Iron Fist 1x13

© anny Rand (Finn Jones, m.) und Co. auf der vergeblichen Suche nach Qualität... / (c) Netflix
Vielleicht liegen wir alle falsch. Mit „wir alle“ meine ich nicht nur die zahlreichen Fernsehkritiker weltweit, sondern auch die Zuschauer, die bei der Sichtung der ersten Staffel von Iron Fist gar nicht mehr aus dem Kopfschütteln herausgekommen sind. Vielleicht haben wir Netflix' neuesten Marvel-Streich einfach missverstanden und sind nicht objektiv genug, ganz ähnlich, wie bei Matthias Schweighöfers Amazon Prime Video-Hackerserie You Are Wanted, die von vielen Seiten keine faire Berichterstattung erfahren hat, so zumindest Schweighöfer selbst.
Vielleicht haben „wir alle“ aber auch einfach recht. Ich möchte gar nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die „Iron Fist“ etwas abgewinnen können und ihren Spaß mit dem Martial-Arts-Abenteuer von Netflix hatten. Das freut mich für Euch, ganz ehrlich. Aber um ausnahmsweise mal objektiv zu bleiben, so wird es von der Kritikerlandschaft ja offensichtlich verlangt, müssen wir auch ganz offen und ehrlich festhalten, dass „Iron Fist“ ein gewaltiger Schuss in den Ofen ist. Das hat nichts mit irgendwelchen subjektiven Wahrnehmungen zu tun, das erkennt einfach ein großer Teil der Allgemeinheit, die sich dieses Format angeschaut haben und einheitlich zu dem Schluss gekommen sind, dass in der letzten Soloserie vor Marvels The Defenders eigentlich fast alles im Argen liegt.
Erfolgshit mit Beigeschmack
Konsumiert wurden die 13 Episoden der ersten Staffel von „Iron Fist“ laut den Analysten von 7Park Data dennoch wie verrückt. Nach der herben Medienschelte und etlichen deftigen Kritiken, die Netflix für die Serie einstecken musste, horchen jetzt eventuell ein paar Aluhutträger auf. Interessant, dass diese Information genau jetzt veröffentlicht wird, nachdem Danny Rand mehr Schläge einstecken musste, als seine schmächtige Hühnerbrust wegstecken kann. Normalerweise sind die Abrufzahlen von Netflix eines der bestgehütetsten Geheimnisse des VoD-Anbieters. Glücklicherweise kann ein externes Datenunternehmen nun für etwas positive Publicity sorgen, gerade als der Wind etwas rauer weht. Aber wir möchten nicht irgendwelche Spekulationen befeuern...
Die alte Leier
Tatsächlich kommt der qualitative Misserfolg von „Iron Fist“ zu einem ungünstigen Zeitpunkt für Netflix, zumindest mit Blick auf die Marvel-Serien des Streamingdienstes. Die erste, brachiale Staffel von Daredevil war ein Erfolg, Staffel 2 baute etwas ab und verzettelte sich nach guten Beginn zum Ende hin. Jessica Jones gestaltete sich solide und hat bisher substantiell von allen Netflix-Marvel-Serien am meisten zu bieten gehabt, während Luke Cage trotz nicht weniger brisanten, relevanten Themen unter einer monotonen Hauptfigur und einem altbekannten „Krankheitsbild“ leidet, dem sich auch „Daredevil“, „Jessica Jones“ und Neuling Iron Fist unterwerfen müssen: eine Staffellänge von 13 Episoden.
Alle bisherigen Marvel-Ableger aus dem Hause Netflix (und viele andere Serien des VoD-Anbieters auch...) täten gut daran, ihre Geschichten ordentlich einzudampfen. Man muss sich nicht beruflich mit Serien beschäftigen, um feststellen zu können, wenn eine Geschichte lahmt, sich wiederholt oder einfach nur im Kreise dreht. Das fehlende kontrollierende Element von Seiten Netflix' gegenüber den Serienmacher, die stets freies Geleit haben, fördert diese Problematik. Die kreativen Köpfe haben Ideen für zehn oder gerade einmal acht Episoden und saugen sich dann noch fix ein paar hanebüchene Nebengeschichten aus den Fingern, während der zentrale Handlungsbogen unnötig gestreckt wird. So auch - oder besser gesagt: vor allem - in „Iron Fist“. Wenn es nur dabei bleiben würde...
Trailer zu „Iron Fist“:

Einer von vielen
Während Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage vielleicht noch interessante Nebenfiguren, zentrale Charaktere, mit denen man mitfiebert, oder ein lebhaftes Lokalkolorit zu bieten haben, bleibt Iron Fist auf weiter Flur hinter allen noch so geringen Erwartungen zurück. Die Geschichte über einen totgeglaubten Milliardärssohn, der nach Jahren zurück ins kalte, mit Hochhäusern zugepflasterte Manhattan in New York kehrt, scheitert bereits an einer biederen Prämisse, die einen mit den Achseln zucken lässt.
Auf der Suche nach einem eigenen Ton wird „Iron Fist“ bis zur letzten Episode seiner überlangen ersten Staffel nicht fündig. Ein bisschen „fish out of water“, ein wenig „corporate legal drama“, schlecht choreographierte Martial-Arts-Einlagen dazwischen (die teilweise im Rahmen von 15 Minuten Probezeit entstanden sind, was man sieht) und nicht zu vergessen ein Plot mit zahlreichen „überraschenden“ Wendungen. Eine wohl durchdachte Erzählung erschließt sich einem nicht. Es entsteht der Anschein eines unfertigen Produkts, das sich Versatzstücke aus vielen verschiedenen Genres nimmt, ohne jedweden Anspruch, das Rad neu zu erfinden. Daran gibt es eigentlich auch nicht viel auszusetzen, denn welche Idee ist heute noch originell? Dann müssen es eben die Charaktere sein, die uns fesseln und bekannten Geschichten Leben einhauchen.
Die Hauptfigur als Hauptproblem
Auftritt Danny Rand, dessen Naivität schnell zu seiner nervigsten Eigenschaft wird und den man im noch so dramatischen Moment nicht ernst nehmen kann. Liegt es an der Figurenzeichnung? Zum Teil ja, denn der so unschuldig wirkende Danny ist bei Weitem nicht so sympathisch, wie es sich Serienmacher Scott Buck und seine Autoren vorgestellt haben. Vielmehr entsteht immer wieder der Eindruck eines verzogenden Balgs, über dessen Leiden wir so gut wie nichts erfahren (was denken sie sich eigentlich mit all diesen Flashbacks ins Pappmaché-K'un-Lun?) und dessen „Charakterentwicklung“ keine 13 Episoden benötigt. Zu einem größeren Teil, so sehe ich es zumindest, liegt es aber auch an dem komplett fehlbesetzten Finn Jones. Nicht nur, dass er physisch eine schlechte Figur abgibt und die meditativen Bewegungen der asiatischen Kampfsportkunst unfreiwillig ins Lächerliche zieht.
Worst. Iron Fist. Ever.
Kommt es darauf an, einen entscheidenen Moment in der Persönlichkeitswerdung Dannys zu porträtrieren, versagt Jones aufgrund seines unglaubwürdigen, halbgaren Schauspiels. Als hätte man ihm gerade erst seine Dialogzeilen gegeben, die er zum ersten Mal aufsagt. An Elan fehlt es zwar nicht, die Exekution vieler Szenen, in denen Jones das Charisma eines seelenlosen Stahlbolzens hat, ist jedoch dermaßen mangelhaft, dass es zur Herausforderung wird, nicht frustriert aufzuschreien. Was wurde im Vorfeld von „Iron Fist“ und auch nach dem Start der Serie nicht alles über die Chance diskutiert, Danny Rand mit einem asiatisch-stämmigen Darsteller zu besetzen. Lewis Tan wäre es bekanntermaßen beinahe geworden (er spielt „Drunken Masterfist“ Zhou Cheng in der achten Episode, einer der wenigen memorablen Kämpfe), die Serienmacher entschieden sich aber offensichtlich mit Finn Jones für den größeren Namen.
Es wäre ein weiteres Zeichen der Diversität sowie des Respekts gegenüber einer ganzen Kultur gewesen, ich persönlich hätte mich aber auch mit jedem anderen Darsteller außer Finn Jones anfreunden können. Wer weiß schon, wie sich Lewis Tan geschlagen hätte? Bei Jones herrschte von Beginn an eine gewisse Skepsis vor, die bestätigt wurde. Wo Matt Murdoch, Jessica Jones und Luke Cage passend besetzt sind, wirkt Danny Rand komplett fehl am Platze. Mit diesem „Ballast“ geht es im August in die erste Staffel der Ensembleserie The Defenders, die glücklicherweise nur acht Episoden lang sein wird, wobei diese Staffellänge angesichts der Tatsache, dass hier gleich mehrere vermeintliche Hauptcharaktere auftreten werden, fast schon ein wenig ironisch anmutet.

Copy
Geben wir Danny Rand beziehungsweise Finn Jones eine kleine Atempause und widmen wir uns der Welt und den Charakteren um ihn herum. Wie bereits erwähnt, könnte das Setting von Iron Fist lebloser und grauer nicht sein. Erneut bietet sich der Vergleich zu anderen Marvel-Serien von Netflix an: Da hätten wir das düstere Hell's Kitchen, das urbane Harlem, den stimmungsvollen Noir-Stil in Jessica Jones... „Iron Fist“ bietet nichts dergleichen und recycelt vielmehr die Ästhetik seiner Defenders-Kollegen, darunter am liebsten ganze Kulissen aus Daredevil. Sogar einige Szenen aus vorangegangen Marvel-Dramen werden schamlos kopiert, was „Iron Fist“ wie ein billiges Plagiat wirken lässt, das inszenatorisch keine eigenen Ideen vorweisen kann.
Den Kämpfen, in denen Danny Rand die Eisenfaust schwingt, fehlt es zumeist nicht nur an Dynamik, sondern gar einem dramatischen Aufbau, sodass selten Spannung entsteht. Es mangelt schlichtweg an Durchschlagskraft und visuellen Alleinstellungsmerkmalen, die Choreographien werden unnötig in viele kleine Schnitte zerstückelt (um das offensichtliche Stuntdouble von Jones zu verstecken, das man so oder so erkennt) und vermitteln nur wenig von dem Anmut asiatischer Kampfkünste. Darüber hinaus ist es auch nicht besonders hilfreich, dass die Kräfte und besonderen Fähigkeiten des Protagonisten nie richtig erklärt werden. Manchmal ist sein Chi aufgeladen, manchmal nicht. Dann leuchtet seine Faust, dann wieder nicht.
Paste
Im direkten Zweikampf gibt da zum Beispiel Jessica Henwick als Colleen Wing eine weitaus bessere Figur als Danny ab, doch auch hinsichtlich ihrer Entwicklung macht sich schnell Frust breit. Präsentiert sich Colleen anfangs noch als eigenständig und selbstbestimmend, verkommt sie im weiteren Verlauf der Staffel zu einem langweiligen Love Interest für unseren Helden, die natürlich noch öfters total überraschend die Loyalitäten wechselt. Ja, selbst Rosario Dawson ödet als Claire Temple irgendwann nur noch an, was vor allem daran liegt, dass sie weniger Charakter als einfach nur Verbindungsstück zwischen den verschiedenen Marvel-Helden ist und jetzt schon zum dritten Mal die gleiche Geschichte durchmachen muss.
In der Riege der Nebenfiguren ist man da schon fast verleitet, am ehesten Interesse für Tom Pelphreys Ward aufzubringen, der in der ersten Staffelhälfte eine einigermaßen spannende Entwicklung durchmacht, als er sich gegen seinen untoten Vater Harold Meachum (David Wenham) aufbäumt. Dieser geht als einer der beiden zentralen Schurkenfiguren in Iron Fist indes die meiste Zeit komplett unter und strahlt nicht im Ansatz eine Bedrohung wie Wilson Fisk, Cornell Stokes oder der Purple Man aus. Während die von Jessica Stroup gespielte Joy Meachum überwiegend ahnungslos modische Kleidungsstücke spazieren tragen darf, wirkt der Heroin-Plot um Madame Gao (Wai Ching Ho) so, als wäre er im Autorenzimmer von „Daredevil“ vom Tisch gefallen, nur um in „Iron Fist“ aufgegriffen zu werden.
Repeat
Um das Ganze dann noch zu verkomplizieren, tritt auch noch der Geheimverbund „The Hand“ in Person des ach-so-mysteriösen Bakuto (Ramon Rodriguez) auf, um der gnadenlos überladenen, aber paradoxerweise inhaltlich erschreckend leeren ersten Staffel den Rest zu geben. Ein kleiner Teaser zum Ende - Joy will Rache und macht gemeinsame Sache mit dem eifersüchtigen Kampfmönch Davos, während Gao genüsslich am Teebecher schlürft und Danny geschockt feststellt, dass K'un-Lun wie vom Erdboden verschwunden ist - und fertig ist die Laube.
Was bleibt ist Ernüchterung. Keine andere Marvel-Serie aus dem Hause Netflix hat so wenig zu sagen wie Iron Fist. Riesige Sprünge in der Handlung und im Charakterverhalten, ein langweiliger, aufgeblasener Plot und kein eigenes Profil. Man könnte meinen, dass den Verantwortlichen kurz vor The Defenders eingefallen ist, dass sie noch eine Serie über die stärkste Faust von K'un-Lun brauchen. Also schustert man schnell etwas zusammen, die Zuschauer werden es sich schon anschauen. Und wie wir sehen, ist das auch der Fall. Ich selbst bin Teil des „Problems“ und kämpfte mich angestrengt und genervt durch die erste Staffel von Iron Fist, in der Hoffnung, dass irgenwann Besserung eintritt. Vergebens. Aber vielleicht liege ich auch einfach falsch. Netflix wird mich schon noch Lügen strafen, wenn demnächst eine zweite Staffel bestellt wird. Die guten Abrufzahlen sprechen ja für sich.
Wie hat Euch die erste Staffel von „Iron Fist“ gefallen?
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 8. April 2017(Iron Fist 1x13)
Schauspieler in der Episode Iron Fist 1x13
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