richtig merkwĂŒrdig wird es dann, als Cary von einem fliegenden Etwas heimgesucht wird, das mit dem frozen man in Verbindung steht, denn bald begegnet ihm der Mann im Taucheranzug, den er in mehreren Sprachen anspricht. Wir befinden uns, wie Carys Verletzungen im Gesicht zeigen, auf einer anderen RealitĂ€tsebene und es scheint, als wĂ€re Melanies Ehemann das Ticket aus der vom Devil geschaffenen fiktiven Clockworks-Welt.
Crickets
Als Sydney ganz deutlich wird und David von den Details zur TĂŒr, dem Klopfen und den GerĂ€uschen hört, verunsichert er sie durch vom Devil in ihn gepflanzte Informationen, die besagen, dass Sydney gefesselt eingeliefert wurde und demnach ein HĂ€rtefall ist. Die Platte leiert und Sydneys Welt wankt. Bald entdeckt sie ein pochendes ekliges Loch in der Wand, das zu bluten beginnt, und sie sieht die Wahrheit, wird jedoch von Lenny zu einer Musiktherapie âĂŒberredetâ - mit musikalischen Grillen, die sie in einen Schlaf versetzen. Das ist die zweite und noch nicht die letzte tolle musikalische Montage.
Kerry erwacht derweil aus ihrem Schlaf und merkt, dass ihr Bruder fort ist, muss sich aber nun mit The Eye als Verfolger anfreunden. Die in dieser Episode wieder eingespielten Szenen zu seinem Mordversuch könnten darauf hindeuten, dass ihre lebensgefÀhrliche Verletzung unvermeidlich ist, wÀhrend sie nur ihren Bruder finden will.
Einfach nur unerklĂ€rlich ist der Mann im BaumkostĂŒm mit Eule in der Hand in der Szene, kurz bevor ihr Exmann Kontakt mit Melanie aufnimmt. Auch hier scheint der Moment im Kampf gegen The Eye ein SchlĂŒsselmoment zu sein. Melanie versucht, die Kugeln aus ihrer Bahn zu lenken, was jedoch nicht gelingt. Dann versucht sie, die beiden aus der Schusslinie zu holen - ohne groĂen Erfolg - und so bemerkt auch sie wohl endlich, dass sie kontrolliert wird.
I knew your real father

David bemerkt derweil, dass Sydney fort ist und durch Lenny versteckt wird. Ihre Psychospielchen gehen weiter und sie kokettiert mit ihm, indem sie von den Sporen erzĂ€hlt, die Ameisen ĂŒbernehmen können, sie töten und sich schlieĂlich noch weiter ausbreiten können. Genau so etwas scheint ihr wahres Ich zu sein. AuĂerdem kennt der Devil offenbar Davids echten Vater. Hier kann man gespannt sein, wie die Autoren den Comicbezug lösen werden und ob sie explizit Professor X zeigen oder erwĂ€hnen werden. Die RivalitĂ€t wurde also vererbt und seine Adoption wirkt durch diese Information so, als wollte er seinen Sohn genau vor dieser Ăbernahme schĂŒtzen.
FĂŒr den Parasiten hĂ€tten die beiden ein mĂ€chtiges BĂŒndnis formen können, das entfesselt, wie man in Chapter 5 sehen konnte, nur schwer, wenn ĂŒberhaupt, aufzuhalten ist. Doch die Liebe zu Sydney verhindert es, dass David sich komplett zur Marionette machen lĂ€sst. Nun ist sie zunĂ€chst aus dem Spiel, was aber David nur anstacheln dĂŒrfte, sich zu wehren, wenn da nicht der Sarg wĂ€re, in den er verfrachtet wird. Und dann ist da ja noch der stille VerbĂŒndete aus der Astralebene. Dieser stattet Cary mit dem Tauschanzug aus, um Sydney aufzuwecken.
Dazu lĂ€uft wieder ein fantastischer Song. Diesmal das David-Bowie-Cover âOh! You Pretty Thingsâ. FĂŒr die Musikauswahl gibt es aufs Neue eine 1+.
Fazit
Chapter 6 ist zwar wieder eine etwas konventioneller erzĂ€hlte Legion-Folge, die weiterhin komplexe Ebenen des Verstandes verschiedenster Figuren beleuchtet und die bekannten Charaktere neu interpretiert und vorstellt. Eine etwas âschwĂ€chereâ âLegionâ-Episode ist dafĂŒr immer noch bockstark und sehenswert. Sie bleibt somit eine der besten aktuellen Serien. Musik, Inszenierung (wie gut ist eigentlich der Shot mit Lennys Augen im Therapiezimmer?) und Style (dieses Musikvideo!) der Serie sind unschlagbar.
Verfasser: Adam Arndt am Donnerstag, 16. MĂ€rz 2017Legion 1x06 Trailer
(Legion 1x06)
Schauspieler in der Episode Legion 1x06
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